Kann denn Arschloch Masche sein? Es kann. Matussek-Anwalt Joachim Steinhöfel hat sich damit clever zur Marke hochgerüpelt. Dabei ist der Mann weder zynisch noch blasiert, und sein Selbstbewusstsein sieht nur von unten aus wie Arroganz. Bei aller Rauflust und latenter Egozentrik gibt sich der Wahl-Südafrikaner im Clap-Gespräch vor allem klug und konziliant. Ein Porträt aus Clap-Ausgabe 55:

Das ist einfach unverschämt, und er bekennt es selbst. Während fieser Nieselregen die Luft in Deutschland durchtränkt und nur die Straßenbeleuchtung spärliches Tageslicht spendet, strahlt Joachim Steinhöfel mit der milden Sonne Kapstadts um die Wette. Er sitzt am Esstisch seines Hauses in der feinen Camps Bay, nicht nur in diesem Moment der perfekte Gegenentwurf zu seiner Heimatstadt Hamburg. Steinhöfel lässt den Blick wandern, über die Bergkette „Twelve Apostles“, den Tafelberg, den Atlantik: „Man kann es auch ein wenig schlechter treffen.“

Hier, in Edellage an der Croisette Südafrikas, verbringt der Spitzen-Advokat fünf Monate im Jahr. Außen postmodern, innen lichtdurchflutet, ist Steinhöfels Residenz standesgemäß, für dortige Verhältnisse, und mehr noch für die eigenen. Gekonnt hat der Ex-Radio-Revoluzzer, Ex-Werbestar, Ex-TV-Rüpel und Schon-immer-Anwalt samt Freundin modernes Interieur und Design-Klassiker (Josef Hoffmann, nicht Le Corbusier!) mit reichlich afrikanischer Kunst, Gemälden (Zander Blom) und Statuen (Wim Botha) zu einem stimmigen Ganzen drapiert.

Und in dem Maße, wie das Gespräch in Gang kommt, über die große Politik, laute Empörung und leise Hoffnungen, weicht die arrangierte Vollkommenheit des Augenblicks wie die Kulisse eines Bühnenstückes dem nächsten Akt. „Ich suche gar nicht bewusst nach einem Konflikt“, erklärt Steinhöfel irgendwann, „aber ich bin gern bereit, einen auszutragen.“ Angesichts einer „so fürchterlichen Konsensatmosphäre in Deutschland“ sieht er die Demokratie längst nicht mehr nur in Gefahr, sondern bereits auf dem Sterbebett liegen.

„Wir sind als Gesellschaft nicht mehr bereit, für irgendeine Position zu kämpfen, nicht einmal dann, wenn fundamentale verfassungsmäßige Rechte in Frage stehen!“ Stillschweigend werde lieber die israelische Flagge vom Balkon geholt oder der Weihnachtsmarkt zum Wintermarkt umbenannt, mit dem Argument, man wolle die Gefühle der Muslime nicht verletzen. „Scheiß auf die Gefühle! Solange ich mich im Rahmen der Verfassung bewege, muss jede kritische Debatte erlaubt sein.“ Steinhöfel ist kein Scharfmacher. Er argumentiert klug und präzise.

Mehr Säbel als Florett

Aus Überzeugung. Vielleicht auch aus Lust am Spiel mit der mehrheitlich linksgewickelten Journaille und einer reflexartig brüskierten Öffentlichkeit. Selbst wenn er dabei zuspitzt, in schonungslosem Stakkato Zumutungen in den Raum stellt und sprachlich mehr mit dem Säbel als mit dem Florett kämpft: Steinhöfel bleibt fair, arbeitet akribisch seinen Standpunkt heraus. Wer ihn als zynisch, blasiert oder als „Großkotz“ diffamiert, desavouiert sich selber. Der 53-Jährige ist in etwa so sehr ein Arschloch, wie Verena Pooth (ehemals Feldbusch) dämlich ist.

Aber er polarisiert, als Typ, wie er in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft längst schmerzlich vermisst wird. Und den offenbar nur solche Naturen wirklich vorbehaltlos annehmen können, denen selbst zeitlebens eine „Bambi“-Nominierung versagt bleibt. Ja, die ihn ehrlich mögen, obwohl oder gerade weil Steinhöfel so ist, wie er ist. „Wenn Joachim den Raum betritt, dann flutet er diesen mit Willen, Geist und Meinung“, kuschelt der seinerseits nicht unumstrittene TVJournalist Michael Mross. Beide lernten sich vor 20 Jahren auf Ibiza kennen.

Dekadente, philosophische Champagner-Abende im Club, gemeinsame Fußmärsche durch die namibische Wüste und lustvolle Touren zu den Weingütern Südafrikas gossen das Fundament für eine Freundschaft, die bis heute hält. Mross sagt, er kenne „keinen Zweiten, mit dem man so harte politische Diskussionen führen kann“. Wenn jemand anderer Meinung sei, knalle ihm Steinhöfel schnell mal ein „Vollidiot“ vor den Latz – „besonders dann, wenn Widerreden von der schleimigen Soße der Political Correctness getränkt sind“. Oder schlicht von Dummheit.

