Als hochbegabter Langweiler sieht sich Peter Turi selbst. Unter anderem. Der Macher des Mediendienstes Turi2 hat bei einem Besuch im Clap-Club offen über seinen Erfolg und sein Scheitern gesprochen.

Was war Ihr größter Fehler?

Mein größter Fehler? … Es gibt so viele! Wahrscheinlich war mein größter Fehler, nach meinem Ausstieg bei kress im Jahr 2000 nicht das schöne Geld zu nehmen, eine Weltreise zu machen und in aller Ruhe zu schauen, wo eine lohnende Aufgabe auf mich wartet.

Stattdessen haben Sie …

… sofort, ohne über Alternativen nachzudenken, alles Geld auf eine Internet-Idee gesetzt, mit der ich dann auch Ende 2001 unter- und Pleite gegangen bin.

Wie hat das Ihr Leben verändert?

Anfangs auf eine schreckliche, am Ende aber auf eine gute Art: Ich wurde aus der beruflichen Bahn geschleudert und fand Boden erst wieder als kochender Hausmann und erziehender Vater meiner drei Kinder. Die Familie war mir Halt in einer eigentlich haltlosen Situation. Hätte ich diesen Fehler vermieden, wären mir die wunderbaren und intensiven Jahre mit meinen Kindern verloren gegangen. Auch heute noch teilen meine Frau und ich uns Kindererziehung und das Kochen – eine sehr befriedigende Situation für die ganze Familie.

Sie wirken tatsächlich sehr zufrieden. Ist Ihr größter Fehler also zu Ihrem größten Glück geworden?

Nein. So würde ich das nicht formulieren. Ein glückhaftes Scheitern sieht anders aus. Aber ich habe im Scheitern glückliche Momente erlebt.

Erzählen Sie uns bitte von einem.

Es gab einen sehr stillen, intensiven Moment, an den ich mich ausgesprochen gern erinnere. Ich saß an einem schönen Frühsommertag im Garten einer Klinik auf einer Bank unter einer sehr alten Kastanien. Neben mir ein sehr lieber Mensch. Wir gar nicht mal viel geredet, nur die Stille, die Ruhe und die Nähe genossen. Aber wir saßen da, bis die Sonne unterging. Damals wurde mir klar: Die Welt ist schön. Und ich brauche nicht erfolgreich, wichtig und reich zu sein, um Teil dieser harmonischen Ordnung zu sein. Der Mensch hat seine Würde daraus, dass er Teil des Schöpfung ist. Das war der Moment, in dem ich mein altes Leben und meinen Hyper-Ehrgeiz hinter mir ließ.

„Teil einer harmonischen Ordnung“ – beruflich sind Sie das nicht immer. So manch einer ist wütend – etwa weil Sie nicht immer so ganz genau zitieren.

Ich habe festgestellt, dass seltsamerweise in Blogs diejenigen am lautesten schreien und am empfindlichsten reagieren, die selbst am kräftigsten austeilen. Zum Glück gibt es genügend Leser, die mich anrufen oder anmailen und sich für meine Arbeit bedanken. Neulich habe ich sogar einen richtigen Papierbrief eines Verlegers bekommen, der sich für ein langes Gespräch und einen intensiven Gedankenaustausch bedankt hat – das finde ich alles andere als selbstverständlich in diesen Zeiten der schnellen, aber unverbindlichen E-Mails.

Nochmal nachgefragt: Stört es Sie, wenn man Ihnen Unsauberkeit vorwirft oder perlt es an Ihnen ab?

Abperlen – dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin nicht Teflon-beschichtet, und an mir bleibt vieles hängen. Aber: Ich gebe am Tag rund 50 Informationseinheiten raus – Meldungen, Zitate, Lesetipps. Und wenn es da in der Woche zwei oder drei kleinere Fehler gibt, sind die zwar ärgerlich, aber es ist eine Quote, mit der ich leben kann. Sicherlich verleitet das Internet manchmal dazu, der Schnelligkeit den Vorzug vor der Genauigkeit zu geben. Am Ende sage ich mir: Niemand ist ohne Fehler – außer vielleicht den zwei oder drei deutschen Spitzen-Motzbloggern, die den Balken im eigenen Auge nicht sehen wegen des Splitters im Auge des anderen.

Fühlen Sie sich in solchen Kritik-Situationen manchmal falsch verstanden?

Kritik sagt meistens mehr über den Kritisierenden als über den Kritisierten. Dass einige Herren mit dicken Boxhandschuhen ein so zartes Glaskinn haben oder ein bestimmter Kritikerpapst sich für unfehlbar hält – was soll’s?

Mal ehrlich: Sie haben doch  Spaß dran, manchmal  mit Ihren Texten oder Kommentaren ein wenig zu sticheln!?

Na klar, Provokation ist heilsam. „Das ist kein rechter Mann, der einen klaren Stoß nicht vertragen kann“, sagt Tucholsky. Aber ich trete niemals jemanden, der am Boden liegt. Und ich heule ungern mit der Meute. Wenn alle in eine Richtung laufen, probiere ich aus Prinzip die Gegenrichtung. Ich sag’s mal mit Kurt Marti: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.

Stichwort „Meute“: Wie groß ist Ihre Angst, dass die über Sie herfällt, wenn Sie Ihre hoch gesteckten Ziele mit turi2.de nicht erreichen?

Sehr gering. Erstens weiß ich, dass turi2 prima funktioniert. Und zweitens bin ich abgehärtet. Spott und Häme habe ich zu Zeiten meines Scheiterns anno 2001 reichlich erlebt.

Hängt Ihr Herz eigentlich noch an den „Gelben“?

Kress ist Teil meiner Biografie. Aber ich konnte es nicht mehr hören, wenn ich auf Kongressen als „Peter Turi – Ex-Kress“ vorgestellt wurde. Das wollte ich dann doch nicht auf meinem Grabstein stehen haben.

Sondern?

„Er starb neugierig.“

Erfreulicherweise leben Sie noch. Was sind Sie für ein Mensch?

Ein schwieriger Mensch, ein zerrissener, ein ungeduldiger, ein hochbegabter, ein dilettierender und langweiliger Mensch.

Ein dilettierender? Was ist für Sie überhaupt Erfolg?

Erfolg hat, wer an einem Ort, den man selber gewählt hat, mit Leuten, die man mag, an einer Sache arbeiten, die ihn begeistert und bereichert. So gesehen bin ich nahezu erfolgreich.

 Welcher Erfolg ist leichter: der berufliche oder der private?

Der berufliche ist wesentlich leichter. Der private wichtiger.

Bleiben wir beim beruflichen. Wo ist er leichter: im Web oder außerhalb?

Die Chancen im Web 2.0 sind größer. Aber: Der Segen des Web 2.0 ist, dass jeder publizieren kann. Der Fluch ist: Fast jeder tut es. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist auf jeden Fall leichter geworden, außerhalb von verkrusteten Strukturen zu publizieren. Aber es ist schwieriger geworden, gehört zu werden.

Mit welchem Gericht würden Sie als leidenschaftlicher Koch das Online-Business vergleichen?

Definitiv: Kaiserschmarrn. Um an die Rosinen zu kommen, muss man sich durch eine Menge Teig arbeiten.