Sie brach ihr erstes Studium ab, trägt Tattoos und hört gern Metal. Damit ist Anja Delastik die perfekte Frontfrau für die weiblich-synthetische Lifestyle- Glitzerwelt. Es wird Zeit, dass endlich auch Frauen Eier in der Hose haben! Im Clap-Gespräch verrät die „Cosmo“-Chefin, was ihre Mutter damit zu tun hat und warum der Mauerfall ihr ganz persönliches Glück war. Ein Porträt aus der aktuellen Clap-Ausgabe 52

Die „Cosmopolitan“ war in gewisser Weise stets eine Dame von Welt. Anders als die Diven links und die Girlies rechts im Regal der Frauenflüsterer vermochte die „Cosmo“ Lebenswelt und -wirklichkeit ihrer Klientel besonders elegant abzubilden. Wer indes so lange so eng mit seinen Stammleserinnen verbunden ist, erliegt der Gefahr, diese am Ende nur noch über das eigene Älterwerden hinwegzutrösten. Eine von Deutschlands „Cosmo“-Chirurgin Kerstin Weng vorgenommene Schönheits-OP holte ein paar Jahre raus und den Erfolg zurück.

Aufmachung, Sprachstil und Themenwahl lassen die Eleganz früherer Tage vermissen und peilen eher den unteren Rand der adressierten 18- bis 49-Jährigen an. Die aktuelle „Cosmo“ sieht aus wie eine Mischung aus Softcore- und Douglas- Magazin. Allein, Geld stinkt nicht: Unter der Regie des nicht gerade als vergeistigt geltenden Bauer-Verlags ist der Lizenztitel im 35. Jubiläumsjahr bei Leserinnen und Anzeigenkunden so gut gelitten wie lange nicht. Alles super also und der beste Zeitpunkt für Weng, das Weite zu suchen? Man weiß es nicht. Überliefert ist jedoch, dass sich Weng und ihre spätere Nachfolgerin auf dem „Cosmo“-Thron, Anja Delastik (damals noch „Müller-Lochner“), im Juli 2014 auf der Berlin Fashion Week kennenlernten. Da hatte die Weng bereits ihren Abgang formalisiert. Die beiden liefen sich noch ein paar Mal zufällig über den Weg. Nie war damals absehbar, dass Delastik einmal Wengs deutschen Chefsessel erben würde. Und doch mussten die zwei Frauen gefühlt haben, dass sie auf einer gemeinsamen Wellenlänge funkten.

Alles toll, nur noch besser

Der Verlagsgeschäftsführung von Bauer Premium (Ex-MVG) wurde deutlich, dass Müller-Lochner keine Antithese zu Weng war und damit eine gute Nachbesetzung sein könnte. Mit anderen Worten: Alles würde so toll bleiben, wie es ist – nur noch besser. Also quittierte die Anja ihren Job an der Spitze D Titel clap 07 Alles toll, nur noch besser von „Jolie“, ehelichte nebenbei Herrn Delastik (betont auf der letzten Silbe) – die zweite Ehe, doppelt hält besser – und macht seit 1. Februar in „Cosmo“. Sie sagt dazu das, was man so sagt: dass sie nicht neu im Fach und gierig auf die Aufgabe sei.

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Bei Lichte betrachtet (und für manchen bereits im Dunkeln), erscheint das Vorhaben allerdings einigermaßen ambitioniert. Wenn alles läuft, alle satt und über den Tag hinaus zufrieden sind, kann jeder Newcomer eigentlich nur scheitern mit seinem Veränderungsdrang. Weshalb die Delastik klugerweise schon mal vorweg schickt, „nicht hauruckmäßig alles ändern“ zu wollen und dass man das Rad in vielen Bereichen nicht neu erfinden könne. Kurze Pause, wissendes Lächeln: „Aber man kann ihm vielleicht hier und da noch ein bisschen mehr Drive geben.“

In der Tat hat die „Cosmopolitan“ in Sachen Optik reichlich Luft nach oben. Die Bildsprache wirkt bieder, die Seiten fitzelig. Auch der plumpe, anbiedernde Schreibstil dürfte der neuen Chefredakteurin nicht entgangen sein. Selbst wenn die Weng damit reüssiert hat, wobei die Delastik der Vergleich mit ihrer Vorgängerin nervt. „Kerstin hat das super gemacht, und ich respektiere das.“ Aber sie selbst macht diesen Job ja auch schon eine Weile. Angstfrei wirkt sie, wenn sie das sagt, und selbstbewusst genug, ihre eigenen Akzente zu setzen.

