Tim Werner ist ein toller Kerl, mit dem Format zum Womanizer. Eine Mischung aus George Clooney, Mel Gibson und Oliver Bierhoff. Allein die Ecken und Kanten fehlen – leider. Auch im Clap-Gespräch bleibt der Mainstream-Media-Vorstand lange in der Deckung. Ist Werner eher schlicht konstruiert oder einfach nur schlau? Versuch einer Annäherung.

Das muss er jetzt aushalten. Tim Werner hat sich zum Shooting in der Münchner Maxvorstadt eingefunden. Der Frisiersalon dort in der Augustenstraße ist derzeit extrem angesagt. Chillige Typen, Vintage-Stil – es könnte auch ein Tattoo-Studio sein. Werner passt da ungefähr so gut rein wie Markus Lanz in die RTL2-Trash-WG „Berlin – Tag und Nacht“. Doch der Vorstand der Kuschelholding Mainstream Media und Chef von Romance TV, einem ihrer drei Pay-TV-Sender, macht gute Miene zu für ihn fremdem Spiel. Neugier schlägt Unbehagen.

Vielleicht empfindet der Mann im Moment noch nicht einmal Unbehagen. Vielleicht hat er sogar Spaß an der Sache. Man weiß es nicht. Denn in der Öffentlichkeit macht Werner aus seinem Herzen eine Mördergrube. Auch verbal, antwortet reflexartig in der dritten Person Singular selbst dann, wenn er direkt angesprochen ist. Oder versucht, zugespitzte Antworten durch ein „wir“ mehrheitsfähig zu machen. Werner arrangiert sich mit den Umständen – das konnte, das kann er immer gut. Nun sitzt er da, betrachtet sich im Spiegel. Und während Tim Werner milde lächelt, mag ihm vieles durch den Kopf gehen. „Sehr lässige Location“, lobt er dann aber nur mit leichtem Lispeln. Aber nicht seins, klingt unhörbar nach.

Der beißt nicht

Spontan muss man Werner einfach gern haben. „Süß“ ist ein Attribut, das sich im Business zur Beschreibung verbietet, zwischen Männern allemal. Aber, sorry, Tim Werner ist süß! Der treue Blick, das schüchterne Wesen – der beißt nicht, der will nur spielen. Ach, das wär ja zu schön. In Wahrheit steigt der inzwischen 49-Jährige immer dann aus dem Sandkasten, wenn’s spannend, wenn’s privat wird. Mehr noch: Je tiefer man bohrt, desto mehr bleibt Werner an der Oberfläche. Oder biegt die konkrete Frage zurück auf die professionelle Ebene.

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Äußerlich scheint ihm die geisttötend-seichte Berührung mit Personen und Dingen genug. Als Verstandesmensch schreckt Werner vor dem Unbewussten zurück, fürchtet vermutlich wenig mehr als die Nichtkalkulierbarkeit eines Gefühls oder einer Situation. Solche Unsicherheit kontert der gebürtige Heidelberger dann gern mal mit Ironie – oder mit einem Scherz, der das Umfeld eher verstört zurücklässt. „Ich neige zu einem etwas eigenwilligen Humor, der andere überfordert oder deplatziert wirkt“, räumt er ein. So wie neulich, im Fall von Ottfried Fischer.

Als Werner den so beliebten wie beleibten Schauspieler auf einer Veranstaltung ankündigte, spottete er sinngemäß, Fischer sei auf dem Weg zur Bühne ins Schwitzen gekommen, obwohl er den Aufzug genommen habe. Werner lacht die Scham weg: „Manchmal will ich einfach ein bisschen sticheln, manchmal fällt mir aber auch nichts Schlaueres ein.“ Er wollte Fischer da nichts Böses, es ist ihm schlicht rausgerutscht. Familie und Freunde haben sich längst daran gewöhnt: „Die bewerten das als Spielchen von mir und nehmen’s oft gar nicht zur Kenntnis.“

Ist es die Lust am Experimentieren, die ihn treibt? Ausdruck dafür, dass er sich selbst und die Welt nicht so ernst nimmt? Kann sein, obwohl es Werner lieber harmonisch hat. Vielleicht ist er gerade deshalb die Idealbesetzung für Mainstream Media mit Romance TV, Heimatkanal und Goldstar TV. Vielleicht hat Werner als Chef-Romantiker im Haus erst dort seinen Flow gefunden. Vom ZDF-Lerchenberg als Rechtehändler für Pilcher-Filme und Serien wie  „Der Alte“ oder „Derrick“ nach Ismaning hinaufzusteigen, war – so gesehen – nur konsequent.

