Die Münchner „Abendzeitung“ scheint gerettet, schon kommende Woche geht es im neuen Verlag weiter. Wir hatten vor einigen Monaten mit Michael Graeter einen der wichtigsten Protagonisten der „Abendzeitung“ für ein Interview zu Besuch. Wegen der aktuellen Ereignisse stellen wir das im gedruckten „Clap“-Magazin erschienene Gespräch heute online.

Herr Graeter, Sie haben einen spannenden Teil der Bevölkerung – sagen wir ruhig: „gemacht“. Welches Bussi-Bussi haben Sie in ihrer Karriere am meisten bereut?

Nein, ich habe niemanden „gemacht“. Nur die Gesellschaft widergespiegelt.

Dennoch: Welches Bussi war das schlimmste?

Ich hab fremden Leuten nie eins gegeben.

Und das schönste?

Jaaa… da gab es schon ein paar sehr gut ausgestattete Damen. Wie zum Beispiel Renate von Holzschuher – eine Sensationsfrau mit SOLCHEN Aufschlagzündern, die außerdem noch ein spitzer Kumpel war.

Und neben Jack Nicholson, Roman Polanski und Ihrem Freund Gunter Sachs eine von vielen illustren Personen, mit denen Sie um die Szene-Häuser zogen. Ihnen muss in der heutigen Sternchen-Zeit doch furchtbar langweilig sein.

Die jungen Reporter von heute dürfen sich nur nicht diese selbstgemachte Knetmasse aus Küblböck, Naddel, Bohlen oder sonstigem G’schwerl vorsetzen lassen. Die müssen einfach mal die Namen durchgehen: Was hat der Flick für Söhne oder Töchter? Welche hat Kloiber? Ackermann?… Wenn ich das sehe und mich auf jemanden konzentriere, dann erfahre ich auch heute noch spannende Geschichten über verrückte und eitle Menschen.

Was ist dran an dieser Eitelkeit, der Sie mal ein ganzes Buch gewidmet haben?

Sie ist eine Krankheit – aber eine gesunde. Wenn Sie nicht an ihr leiden, dann kommen Sie nicht aus der grauen Suppe der Millionen von Unbekannten heraus. Dann können Sie nicht erfolgreich sein.

Werfen Sie doch mal ein paar besonders eitle Namen der Medienbranche in den Raum.

Nun ja, den meisten Fernsehleuten würde ich ohnehin Lautsprechereitelkeiten unterstellen. Sonst wären sie nun mal nicht Intendanten oder Manager. Von Ferenczy etwa war furchtbar eitel. Ich finde auch, dass Herr Ippen ständig dieses „Hallo, ich bin auch da“-Lächeln eingestellt hat.

Wie sieht’s aus mit den Eitelkeiten von Verlegern wie Bauer oder Burda, an denen Sie ja nah dran waren?

Also Bauer hat eine sehr krankhafte Eitelkeit. Menschen, die viel Geld haben, sind meistens frech auf Kosten anderer und erlauben sich sehr vieles. Ein Bauer etwa würde seine an den Tag gelegte Ungeduldigkeit nicht derart kultivieren können. Da beginnt nämlich die Pflege des Images: Dass man nicht sichtbar ist, nicht gesehen werden oder gar angesprochen werden kann. Das haben so Typen wie der Reitzle übrigens auch, der zehn Minuten bevor er sein Hauptquartier in München betritt eine keimfreie Zone schafft: keiner darf da im Lift sein oder in der Lobby stehen.

Derlei Menschen und Geschichten waren Sie immer „nur“ als Reporter auf der Spur. Hat es Sie nie zum Chefredakteur gezogen, oder ergab sich das nicht?

Ich wollte eigentlich nie Chefredakteur werden, da ich diese Personal-Kriterien nicht am Hals haben wollte. Diese Team-Entscheidungen, Zeitpläne… Hätte ich nur das jeweilige Blatt gestalten können, dann hätte es mich vielleicht gereizt. Außerdem wollte ich mir meine Zeit so gestalten, dass es für meine Arbeit genau richtig ist. In der Redaktion sollte man nur das abwickeln, was man draußen zusammengesammelt hat.

Bereuen Sie diese Einstellung heute ab und zu, oder sind Sie Reporter aus Leidenschaft?

Doch, doch: Der Reporter-Beruf ist schon der bunteste, dynamischste und – gemessen an Nachrichten – exekutivste Job! Auch, wenn man sich auf Veranstaltungen heute immer mehr mit dieser Krankheit rumärgern muss: mit diesen Bändchen. Das ist ein gesellschaftlicher Verfall schlimmster Natur! Das kenn ich sonst nur von der Taubenzählung. Genau so blöd sind übrigens Akkreditierungen. Entweder will man mich dahaben oder nicht. Punkt.

Wenn man Ihnen jetzt die Chefredaktion von „Bunte“ und „Bild“ anböte: Für welche würden Sie sich entscheiden?

„Bild“! Weil das Blatt endlich mal einen Journalisten benötigt und keinen Plakatmacher. Diekmann ist zwar ein wahnsinnig guter Strippenzieher. Aber als er mein Nachbar in der Redaktion war, habe ich außer einem richtig gesetzten Komma keinen Nachweis journalistischer Schreibkunst in Erinnerung haben dürfen. Es dürfte seiner Karriere nach dem Rausschmiss geholfen haben, dass er Helmut Kohl (zusammen mit einem Co-Autor) zu einem Buch verhalf, der nun wiederum sehr guten Kontakt zu den Banken unterhielt, bei denen Springer die Kredite laufen hatte; und Kohl dort seinen Einfluss geltend machte, dass die Banken doch bitte mal nach einem neuen Chefredakteur verlangten.

