Schöner scheitern

Wo sie war, war vorn. Dann erlitt die ehemalige Radiomanagerin Esther Busch mit einem grandiosen Plan noch grandioseren Schiffbruch – und kehrte der Branche den Rücken. Im Clap-Gespräch gibt die frühere Außenwerberin erstmals offen Einblick in ihr Seelenleben, beschreibt ihre größte Niederlage heute als ihr größtes Glück.

Es gibt Menschen, die probieren was. Brennen für die eine große Idee. Sammeln Verbündete und zetteln Revolutionen an. Holen sich Beulen, stolpern und fallen. Dann schütteln sie sich, stehen auf und versuchen es wieder. Und es gibt Esther Raff. Mit ziemlicher Chuzpe begütert und vom Erfolg verwöhnt, musste der ehemalige Radiostar erst lernen, „dass ich selbst eben auch richtig in Scheiße greifen kann“. Greifen darf. Das hatte sich Raff bis dahin verboten.

Ehrgeizig bis in die schulterlangen Haarspitzen, war für das jüngste dreier Kinder von klein auf nie der Weg, sondern der Wunsch das Ziel. Und was sich Raff vornahm, erreichte sie auch – keine Zweifel, keine Diskussion! Eine Kompromisslosigkeit, die sie erst nach Frankfurt und dann an die Spitze der AS&S führte, des Vermarkters des ARD-Hörfunks, des „Ersten“ und einiger privater Radiostationen. Bis 2011 verkörperte Raff nur eine Losung: Alles auf Sieg! Was dann geschah, trägt tragische Züge. Nach Jahren des kometenhaften Aufstiegs quittierte Raff ihren gut dotierten Job und zog – ihren damaligen AS&S-Vertriebsleiter im Schlepptau – aus, um den einigermaßen schläfrigen Radiomarkt hierzulande wachzuküssen. Ach was, mit Partner Klassik Radio („der perfekte Kern“) und dem sympathischen Start-up „DaRio“ wollte die Raff die nationale Hörfunkvermarktung von hinten aufrollen.

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Doch der liebe Gott lässt keine Bäume in den Himmel wachsen, und so wurde das Vorhaben zum Rohrkrepierer, die Raff statt zum Hero der Szene zur kleinlauten Maulheldin. Sie sei bis heute überzeugt, dass ihr Konzept richtig war, „aber ich habe damals ein paar Sachen völlig falsch eingeschätzt – wie das manchmal so ist, bei Dingen, die man sich traut“. Das Projekt sei an „sehr unterschiedlichen Vorstellungen“ von Klassik Radio und ihr gescheitert. Mehr sagt Raff nicht. Selbstkritisch, wie Jungfrauen im Allgemeinen sind – und eine Raff im Besonderen –, offenbart sie, sie habe es „wissen müssen und können“ und „trotz eindeutiger Signale nicht richtig hingeguckt“. Dass ihr, der bis dahin so perfekten, stets optimal auf eine Aufgabe vorbereiteten Karrierista, so was mal passieren würde, undenkbar, ja unverzeihlich! „Ich bin mit Karacho voll vor die Wand gefahren, das hat wirklich wehgetan, persönlich.“

Um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte, lohnt ein Blick in Raffs Kindheit. Da schon war sie ehrgeizig, noch etwas zu quirlig, aber irgendwie schien ihr alles leichtzufallen. Und sie war den meisten in ihrer Altersgruppe meilenweit voraus: „Ich habe mich für viele Sachen gleichzeitig interessiert, unabhängig davon, ob ich dafür schon reif war oder nicht“, sagt Raff. Bereits als Steppke konnte Esther lesen, schreiben und Klavier spielen – ganz ohne Lehrer.

