Roland Tichy macht den „WiWo“-Chefsessel frei für Miriam Meckel. Wer ist der Mann, der gern Hut trägt, Old Shatterhand als Vorbild nennt und eine offene Feindschaft mit „Welt“-Autor Matthias Matussek pflegt? Ein Porträt von Bijan Peymani aus Clap-Ausgabe 10:

Der Medienpilger

Ein vom „Amor fati“ geleiteter Sarrasani im Medienzirkus, der lieber strümpfig als unbehütet durchs Leben stechen würde – so gefällt sich Roland Tichy im Clap-Gespräch. Getarnt mit bayerischem Charme und gutmütigem Blick, bleibt er doch ein Waffennarr der Worte.

Eigentlich habe er ja gar keine Lust, erstens jetzt und zweites ganz grundsätzlich etwas von sich preiszugeben, brummt Roland Tichy. Eigentlich. Also gut, dann mal los. Die Neugier auf andere Menschen und seine Schwäche für gut erzählte Geschichten – auch und erst recht die eigenen – siegen über innere Widerstände. Da sitzt er nun, bald 52-jährig, schaut durch gütige Augen erwartungsfroh auf sein Gegenüber und lächelt milde, mit der Aura eines Philanthropen.

Huldigen oder hassen?

Das soll der Typ sein, dem sie wahlweise huldigen oder den sie hassen? Ein provokanter Zyniker? Doch eher der liebe Onkel. Weit gefehlt – Tichy ist ein echter Wadenbeißer. Einer, der nur zu gern dahin geht, wo’s weh tut. Politischer Kopf und Vollblutjournalist alter Schule – getrieben von dem Versuch, die Wirklichkeit zu verstehen. Die Düsseldorfer Verlagsanstalt Holtzbrinck mag ihn vor allem deshalb auf die „WiWo“- Kommandobrücke beordert haben. Für den Bayern jedenfalls schließt sich damit der Kreis: Zwischen 1985 und 1990 wirkte Tichy bereits als Bonner Korrespondent des Wirtschaftsmagazins. Ob er schon angekommen sei, in seiner neuen Rolle? „So sehr, wie man ankommen kann, wenn man zwischen Düsseldorf und Frankfurt pendelt.“ In Mainhattan lebt der studierte Volkswirt mit Frau Andrea, und die ist sein Nomadenleben längst gewohnt – jetzt eben nicht mehr Berlin, sondern Düsseldorf.

Tichy-Cover

„Ich bin im Prinzip ein erdverbundener Mensch, wir finden das alle lästig“, bekennt Tichy und meint damit zuvörderst die beiden jüngsten der drei Kinder – acht, zwölf und 24 Jahre alt. „Im Augenblick erlaube ich mir den Luxus, vier Wohnsitze zu unterhalten: Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Traunstein“, kokettiert der „WiWo“- Chef. „Und der Rasierapparat liegt immer in der falschen Wohnung.“ Das sind die Live-Bilder, die das Feuilleton liebt.

Genauso wie seinen Tick mit der Kopfbedeckung: „Ich trage immer einen Hut, der Kopf ist schließlich das wertvollste Körperteil des Menschen!“ Lieber würde er auf Schuhe verzichten. Auch zum Gespräch heute erschien Tichy nicht oben ohne. Mit selbstverständlichem Stolz grüsste er zum Start mit einem „Tegischer“- Hut, einem leichten Tiroler Reisehut aus feinem Hasenhaarfilz. Strapazierfähig, schlicht, todschick! Und so sympathisch von gestern. Wertkonservativ? – Ja, das sei er unbedingt, platzt es aus diesem Wolf im Schafspelz heraus, ohne zu überlegen. So ist ihm diese spontane, auch in vielen Redaktionen eingebürgerte Duzerei komplett zuwider. „Das ,Du‘ ist ein Ausweis persönlicher Nähe und muss schon deshalb streng rationiert werden.“ Punkt. Und typisch Tichy: kurze Sätze, keine Lyrik – wahlweise selbstironisch oder messerscharf formuliert.

