„Eine Spalte Liebe“, heißt die neue „Clap“-Kolumne von Michael Kneissler, dem Promi-Experten der deutschen Medienszene. Der Top-Journalist schreibt jetzt regelmäßig für „Clap“ über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Kneissler: „Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe.“
 
Los gehts in dieser Woche mit einer Geschichte über Autorin Anja Rützel, Miterfinderin des G+J-Magazins „Business Punk“, die unvergleichlich wortgalant über TV-Formate wie das Dschungelcamp schreibt.
 
Anja Rützel ist die vermutlich am besten bezahlte Putzfrau beim Spiegel. Ihre Aufgabe ist es, schädliche Emissionen aus dem Unterschicht-Fernsehen zu beseitigen, bevor sie die Welt der Oberschicht-Leser kontaminieren. Sie geht dieser Aufgabe mit einem nachahmenswerten Eifer nach. Zur Zeit ist sie 24/7 im Einsatz, um den kulturellen Unrat aus dem RTL-Dschungelcamp abzuräumen – das trashigste aller Trash-Formate. Und im Gegensatz zu allen anderen, die banal dokumentieren, was da im australischen Erlebnispark für bedürftige Promis abgeht, oder lügenpressenmäßig hochjazzen, was in Wahrheit nur Schmonzetten sind, gibt sich die Rützel stets Mühe alles sachgerecht wegzusortieren – natürlich in die unterste Schublade. Das macht sie aus Dankbarkeit, auch ein schöner Charakterzug an ihr, weil 14 Tage IBES „tiefere Erkenntnisse über menschliche Trottelmechanismen“ geben „als 14 Semester Soziologiestudium“, wie sie offen zugibt. An diesem Zitat erkennt man auch schon eine andere liebenswerte Sonderlichkeit der Rützel: sie dengelt sich die Worte ebenso grobmotorisch wie phantasievoll zusammen – ohne sich für die naiven Bastelarbeiten auch nur im geringsten zu schämen: ein erfrischender Beleg für Selbstvertrauen.
 
Das Dschungelcamp ist für sie ein unterhosenoptimiertes Kakerlakenkolleg, bei urinösen Eventuell-Entleerungen ruft sie nach der Pipi-Polizei. Und wenn’s gut läuft gibt es Hankas Spar-High-Five: die Fingerkuppen-Minimal-Abklatschversion. Literarisch versierte Leserinnen und Leser haben unterdessen natürlich auch schon erkannt, dass die Rützel so mutig ist, dass sie nicht mal vor der durchgenudelten Stilform der Alliteration zurück schreckt. Kakerlakenkolleg, Pipi-Polizei. Auch das ein Kennzeichen der SPON-Autorin: Während sie andere in die unterteste Schublade sortiert, greift sie selbst hinein. Frisch drauf los vergibt sie den Teilnehmern der Trash-Show Prädikate. Der Jens: Von  Minderleister-Muff umflort. Der Honey: ein Kampfgrinser mit niemals abschwellender Froh-Backigkeit. Die Sarah Joelle: eine Dümmeline. Die Kader: eine Schundesse von Loth. Tut vielleicht weh, macht aber nix, weil es der intellektuellen Sauberkeit dient. Und man weiss ja nicht, ob Minderleister, Dümmelinen und Schundessen überhaupt Schmerz empfinden können. Bis dahin gilt der Rützel meine Zuneigung, auch schon deshalb, weil ihr oberlehrerhafter Kollege Arno Frank nicht über Themen schreiben kann, die sie schon abgefieselt hat. Im Gegensatz zur rüden Rützel-Putze ist der arme Arno nämlich ein Schlaumeier mit niemals abschwellender Brems-Backigkeit.
 
Anja Rützel, 44, lebt mit Hund in Berlin und arbeitet als freie Autorin unter anderem für
Spiegel Online und das SZmagazin.
 
Foto von Michael Kneissler: Alexander von Spreti