Bezeichnend, dass Raff, aufgewachsen in Ratingen bei Düsseldorf, schon mit fünf eingeschult wurde. „Ich hab mich im Kindergarten furchtbar gelangweilt, wollte da nicht mehr hingehen und hab einen Terz gemacht.“ Auf die Frage, ob sie hochbegabt sei, bricht Raff in herzhaftes Lachen aus. Und schiebt nach, eine ziemliche Mathe-Null gewesen zu sein; für das mitunter sehr zeitraubende Denken in logischen Strukturen fehle ihr einfach die Geduld, erklärt sie.

Selbst erfundene Geschichten

Wie überhaupt in jenen Kindertagen dazu, sich auf nur eine Sache einzulassen – etwa, ein Instrument zu beherrschen. Da konnte auch die eigene Mutter, eine Konzertgitarre- und Harfe- Lehrerin, nichts ausrichten. Das gelang allein beim ersten Sohn, einem Ingenieur, aus dem ein wahrlich guter Musiker wurde, wie Raff lobt. Er, fünf Jahre älter als Esther, war es auch, der ihr das Tanzen beibrachte und zeigte, wie man doofe Jungs in die Schranken weist.

Statt in die Tasten oder zum Pinsel griff Raff zu Stift und Block, lernte Journalismus von der Pike auf. Wer weiß, welchen Anteil die Tennisfreundin der Mutter und Hausärztin der Familie daran hatte. Jedenfalls nahm sie Estherchen beim sonntäglichen Spaziergang stets an die Hand und rief ihr munter Stichworte zu. Die verdichtete das Gör aus dem Stegreif und mit Eifer zu selbst erfundenen Geschichten. Gefordert und ernst genommen zu werden, das mochte sie. Etwas, was bis heute gilt. Wer sich Raff zuwendet, von dem erwartet sie Ernsthaftigkeit und Tiefe. Banalität und Oberflächlichkeit straft sie indes mit demonstrativem Desinteresse ab. Umgekehrt zeigt sie sich aufgeschlossen und begeisterungsfähig für Dinge, die sie noch nicht erlebt oder ausprobiert hat. Des einen Freud ist des anderen Leid: „Ich habe manchmal einen zu hohen Anspruch an meine Umwelt und vergesse schnell, dass das andere erdrücken kann.“ Vielleicht gilt sie ihren Kritikern deshalb als nicht besonders teamfähig.

Da half ihr „DaRio“, ein Knock-out, von dem sich Raff „nur mühsam“ erholte. Und von dem sie inzwischen sagt, er habe ihr beruflich wie privat „unheimlich gutgetan“. So klar vor aller Augen abzukacken, zum ersten Mal im Leben, das habe sie „sehr geerdet und vieles zurechtgerückt“. Und sie herausgerissen, aus ihrem permanenten Angriffsmodus. „Ich habe zu akzeptieren gelernt, dass Menschen Fehler machen, dass auch ich Fehler machen darf.“

„Mental bespiegelt“

Selbstvertrauen angeknackst, Selbstwertgefühl im Keller: Im Kreise ihrer Familie und mit der Unterstützung ihres Lebensgefährten sowie enger Freunde fand Raff zu sich selbst zurück. Es mag irritieren, aber scheitern zu können, scheitern zu dürfen, habe ausgerechnet sie gelassener gemacht, sagt sie. Sie hake Dinge im Positiven wie im Negativen heute schneller ab. Oft sind es Kleinigkeiten, manchmal auch so große Themen wie keine Kinder bekommen zu haben.

„Ich hätte tatsächlich gern welche gehabt, aber es hat sich nicht ergeben“, erklärt Raff, „dann muss ich das auch nicht post-rationalisieren und behaupten: wollte ich sowieso nicht.“ Sie sei dankbar für die Talente, die ihr gegeben seien und Zufriedenheit bescherten. Raff: „Ich finde, dass man in so einem Fall keinem anderen Lebensentwurf hinterherweinen soll.“ Zu dieser Einstellung verhalf ihr womöglich der Coach an ihrer Seite: „Er hat mich mental bespiegelt.“

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Das war Ende 2011. In der Folge habe sie „ein bisschen besser verstanden, wieso bestimmte Mechanismen bei mir ablaufen, und mehr Distanz zu mir selber bekommen“. Trifft man sie heute, dann hat man das Gefühl, die Raff hat sich nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich verändert. An der Radiofront einst gekleidet wie eine Oberprimanerin, wirkt sie heute fast etwas bieder, in ihrem Leutheusser-Schnarrenberger-Outfit.