Knackiger, moderner, eleganter

Die Kritik am aktuellen Heft dürfte Delastik teilen. Aber weil sie Manieren hat, kommentiert sie derartige Beobachtungen nicht und sagt brav: „Man kann an jedem Heft etwas finden, das man noch knackiger, moderner oder eleganter machen könnte.“ Optimieren, tunen, ausbauen ist ihre Losung für den fortgesetzten „Cosmo“-Erfolg. Was sie damit konkret meint, verrät die gebürtige Thüringerin, wenn man sie aus der Reserve lockt. Dann greift sie – grundsolide, umgänglich und kein Lautsprecher – schon mal in die Abteilung Attacke.

„Es wird Zeit, dass die ,Cosmo‘ in ein paar Bereichen stärker Position bezieht, sich einmischt und gesellschaftlich relevanter wird“, postuliert Delastik. Jeder rede zum Beispiel davon, dass Frauen die neuen Aufsteiger im Job, die neuen Leader seien – „schön wär’s! Da gibt es noch viel zu tun, und da sehe ich auch unsere Funktion als Magazin“. Vor ein paar Monaten hatte die „Cosmo“ mal den „Equal Pay Day“ thematisiert, den internationalen Aktionstag für gleiche Entlohnung zwischen Männern und Frauen. Davon soll mehr ins Blatt.

„Frauen sind da oft noch nicht mutig genug einzufordern, was ihnen zusteht“, bilanziert Delastik. Wird aus der „Cosmo“ eine „Emma“ in Abendrobe? Eine Provokation, bei der sie für ihre Verhältnisse fast die Contenance verliert: „Um Himmels willen, nein! Aber das ist ja genau das, was mich wirklich nervt! Man ist entweder Emanze, oder man ist Tussi – das ist totaler Quatsch, das ist so unmodern.“ Es müsse als Frau doch möglich sein, sich für Mode und Beauty zu begeistern und trotzdem „selbstbewusst, feministisch und cool“ zu wirken.

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Irgendwie halt so ein Typ wie sie – tätowiert („ich sage Ihnen aber nicht, wo), Metal-Fan und ohne fein ziselierte Vita. Ein solches Frauenbild will Delastik den Kosmopoliten in Zukunft stärker vermitteln. Endlich steht sie, Anfang 40, bei einem internationalen Titel an der Spitze. Jetzt will sie gestalten und zeigen, was sie drauf hat. Die ersten Wochen ihrer Amtszeit indes waren dominiert von den Vorbereitungen auf den „Prix de Beauté“, den die deutsche Lizenz-Ausgabe kurz nach ihrem Start als „Oscar“ der internationalen Kosmetikindustrie initiierte.

Muskeln anspannen

Dass gerade solche Events das von Delastik propagierte moderne Frauenbild angesichts der von der Branche betriebenen Marketingstrategien zuweilen konterkarieren, darüber muss sie hinwegsehen. Es ist halt Teil ihrer Job-Description. Die jüngste, bereits 23. Auflage dieser zuckersüßen, potenzielle wie bestehende Anzeigenkunden hofierenden Veranstaltung geriet gleichsam zu Delastiks Feuertaufe: „Es war mein erster öffentlicher Auftritt für ,Cosmo‘, aber auch mein erster öffentlicher Auftritt in dieser Art überhaupt, vor Publikum auf einer Bühne.“ Das so höfliche wie vergiftete Lob einiger Anwesender für ihre „angenehme Distanz“ kontert Delastik erfrischend ehrlich: „Ich bin nun einmal keine Rampensau.“ Aber bezaubernd sah sie aus, in ihrem so betörenden Kleid. Und angespannt bis in die Spitzen ihrer streng hinten zusammengeknoteten Haare. „Ich war schon beeindruckt, als ich dieses riesige ,Cosmo‘-Banner vor dem Wiesbadener Kurhaus hängen sah“, bekennt Delastik und räumt ein, sie sei „ziemlich nervös gewesen, am Anfang“. Ihr Trick dagegen: leise vor sich hin singen.

Doch diesmal war dafür gar keine Gelegenheit. Von Beginn an sei sie mit Begrüßungen und Interviews beschäftigt gewesen, stand inmitten der Menge statt – wie erwartet – wenigstens vor ihrem Auftritt irgendwo hinter der Bühne. Um nicht das Flattern zu kriegen, habe sie ein anderes Mittel gewählt: kurz mal steif machen und alle Muskeln anspannen. Gesungen hat die Delastik dann doch noch, wenn auch nicht ganz freiwillig, sondern eher gruppendynamisch – selbst wenn’s ihr im Rückblick etwas peinlich ist. Ach was, wo man singt, da lass Dich ruhig nieder.

Atemlos?

