Er ist schon ein Teufelskerl, dieser Richard Gutjahr. Aus journalistischer Sicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort und hält auch noch geistesgegenwärtig die Kamera in das Zentrum des Geschehens. Reporterglück könnte man das nennen, wenn die Umstände nicht so tragisch wären. Gutjahr ist eben mehr als nur der nette Schwiegersohn von nebenan. Wir hatten ihn vor einiger Zeit zum Interview in der Redaktion. Im Laufe des Gesprächs stellte der Journalist seine Fähigkeit unter Beweis, sich analytisch in Dinge zu verbeißen. 

Sie haben früher viel gezeichnet. Was hat Sie als Mann der Proportionen an sich selbst gestört?

Eigentlich habe ich mich nie selbst gezeichnet. Ich hatte kein Problem damit, andere zu Papier zu bringen. Aber an mich selbst habe ich mich nie gewagt.

Zu viele oder zu wenige Kanten?

Um jemanden zeichnen zu können, muss man ihn verstehen. Und was mich selbst angeht, bin ich da immer noch auf der Suche.

Wir haben uns gefragt, wie viele Ecken und Kanten man als Moderator überhaupt haben darf. Nervt es Sie als Journalist, vor der Kamera nicht wirklich ein Statement abgeben zu können?

Das kommt immer darauf an, in welchen Zusammenhang man auftritt. Ich denke, als Nachrichtenmoderator ist es unangebracht, die Dinge zu kommentieren. Aber versuchen Sie mal, bei einem bunten Beitrag über Eisbärenbabys ein emotionsloses Gesicht aufzusetzen. Unmöglich!

Ist es denn grundsätzlich einfacher, etwas zu kommentieren, oder nicht zu kommentieren?

Du bist natürlich immer safe, wenn du dir nichts anmerken lässt. Aber der Unterschied zwischen den Menschen vor der Kamera und einem Google-Algorithmus ist, dass wir eben erkennbar Menschen sind. Es sollte erlaubt sein, das hin und wieder auch auszuspielen.

Bevor Richard Gutjahr hier im Clap-Club einst seinen neuen Job beim WDR bekannt gegeben haben, war er ja nicht nur Mensch, sondern auch Mitglied einer Chefredaktion – und zwar der des Bayerischen Fernsehens. Wie oft haben Sie in dieser Position versucht, etwas zu verändern?

Fast täglich.

Und wie oft sind Sie damit gescheitert?

Ständig. Das gehört zum Geschäft. Ich glaube, viele Kritiker haben sich bei mir darin verschätzt, wie leidensfähig ich bin. Es gibt immer noch Menschen, die sich fragen, wie oft ich eine auf die Mütze bekommen muss, damit ich Ruhe gebe.

 

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Wer will denn, dass Sie Ruhe geben? Gibt es wirklich Menschen, die sagen: Der soll jetzt endlich mal die Schnauze halten?

Wenn du versuchst, Dinge, die schon immer so gemacht wurden, in Frage zu stellen … Wenn du laut überlegst, ob man diese nicht anders machen könnte … Dann triffst du zwangsläufig auf Leute, die das nicht so doll finden. Und natürlich kommt es mit denen dann früher oder später zum Showdown.

Was hätten Sie denn gern mal anders gemacht?

Das ganze Netz-Thema ist in den meisten Häusern, für die ich gearbeitet habe, grandios unterschätzt worden. Wenn es darum ging, bei sozialen Netzwerken zu engagieren, hast du dir im Zweifelsfall auch mal einen bösen Brief oder ein Gespräch mit dem Vorgesetzten eingehandelt. Heute gilt ein Großteil der Bemühungen darum, bei Facebook & Co. geliked zu werden.

Wie schizophren muss man sein, um sich sowohl in derart festgefahrenen Geradeaus-Strukturen aber auch in extrem sozial-medialen Kategorien wie etwa Ihrer Kairo-, iPad- oder NSA-Story zurechtzukommen?

Diese beiden Welten sind zwei Seiten einer Medaille. Ich glaube, sie gehören derzeit sogar noch stärker zusammen, als wir uns das bisher vorgestellt haben: starke Medien- und starke Personen-Marken. Also die Berechenbarkeit und Verlässlichkeit eines großen Hauses in Verbindung mit der Spielfreude der einzelnen Menschen – ich betone: Menschen –, die man braucht, um mit seinem Publikum in Kontakt zu bleiben.

Sie sind ja bekannt als weltweit erster Käufer eines iPads. Ist das ein Titel, auf den man stolz sein kann?

Warum wusste ich, dass diese Frage kommt? … Nein, darum ging es ja nicht. Ich bin Journalist. Ich bin zutiefst neugierig. Ich wollte einfach sehen, ob das Ding was taugt. Vielleicht vermache ich es eines Tages dem Historischen Bayerischen Museum für Relikte aus der analogen Welt.