Eine gewisse Leichtigkeit

Ohne es wirklich zu wollen oder zu wissen, hat sich Werner im Verlauf des Gespräches doch geöffnet. Seine anfängliche Unsicherheit oder zu mindest die Zurückhaltung im Persönlichen, mit der er mühsam nach jedem einzelnen Wort griff, ist einer gewissen Leichtigkeit gewichen. Eigentlich, sagt er, habe Günter Netzer zu seinen Vorbildern gezählt: „Die Sportvermarktung war mein großes Ziel.“ Nach dem Studium habe er dann erste Erfahrungen gesammelt „und in der Folge gemerkt, dass ich das nicht so gerne mein ganzes Leben lang machen möchte“.

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Dabei hatte Werner als studierter Sport-Ökonom beste Voraussetzungen für den Job. Und war aus dem Stand höchst erfolgreich. „Wir hatten sechs oder sieben Jahre lang eine Agentur in Köln, haben damals einen Senkrechtstart hingelegt.“ Doch die anfängliche Euphorie war bald verflogen: „Plötzlich habe ich auch die Nebenwirkungen gespürt, zum Beispiel, dass man da in einem nicht ganz seriösen Umfeld agiert“, erinnert sich Werner. „Je internationaler es wurde, desto seltsamer wurde es.“ Und dafür ging fast noch jedes Wochenende drauf.

Er sei „ehrlich froh“ – und sicher erleichtert – gewesen, als er mit dem Kapitel abschließen konnte. Das ZDF lockte ihn nach Mainz, auch wenn das Genre dort einem Kulturschock gleichkommen musste. Aber Werner arrangierte sich erneut. „Ich gewöhne mich sehr schnell an neue Situationen, damals wie heute.“ Geht so viel Pragmatismus nicht irgendwann an die Substanz? „Ich versuche sehr wohl, meinen Prinzipien treu zu bleiben, aber natürlich gehört in der Rolle, die ich zu bedienen habe, auch sehr viel Pragmatismus dazu.“

Er schiebt nach: „Man lernt sich zu arrangieren, man lernt, seine Stärken und Schwächen zu akzeptieren und sich an die Umgebung entsprechend anzupassen.“ Und das klingt überhaupt nicht fatalistisch, sondern erstaunlich selbstzufrieden. Werner ist kein Hasardeur, sein Motto lautet Sicherheit statt Dividende. Bei Mainstream Media scheinen sich all seine Bedürfnisse göttlich zu vereinen. Erstens der Standort: Seit einem Schulausflug wollte Werner immer in München leben. Nicht nur das: Heute ist er sogar mit einer Münchnerin verheiratet.

Zweitens die Firma: „Beruflich war es für mich seit jeher wichtig, dass ich ein harmonisches Umfeld vorfinde, dem ich voll vertrauen kann. Mit gesicherter Führung und einer gesunden Entscheidungsstruktur.“ Mainstream Media biete genau all das. Und dann ist da, drittens, ja noch der Geschäftspartner: Vorstandschef Gottfried Zmeck und Werner kennen und schätzen sich seit Werners Zeit beim ZDF. Zmecks Firma hieß damals noch GoldStar TV. „Wir haben uns immer sehr respektiert und einen angenehmen Umgang gepflegt“, erklärt Werner.

Best-of Schnulzenwelt

2008 holte ihn Zmeck schließlich nach München. Seither bauen sie das Unternehmen („eine tolle, mittelständische Familie“, Werner) gemeinsam aus. Der deutschsprachige Raum ist erobert, in Polen gelang Werner vor fünf Jahren der Einstieg. Möglich geworden war dies, weil sich Romance TV geöffnet und neben deutschen Inhalten auch mit italienischen und französischen Programm angereichert hatte. Ein Best-of der europäischen Schnulzenwelt. Es sei grundsätzlich extrem schwer, deutsche Programme im Ausland zu platzieren, so Werner.

Da hilft es international wenig, dass Mainstream Media nicht – wie die Vertriebsbrigaden anderer Sender – einzelne Programmformate, sondern ganze Senderkonzepte anbietet. Die haben zwar den Vorteil, dass sie typische deutsche Klischees wie Romantik, Heimat oder Schlager abfeiern. Es bleibt aber die Sprachbarriere. Gilt übrigens auch für Werner selbst. Denn außer seiner Muttersprache kann er nicht viel aufbieten. Etwas Badisch, weil er in Karlsruhe aufgewachsen ist, ein paar Brocken Französisch aus der Schulzeit.