Doch die Metamorphose vom Manager-Typ zum Menschen steht ihr gut. Wie überhaupt der von ihrem Coach eingeleitete selbstreflexive Prozess der Raff guttat. Denn den ganzen Tag mit sich auszuhalten sei „auch für mich nicht immer nur schön“. Ja, die Raff kann echt anstrengend sein, mit ihrem (selbst)kritischen Naturell und dem unbändigen Drang nach vorn, immer in Bewegung, auf zu neuen Ufern, meist in einem Affentempo.

Es war wohl eine Schicksalsfügung, dass sie nur kurz nach ihrem Karriereknick diesen Anruf von Außenwerber Ströer erhielt und im März 2012 in Köln als Geschäftsführerin Marketing und Vertrieb anheuerte. Vielleicht war es der Lohn für ihren inneren Gang nach Canossa, bei Ströer nun die erste Frau überhaupt in einer Leitungsfunktion zu werden. Jedenfalls scheinen die Raff und Ströer, gemessen an ihren Idealen, ein kongeniales Paar zu sein.

Karriere kann man nicht planen

Man darf es ihr abnehmen, wenn sie sagt, dass dieses Engagement für sie eine Überraschung war. Spätestens seit der „DaRio“-Nummer ist Raff überzeugt, dass man Karriere nicht planen kann – „oder jedenfalls nicht gut daran tut, es zu versuchen“. Nun ist sie auch schon wieder fast eineinhalb Jahre bei Ströer, führt direkt rund 120 Mitarbeiter. Anfangs, gesteht Raff, habe sie sich „latent überfordert“ gefühlt. Neider halten ihren Wirkungsgrad weiter für begrenzt.

An jedem Wochenende pendelt die spät berufene Out-of- Home-Expertin zwischen Köln und Frankfurt, wo sie seit acht Jahren mit ihrem Partner lebt. Dabei sei nicht das Abschalten ihr Problem, bekennt Raff, sondern die Gefahr, ihre freien Tage zu voll zu packen. Ihr Partner und sie pflegen einen großen, über ganz Deutschland verteilten Freundeskreis, besuchen gern und laden noch lieber ein. Dann kocht Raff beherzt auf, „denn das kann ich richtig gut!“.

Insbesondere die französische Küche hat es ihr angetan, wie Frankreich überhaupt, seit die Familie regelmäßig dort im Urlaub weilte. Raff mag die Franzosen, gerade weil sie sehr eigen seien „und nicht dringend darauf aus, sich irgendwie beliebt zu machen“. Ein Charakterzug, in dem sie sich offenbar wiederfindet. Neulich, sprudelt es aus Raff heraus, habe sie in einem alten Kochbuch diese fantastische Vorspeise entdeckt („darf ich das kurz sagen?“).

Und dann erzählt Raff von halbierten Tomaten, mit allerlei Kräutern bestreut und im Ofen bei kleiner Hitze gegart, mit Ziegenkäse überbacken und an einer Honig-Vinaigrette serviert. Wenn sie solche kulinarischen Preziosen entdeckt, kennt Raff kein Halten. Schreitet zur Tat, zaubert Menüs, deckt den großen Esstisch ein und ruft an die Tafel. Ihr Partner, Freunde, ein volles Haus – und alle müssen essen. Es mag im Leben härtere Prüfungen geben.

(Bijan Peymani) Fotos: Alexander von Spreti