Für die läuft das wahrscheinlich immer noch unter „Zukunft“. Aber anders formuliert: Machen Sie so was wirklich aus Interesse oder ist das kalkuliertes Hypen der eigenen Person?

Zum einen will ich natürlich gesehen, gelesen, geliked werden. Das ist etwas systemimmanentes, sonst wäre ich nicht Journalist geworden. Ich hätte auch das, was ich in Kairo erlebt habe, einfach aufschreiben und unters Kopfkissen legen können – dann hätte ich aber meinen Job verfehlt. Was mich in beiden Fällen geärgert hat: Dass ich es nicht zum ersten Mal erlebt habe, dass eine Geschichte auf der Straße liegt, und ich sie nicht machen durfte. Durch mein Blog hatte ich zumindest die Möglichkeit, die Geschichte selbst zu machen.

Und das durchaus erfolgreich. Ihre Seite zählt mittlerweile ja zum Must-Read aufstrebender Jung-Journalisten. Was würden Sie denen denn noch raten?

Sich zu fragen, ob sie in fünf oder zehn Jahren noch ihrer Arbeit nachgehen können. Wenn man immer nur vom Hier und Jetzt ausgeht, bekommt man sehr schnell Probleme. Und: Mehr aufs eigene Bauchgefühl hören! Kehrt den Untergangspropheten und Haare-in-der-Suppe-Findern den Rücken und sucht euch Menschen, die euch mit konstruktiver Kritik zur Seite stehen.

Gibt es ein Medium, von dem Sie sagen würden: „Die machen wirklich einen guten Job!“?

Einige! Gerade die Öffentlich-Rechtlichen Sender beweisen gerade unheimlich viel Experimentierfreude. Zum Beispiel mit Formaten, die sich nicht mehr am Privatfernsehen orientieren. Wenn die ARD jetzt mit einer Quizshow mit App („Quizduell“, Anm. der Red.) antritt, dann finde ich das schon ziemlich cool.

 

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Was müsste das öffentlich-rechtliche Fernsehen noch besser machen?

Noch mehr ausprobieren! Nicht nur der GfK-Quote glauben!

Mehr Humor?

Ja – und die Fähigkeit, auch über sich selber zu lachen.

Mehr junge Gesichter?

Die Altersfrage spielt meiner Meinung nach keine Rolle mehr. Mittlerweile sind in Deutschland mehr Über-60-Jährige als Unter-20-Jährige online. Alter ist relativ. Die Alten sind heute sehr jung, und ich finde, man kann ihnen mehr als Veronica Ferres oder Christine Neubauer zumuten.

Apropos alte Hasen: Was halten Sie von der Recherche-Allianz? Würden Sie sich Mascolos Mannen gern anschließen?

Auch das ist einer der Gründe, warum ich glaube, dass wir derzeit vieles richtig machen: Jenseits des eigenen Tellerrands zu denken. Und statt den Streit um die „Tagesschau“-App vor Gericht auszutragen, den Schulterschluss auf Gebieten zu suchen, die ein klares Win Win Win darstellen, und zwar für alle: die Öffentlich-Rechtlichen, die Verlage, das Publikum. Damit die Zeiten des Copy&Paste-Journalismus endlich vorbei sind.

Lassen Sie uns noch mal auf diesen Zwiespalt Moderator – Journalist zurückkommen. Gefühlt sind Sie eher letzteres.

Nochmal: Das eine schließt das andere nicht aus. Solange ich einen geraden Satz vom Teleprompter ablesen kann, bin ich auch in der Rolle nicht verkehrt.

Was kickt denn mehr? Wenn jemand sagt: „Das ist doch der Typ aus Kairo!“ Oder wenn es heißt: „Mensch, ich kenn Sie doch aus dem Fernsehen!“

Wenn ich so drüber nachdenke: In letzter Zeit sprechen mich die Menschen tatsächlich immer weniger aufs Fernsehen an. Auf einer Veranstaltung kamen zwei Herren deutlich jenseits der 50 auf mich zu und sagten, sie seien nur wegen mir. Ich wollte wissen, ob sie so spät noch fernsehen, worauf sie sagten: Nein, wir lesen Ihr Blog und finden das Klasse, was Sie machen. So etwas passiert mir immer häufiger.

Der nette Schwiegersohn aus dem Fernsehen hat also ausgedient?

Nein, ich kann auch Schwiegersohn. Ich bin ja auch Schwiegersohn. Viele Menschen unterstellen mir einfach eine feminine Ader. Aber damit kann ich leben.

Interview: Daniel Häuser, Bulo

 

Gutjahr