Sportliches Talent

„Und auch mein Englisch würde nicht vermuten lassen, dass ich ein Native Speaker bin.“ Dabei war er direkt nach dem Studium für ein Jahr nach Großbritannien gegangen. „Ich glaube, bei mir ist sehr viel in mein sportliches Talent geflossen, die Sprachbegabung kam ein bisschen zu kurz.“ Welche Art Sport, will er seltsamerweise nicht verraten. Also zurück zu den Sprachbarrieren in der Filmvermarktung. Gerade der asiatische Raum, wo ausländische Produktionen typischerweise untertitelt werden, stellt Werner vor eine Herkulesaufgabe.

Immerhin sind die Münchner in Korea inzwischen Partner beim europäischen Filmkanal My Cinema Europe. „Der ist mittlerweile in einem halben Dutzend asiatischer Länder präsent, unter anderem in Taiwan, Indonesien, Malaysia“, zählt Werner auf, „und demnächst auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten.“ Außerdem habe Mainstream Media die Fühler nach Rumänien und Ungarn ausgestreckt, „da ist aber noch nichts spruchreif“. Und dennoch: „Die Welt bleibt nicht stehen, auch nicht in Ismaning.“ Eine Erkenntnis, die aufhorchen lässt.

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Denn rings um die Mainstream Media, umweit der Allianz Arena, im Industriegebiet von Ismaning, herrscht Ödnis. Werner bemüht sich nach Kräften, den Standort in allen Farben attraktiv zu reden: „Wir fühlen uns da ganz wohl und haben dort eine ganz ordentliche Infrastruktur.“ Gut, es gibt einen S-Bahn-Anschluss, und zum Flughafen ist es nicht so weit. Aber ein „ganz okay“ (Werner) wirkt eher wie ein umgepolter Magnet: abstoßend. „Ismaning hat sogar einen alten Dorfkern, der ist sehr charmant.“ Das macht es auch nicht besser.

Auf Augenhöhe

Viele Mitarbeiter müssen aus der Innenstadt aufwendig nach hier draußen kommen, zu dem schmucklosen Zweckbau in der Reichenbachstraße 1. Auch beim Mittagstisch dürfen sie nicht sonderlich wählerisch sein. Kleinere Dienstleister und Produzenten sitzen eher in München. Und von Schauspielern, die sich in Ismaning niedergelassen haben, ist auch nichts überliefert. Immerhin sitzen unweit „mehrere Sender und Kooperationspartner, mit denen wir regelmäßig zu tun haben, darunter auch die Plattform Sky und die ProsiebenSat.1-Gruppe“.

Und einmal mehr: Tim Werner hat sich arrangiert. Aber ist es einem Mann im besten Alter nicht irgendwo peinlich, mit Mainstream Media derartige Softie-Sender aufzubauen? Nehmen einen andere Medienmacher – und das private Umfeld – da überhaupt für voll? „Ich glaube sehr wohl, dass man auf Augenhöhe agiert.“ Das sagt Werner ruhig, nicht attackierend, so als habe er vor allem sich selbst diese Frage x-mal beantworten müssen. „Für die Qualität und Wirkung, die Romance TV oder Heimatkanal entfalten, muss man sich nicht entschuldigen.“

Keine Haare gelassen

Tatsächlich haben alle drei Pay-TV-Sender des Unternehmens eine dankbare und deshalb sehr treue Fangemeinde. „Wir stehen für Wohlfühl-Entertainment und versuchen, die Qualität in der Nische hochzuhalten“, schiebt Werner nach. Insofern könne er sich „mit meiner Tätigkeit sehr gut identifizieren“. Bei ihm zu Hause sind die drei Sender auf der Fernbedienung fest programmiert, gleich auf den Plätzen 4 bis 6. Im Schnitt an zwei Abenden pro Woche schaut er gemeinsam mit seiner Frau einen Film oder eine Serie aus dem eigenen Portfolio.

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Das Shooting im Frisiersalon ist inzwischen durch. Werner – und das mag am Ende zweier kurzweiliger Stunden das Wichtigste für ihn sein – kam um einen neuen Haarschnitt herum. Einzig die Anregung, seinen Scheitel anders zu tragen, hat ihm einer der Figaros noch mit auf den Weg gegeben. Für einen kurzen Moment baut seine Fantasie dieses Bild zusammen, dann ist der Verstand wieder wach. Und der sagt nein. Haare hat Werner nicht zurückgelassen an diesem Tag, doch immerhin eine Erkenntnis über ihn: Der Mann wirkt unterschwellig.

(Bijan Peymani) Fotos: Alexander von Spreti