Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe. Michael Kneissler schreibt regelmäßig über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Heute: Kai Diekmann und sein Quasi-Nachfolger Julian Reichelt.

Jetzt, wo Julian Reichelt wie Kai aus der Kiste den Diekmann macht, vermisst man das Original plötzlich doch sehr. Der alte Diekmann konnte einem mit seiner überbordenden Twittermania, seiner Eitelkeit und als Kohl-Fanboy gehörig auf die Nerven gehen, aber immerhin war er ein Typ, ein Charakter, im tiefsten Herzen ein Anarchist. Er hatte Humor und eine nie versiegende interne Quelle der Kreativität . Vermutlich litt er an einer Art erwachsener Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), das hielt ihn ständig auf Trab. Buchstäblich. Einmal, im Gespräch mit ihm, trappelte es ständig im Raum, als sei eine Herde Schafe auf der Flucht. Als ich unter den Tisch schaute, stellte sich heraus, es war nur der Diekmann, der die Füße nicht ruhig halten konnte. Unvergessen sind sein Penisstreit mit der „taz“, sein Nerd-Ausflug ins Silicon Valley und seine Telefonrechnung aus dem Marokkourlaub (42.000 Euro).

Vielleicht war Diekmann der beste Chefredakteur von „Bild“ ever, ever, ever. Der verrückteste war er auf jeden Fall. Den Auflagenabsturz konnte er zwar nicht stoppen (im Gegenteil), aber das lag weniger an ihm, als an den Umständen. Dafür machte er „Bild“ zum innovativsten Medium der Republik. Bild.de, twitter, 3-D-Videos, Instagram, Snapchat – you name it, Kai probiert es aus. Oder lässt probieren.

Und da kommt Reichelt ins Spiel. Er war der Chef von Bild.de. Schon da ist er nicht durch Humor und Spieltrieb aufgefallen, sondern als eine Art Taliban der eigenen Meinung. Ganz oben auf seiner täglichen To-Do-Liste: Putin-Bashing. Das ist manchmal mehr Propaganda als Journalismus und man merkt, dass er als Ex-Kriegsreporter gewohnt ist, über Leichen zu gehen.

Kai Diekmann ist nie über Leichen gegangen. Er war selbst eine. Im „Tatort“. Während der Neue ernst macht, wollte der Alte immer nur spielen.

 

Fotos: Axel Springer, Alexander von Spreti