„Wir haben noch so ein kleines Stück zum Besten gegeben, ein bekanntes Lied umgetextet.“ Jede Wette, Helene Fischer mit ihrem Kultsong „Atemlos“! Ja, druckst Delastik herum, „kann man eigentlich nicht, wir haben es trotzdem gemacht; war ja auch ein bisschen Selbstironie dabei“. Innerhalb des 25-Seelen- Teams in der Redaktion dürfte das der Neuen wohl zusätzlich Pluspunkte verschafft haben. Dabei ist Singen gar nicht Delastiks größtes Talent, sondern – der Apfel fällt nicht weit vom Stamm – das Malen. Da kommt die Anja nach ihrem Vater.

„Ach was“, winkt sie ab, „ich habe allenfalls ein My seines Talentes geerbt.“ Ihr Faible galt Porträts, und wann immer Delastik in eine neue Redaktion wechselt, nimmt sie ein paar ihrer Werke mit – „einfach, um die kahlen Wände dort ein bisschen aufzupeppen“, wie sie sagt. Ihr Vater Herbert Lochner, ein Autodidakt, verdiente mit der Malerei sein Geld. Kein Künstler im klassischen Sinne, schränkt die Tochter ein, „eher ein Gebrauchsmaler“, der Porträts und Öl- Reproduktionen großer Meister, aber auch Bühnenbilder und Landschaftsgemälde anfertigte.

Doch die regionale Presse überschüttete ihn mehrfach mit reichlich Lob: Seine Bilder wirkten „lebendig“, hätten eine „fast magische Wirkung“, konnte man lesen. Längst hat sich Lochner im südthüringischen Dorndorf aufs Rententeil zurückgezogen. Hier, im Ex-Zonenrandgebiet an der Grenze zu Hessen, wuchs Anja zusammen mit Vater, Mutter und Bruder auf. Trotz oder gerade wegen ihrer Sozialisierung in der DDR hat sie eine unverstellte Art entwickelt und sich diese bis heute bewahrt. Nur diese extreme Schüchternheit stand ihr lange im Weg. „Deshalb hat mich meine Mutter mit 14 in die Tanzgruppe des örtlichen Karnevalsvereins gesteckt, als Funkenmariechen.“ Jetzt ab auf die Bühne, habe sie ihrer Tochter befohlen.

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Die Schocktherapie hat gewirkt. Aber bis heute könne sie sich „nicht einfach auf 100 Menschen gleichzeitig stürzen; ich mag das nicht, wenn ich das Zentrum der Aufmerksamkeit bin“. Viel lieber habe sie kleine Gesprächskreise, mit Nähe und Vertrautheit. „Da kann ich mich öffnen.“ Echte Hemmungen sind Delastik dennoch fremd. Sie wirkt vielmehr frisch und unverbraucht. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Klar macht sie was aus ihrem Typ („gehe nie ungeschminkt aus dem Haus“), trägt dezent Schmuck („nur solchen, der für mich eine Bedeutung hat“), kleidet sich gut, aber reduziert. Aber der Job ist für Delastik nun einmal kein Catwalk und auch kein Affenfelsen – vermutlich, weil sie a) aus dem Osten und b) eine Frau ist, was beides im konkreten Fall als Kompliment verstanden werden soll. Wie wohl ihr Leben verlaufen wäre, hätte es Mauerfall und deutsche Einheit nicht gegeben?

Planänderung

Reine Spekulation. Für sie jedenfalls sei das damals ein großes Glück gewesen: „Ich dachte, die Welt liegt Dir zu Füßen, jetzt kannst Du alles werden und überall hingehen – machen, was Du willst!“ Noch in der DDR wäre Delastik beinahe Grafik-Designerin geworden. Den Platz an der über die Grenzen hinaus renommierten Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle hatte sie praktisch in der Tasche. Mit der Wende wechselten ihre Pläne, Delastik ging zum Jura-Studium nach Marburg. Nach zwei Semestern setzte sie der Quälerei ein Ende.

Sie schrieb sich stattdessen in Literaturwissenschaften ein, mit Grafik und Malerei im Nebenfach, und begann parallel, journalistisch zu arbeiten. Zwangsläufig führte sie der Weg in die Medien, von einem Musikmagazin über Bauers „Bravo Girl“ und Springers „Mädchen“ bis zur „Jolie“. Und nun „Cosmo“. Gretchen-Frage: Wie hältst Du es mit eigenen Kindern? Delastik lächelt milde und schweigt weise. Sie sei „ein Verfechter von Balance – in jeder Beziehung; ich würde nie mein Privatleben oder persönliches Glück der Karriere opfern“.

„Es gibt immer einen Weg“, sagt sie noch zum Abschied, „vielleicht bin ich da in einer glücklicheren Position, aber es gibt immer einen Weg.“

(Bijan Peymani) Fotos: Alexander von Spreti