Sie waren sechs Jahre unter Günter Prinz bei der „Bild“. Also dem Mann, dessen Sohn Matthias jetzt als Medienanwalt gegen die Art des Journalismus vorgeht, die sein Vater ja quasi etabliert hat. Was war damals anders?

Es war noch kein Leipziger Allerlei und keine typografische Fehlorgie. Da tun einem beim längeren Draufschauen heute doch die Augen weh. Der Leser kann das gar nicht alles zu sich nehmen. Hier blitzen ein paar Titten, da ein paar Kästchen, hier Bögen, Blasen, Comic-Elemente. Also, das ist für mich Plakat und kein Journalismus mehr.

Was würden Sie ändern?

Jeden Tag eine Nachricht mit einem Menschen, den man von Hamburg bis Garmisch kennt! Und nicht irgendwelche ganzseitige Abbildungen von Goldbarren oder Facebook oder so einen Schmarrn. Wie Günter Prinz sagte: „Eine Schlagzeile muss einen Widerhaken haben!“ Etwas, das dich fesselt.

Wie weit darf Journalismus dabei gehen: Abhören wie bei „News of the World“?

Wo ist da der Skandal? Das ist legitimer Teil einer umfangreichen Recherche, die Tatsachen beweisen könnte. Problematisch ist doch nur, dass die Polizei selbst mitgeholfen hat. Das geht natürlich nicht. Der Hacker-Trick selbst? Kein Problem!

Und die Einstellung des Titels?

Total überflüssig! Da steckt bestimmt was anderes dahinter. Vielleicht war das Blatt eh schon am Krebsen und Murdoch hat sich gedacht: „Passt – ab die Post.“ Abgesehen davon: Besonders schade ist es um diese Postille nicht.

Welches Objekt würden Sie denn auf dem deutschen Markt gern mal eingestellt sehen?

Sie meinen, das überflüssigste Blatt? 60 Prozent der Yellow-Zeitungen! Die haben eigentlich keine Berechtigung mehr. Dieses ständige Rumgewühle im Musikantenstadel – Da wird die Oma ja noch verblödet. Und merkt’s nicht einmal. Und diese dämlichen Überschriften! Mal heißt’s „Albert weint, Charlene lacht“. Nächste Woche dann „Charlene lacht nicht mehr, Albert schon“ – wahrscheinlich lautet der Befehl des Chefredakteurs: Recherchiert mir ja nicht meine Zeile kaputt! Diese Zeitungen spiegeln ein bisschen die Dummheit unseres Volks wider.

Apropos spiegeln: Lesen Sie…

…den „Spiegel“? Ja, wöchentlich. Aber er ist zahnlos geworden. Zu Augsteins Zeiten – und da konnte der betrunken sein wie ein Hund – da saß der Kommentar. Da ging noch die Post ab. Ich hätte es gut gefunden, wenn das Magazin cool die Bibel des deutschen Journalismus geblieben wäre, als der „Focus“ auf den Markt kam. Stattdessen hat er ebenfalls Kästchen, Farbbildchen und Autorenzeilen eingeführt.

Welche Art von Magazin würden Sie denn gern mehr sehen?

Na, ja, es sind ja zwei da gewesen, die leider eingestellt wurden, weil die Macher und die Finanzleute nicht die Geduld hatten. Und weil die versammelten Edelfedern nicht richtig kombiniert hatten: zwischen Hausmitteilungen für die Betroffenen und Millionen-Märchen für den großen Leser. Ich spreche von „Vanity Fair“ und „Park Avenue“.

Was zeichnet eine Edelfeder aus?

Sie muss so gut schreiben können, dass es mich beim Lesen fasziniert. Um das zu erreichen, muss sie in der Gesellschaft derart gute Vibrations haben, dass sie selten abgelehnt wird. Bildung, Takt- und Fingerspitzengefühl sind dafür die Vorraussetzungen.

Wenn Sie lesen: Findet man Sie dann noch blätternd unter einem Baum sitzend, oder „wischen“ Sie sich die Geschichten auf einem iPad oder sonstigem Tablet zurecht?

iPad?! Tut mir leid: nein! Ich blättere noch. Ich will auch die Zeitung noch riechen. Und mich freut die Zeitung deshalb, weil es das einzige Medium ist, wo ich exklusiv Scoops verbreiten kann. Im Internet gelingt das nicht. Wenn ich dort etwas geschrieben habe, schreiben es alle.

Sie haben also keine Angst um die Zeitung.

Ach iwo! Die Exklusiv-Geschichte bleibt in der Zeitung. Die ist nicht in den elektronischen Medien. Da ist nur ein gegenseitiges Abschreiben, dass der Rauch aufgeht. Das ist langweilig. Der Online-Journalist ist – tut mir leid: zweite Wahl. Er ist vielleicht schneller als der Print-Journalist. Aber Schnelligkeit ist halt nicht gleich Qualität.

Interview: Peter „Bulo“ Böhling / Daniel Häuser

 

 

schimmerlos

Übrigens: Michael Graeter stand ja bekanntlich Pate für die bis heute in Medienkreisen oft zitierte Kunstfigur Baby Schimmerlos. Zwei bemerkenswerte aber funktionslose Klingelschilder sind in der Münchner Nympenburger Straße zu bewundern. Diese Wohnung war eine der Schauplätze bei Kir Royal, in der Serienheld Baby Schimmerlos seine Wohnung hatte. (dh)

Foto: Alexander von Spreti, Daniel Häuser