Paragraphen-Terrier

„Wenn einer Mist redet, dann wird’s eng bei mir“, bestätigt Steinhöfel. Ein gewisses Maß an Dissens sei ja schön, „aber es gibt Grenzen“. In der Tat: „Hat Joachim eine Meinung zu einem Thema, ist es praktisch unmöglich, ihn vom Gegenteil zu überzeugen“, registriert Mross. Das Resultat seien „abendfüllende Diskussionen, aus denen er stets als Sieger hervorgehen möchte – wohl seiner Liebe für Boxkämpfe geschuldet“. Steinhöfel kontert betont gelassen, er könne „heute auch einfach mal die Klappe halten, damit alle einen schönen Abend haben“.

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Privat vielleicht, öffentlich nicht. Dazu ist der Mann viel zu sehr von Sendungsbewusstsein beseelt. Neben seiner anwaltlichen Tätigkeit, aktuell unter anderem als Paragraphen-Terrier von Matthias Matussek und des Schriftstellers Akif Pirinçci, schreibt Steinhöfel regelmäßig Beiträge für das Weblog „Die Achse des Guten“, für „Tichys Einblick“ und selbstverständlich für sein eigenes Portal. Damit hofft er, etwas bewegen zu können. Vor allem aber schreibt sich Steinhöfel Wut und Ohnmacht vom Leib. Sonst würde er wohl verrückt, in dieser Welt.

Sinngemäßes hatte der gebürtige Hamburger und Nachbar von Mandant Matussek jüngst mit Publizist Henryk Broder diskutiert. „Wir haben uns kurz vor meiner Abreise nach Kapstadt im Herbst getroffen. Das Erste, was mich Henryk gefragt hat, war: Sind du und ich irre oder die anderen? Und die Frage meinte Broder sehr ernst.“ Warum aber nur zur Feder greifen, warum nicht gleich zum Zepter? „In die Politik gehen und in einer Partei aufreiben? Das ist sinnlos, das halte ich in unserem politischen System für Zeitverschwendung. Sehen Sie sich doch an, wie ‚Abweichler‘ von Gespenstern wie Volker Kauder plattgemacht werden!“

Gegen den „klinischen Wahn“

Lieber schreibt er, der sich mit den Positionen der moderaten Vertreter der „Republikanischen Partei“ in den USA – zuvorderst Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft – im Einklang sieht, gegen den „klinischen Wahn“ der Politik hierzulande an. Die Wahrnehmung Steinhöfels als kritischen Autor unterschlägt, dass er vor allem ein erfolgreicher Anwalt ist. Irgendwann hat er einmal behauptet, er rechne sich unter die zehn Top-Verdiener seiner Zunft. „Das war sehr arrogant. Da war ich wohl im Rausch und habe mich auch provozieren lassen.“

Das Zitat sei zehn Jahre alt und werde ihn wohl bis ans Ende seiner Tage begleiten, bemerkt Steinhöfel, „aber es war jedenfalls zutreffend“. Dann grinst er und legt nach, er denke, „dass ich zu den besseren Anwälten gehöre“. Die Zahlen sprechen für ihn: Über 10.000 Prozesse hat er mit seiner 1989 gegründeten Kanzlei bisher geführt, vor allem im Wettbewerbsrecht. Mehr als 230 Verfahren prozessierte Steinhöfel gemeinsam mit einem Partner – anfangs auch mal zu dritt – bis zum Bundesverfassungsgericht hoch. Erfolgsquote: rund 70 Prozent.

Dabei war nicht ausgemacht, dass Steinhöfel als Anwalt würde reüssieren können. Nach dem Abitur hatte er ein Jahr pausiert, aus Liebe zum Leistungssport. Denn was viele nicht wissen: Der Mann war ein begnadeter Segler, hatte bereits 1981 im französischen Carnac und 1982 in Glyfada in Griechenland an Europameisterschaften teilgenommen, im selben Jahr auch an der Weltmeisterschaft der olympischen Laserklasse vor Sardinien. „Laser“ steht für eine technisch einfach gehaltene, aber nicht anspruchslose Einhand-Jolle. Fürs Treppchen reichte es nicht.

Eine Tiefkühltruhe und ein halbes Schwein

„Und dann hat mein Vater gesagt: Studier doch Jura, damit kannst Du alles machen“, erinnert sich Steinhöfel. Er träumte von einer Karriere als Wettbewerbsrechtler, weil er so durch ganz Deutschland würde reisen können, von einem Gericht zum nächsten, hängte sich rein. „Drei Monate nach dem Examen habe ich mir ein Büro angemietet und wartete, was passiert.“ Es passierte erst einmal nichts. Nach einem Jahr wollte der frischgebackene Jurist seinen Laden schon wieder dicht machen. Gottlob war da noch dieser Job beim Radiosender R.SH in Kiel.