Als Zwölfjähriger hatte der frühadoleszente Roland mit dem „Oberbayerischen Landboten“ das erste eigene journalistische Projekt in Angriff genommen, inspiriert vom Vater, einem Steuerberater, der eines Tages ein flottes Maschinchen zur „Wachsmatritzvervielfältigung“ mit nach Hause brachte. Höhe- und zugleich Tiefpunkt des Schaffens von Tichy junior war sicher der Aufstieg und Fall der von ihm entwickelten „Telebörse“.

Sein Vorbild: Old Shatterhand

Von Reue dennoch keine Spur, von Scham schon gar nie nicht. Denn was auch immer der Ex-Vizechefredakteur des „Handelsblatts“, Ex-Cheffe von „Impulse“, besagter „Telebörse“ und „DM/Euro“ sowie als Ex-Jurymitglied der RTL-Chose „Big Boss“ in seinem Fach anpackt, er tut es „mit Mut, Kraft und Aufrichtigkeit“. Übrigens ganz so wie sein großes Vorbild Old Shatterhand, dem Tichy schon im zarten Alter von sieben nacheiferte. Die „Schmetterhand“ hat er trainiert und stets verfeinert. Beispiele gefällig? „Hiesige Medien sind von einem meinungsgetriebenen Vorurteilsjournalismus geprägt.“ Oder: „Herr Matussek ist die Tatjana Gsell des deutschen Feuilletons. Alles falsch – und es wackelt.“ Das Bedauern um fehlende Recherche und einen Mangel an investigativen Geschichten mag man teilen, Tichy könnte ja schon mal anfangen, in der eigenen Redaktion danach zu fahnden. Die Hochverachtung für Matthias Matussek basiert auf einem hitzigen ARD-„Presseclub“ zur Renaissance des deutschen Nationalgefühls im Märchensommer 2006. Den „ganz linken Finger“ (Matussek über Tichy) kontert der so Gescholtene mit der Feststellung: „Wer Hitler als Freak-Unfall verharmlost, dem muss man entgegentreten.“ Sarkasmus und Ironie trägt Ritter Roland als Schwerter stets bei sich – „im Dienste der Wahrheitsfindung“.

Tichy_Bild_1

Mit der Wahrheit ist es, das hat Tichy selbst erkannt, aber so eine Sache. Lieber spricht er von Wahrhaftigkeit. „Wahrheit ist unendlich, göttlich, nicht irdisch zu finden.“ Genau genommen sei er persönlich „eigentlich schicksalsergeben – Amor fati, im besten Sinne Nietzsches“. Und bekräftigt dies mit seinem Lebensmotto: „Ein jedes hat seine Zeit.“ Ruht da einer wirklich so sehr in sich selbst – wie etwa bekämpft Tichy negativen Stress?

Ein gestrenger Zuchtmeister

„Das ist in der Tat ein großes Thema, ich kann ganz schwer abschalten.“ Wenn er doch nur wenigstens ein Instrument beherrschte. Immerhin hört er Chopin, sein Entspannungsritual. Es sind diese Gegensätze – kantig hier, feinsinnig dort, Nietzsche-Fan, doch gut katholisch, mal Hasskappe, mal Philanthropenhemd –, die Tichy zum irgendwie sympathischen Typ machen. Und den gestrengen Zuchtmeister („will keine leistungslose Kuschelatmosphäre“) vom Despoten unterscheiden. Dass er sich dabei gut zu inszenieren weiß, erscheint als lässliche Sünde und kann der neuen Wirkungsstätte im Erfolgsfalle nur zuträglich sein. So, jetzt ruft die Pflicht, der Direktor will zurück in seinen Zirkus. Muss Temperamente bändigen, Talente zusammenführen, hier mit der Peitsche drohen und dort milde motivieren. „Nie ohne meinen Hut“, sagt’s, greift seinen „Tegischer“ und entschwindet schon wieder. Zu viel Trivialität ist Tichys Sache nicht.Chefredakteur

(Bijan Peymani) Illu: Bulo; Fotos: Clap, Medientage München