Draußen Vogelzwitschern, Wind kommt auf, und eine kühle Brise schleicht sich ins Haus, spielt mit Aktendeckeln auf Steinhöfels Schreibtisch. „Wir wollten bei R.SH vor allem dem NDR zeigen, wo der Hammer hängt, und ich hatte die Chance, Moderator zu sein. War ja eine unvorstellbare Zumutung, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk damals gesendet hat.“ Es wurde ein Schlüsselmoment für Steinhöfel. Denn mit Radio finanzierte er zunächst seine Kanzlei, dann kam sein eigenwilliger Stil Media-Markt-Gründer Walter Gunz zu Ohren.

Der plante die Eröffnung eines Geschäfts in Lübeck und engagierte Steinhöfel als Moderator für eine Versteigerung. „Nebenbei hat er mich gefragt, ob ich auch Wettbewerbsrecht kann. So kam ich zu meinem ersten wichtigen Fall.“ Es ging um die Frage, ob man eine Tiefkühltruhe und ein halbes Schwein, auf Wunsch grob zerlegt, als „Saustarkes Angebot“ verkaufen durfte. Die Sache ging bis vor den BGH, Steinhöfel obsiegte. Im Rückblick nennt er das Urteil „einen großen, die deutsche Werbelandschaft voranbringenden Triumph“.

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Media Markt wurde zum Leib- und Magenmandant. „Joachim war viele Jahre unser Anwalt“, sagt Gunz, „wir habenmit ihm nahezu alle Prozesse gewonnen!“ Steinhöfel sei „ein genialer, kreativer Verrückter, mit ihm haben wir auch die originellsten Werbespots gemacht“, die Gunz als „Sternstunden unserer Werbung“ glorifiziert. Zwar habe Joachim eine „raue Schale, er ist unangepasst und unbequem frech, aber am Ende vor allem ein liebenswerter, zuverlässiger Freund“. Und einer, der selbst jene, die ihn zu kennen glauben, immer wieder überrascht.

Als Gunz und Steinhöfel vor Jahren einmal durch Hamburg fuhren, hielt neben ihnen an der Ampel eine attraktive Dame in ihrem Golf, einen Burger in der Hand. Bevor sie ihren ersten Bissen nehmen konnte, rief Steinhöfel hinüber, er habe auch Hunger, sie solle das Teil doch mal rüberreichen. Was die Holde, völlig verdutzt, auch tat. „Das ist Joachim“, raunt Gunz fast ehrfürchtig. Provokation als Masche, das brachte Steinhöfel später auch Quotenerfolge vor allem auf RTL („Kreuzfeuer“) und damit bundesweite Bekanntheit ein.

Nichts zu verschenken

Bekanntheit, die zur Prominenz reifte: „Als wir beide auf dem Hamburger Pressefest vor den Fotografen auftauchten, sagten sie zu mir, ich solle mal kurz aus dem Bild gehen“, seufzt Matthias Matussek. Er lobt den Anwalt Steinhöfel als „präzise, schnell, überaus kompetent; mittlerweile lebt er hauptsächlich von mir. Deshalb besprechen wir inzwischen seine neuen Anschaffungen – Häuser, Boot, SUV – gemeinsam.“ Ein bisschen scheint es so, als sei Steinhöfel, wie Matussek gern wäre: diszipliniert, zielstrebig, frei.

Matussek nimmt’s mit Humor: „Politisch stehen wir uns nahe, das heißt, er toleriert einen links-grünen Kiffer wie mich.“ Und gibt seinem Kumpel noch einen mit: Steinhöfel sei „ein großer Weinkenner und kommt ab und zu mit genau abgemessenen Proben rüber, also zu verschenken hat er nichts!“ Der frotzelt zurück, Matussek sei „ein eigenwilliger Zeitgenosse mit sehr großen Talenten und einem Sozialverhalten, das teilweise verbesserungsbedürftig ist. Das haben wir wahrscheinlich gemeinsam“.

Everybody’s darling is everybody’s Depp – obwohl: „Ab und zu bin ich vielleicht einen Hauch zu aggressiv und denke nicht drüber nach, dass das jemanden verletzen könnte“, bekennt Steinhöfel, „ich mein das gar nicht so.“ Er mache sich heute mehr als früher bewusst, „dass man manches auch anders formulieren kann, um ein Ziel zu erreichen. Aber ich strebe nicht danach, das Road Model für einen sich hanseatisch gebenden Anwalt zu sein. Bin ich auch nicht. Hauptsache, ich bin gut“.

Hat er, Steinhöfel, denn nie an eine Medienkarriere gedacht, so wie seine zwei Jahre jüngere Schwester, seit vielen Jahren bei RTL Nord engagiert? „Nein, ich wollte nicht angestellt sein, ich liebe meine Freiheit!“ Tatsächlich hat sich der Mann durch sein Wirken äußere wie innere Unabhängigkeit erarbeitet. Es würde auch nicht funktionieren: Steinhöfel hat für das Gros vor allem der politischen Medien („in einem beklagenswerten Zustand, eines freien Rechtsstaates unwürdig“) hierzulande nur aufrichtige Hochverachtung übrig. Der Wolf in ihm hat jetzt ja auch genug Kreide gefressen. Nun wird wieder Beute gerissen!

(Bijan Peymani) Fotos: Joachim Steinhöfel, privat