Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe. Michael Kneissler schreibt regelmäßig über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Heute: Dampfablasser Hans-Ulrich Jörges

Hans-Ulrich Jörges ist einer der wichtigsten politischen Journalisten des Landes. Vor 13 Jahren war er sogar „Journalist des Jahres“. Im Sommer wird er allerdings die Redaktion des „Stern“ verlassen und nur noch als freier Kolumnist arbeiten. Das ist einerseits schade, andererseits eine schöne Entwicklung und stark zu begrüßen, weil dadurch ein Zimmer im Berliner „Stern“-Büro frei wird und die Schadstoffbelastung sinkt. Jörges ist Indoor-Pfeifen-Raucher und auch ansonsten Fachmann für Rauchschwaden und Nebelwürfe.

Gern lässt er Dampf ab in politischen Talkshows, obwohl er im letzten Jahr nur noch drei Mal geladen wurde, angeblich weil er selbst zahlreiche Anfrage ablehnend beschied. Vielleicht aber auch, weil seine etwas schwurbelige Position als agent provocateur unterdessen ein wenig ausgelutscht ist. Früher disste er noch hemmungslos unglückselige Kontrahenten wie den FDP-Minister Niebel („Sprechautomat“) und seine Lieblingsfeindin Sarah Wagenknecht (redet „Stuss“), während er mit dem Zeigefinger oberlehrerhaft in der Luft herumstocherte. Oder er fiel wenigstens seinem angeblich Duz-Freund Uli Hoeneß (bei Jauch) mit wichtigtuerischem Intim-Klatsch in den Rücken. Aber unterdessen ist er altersmilde geworden und schon längst nicht mehr der Hecht, sondern nur noch der Karpfen im trüb dahinblubbernden Mainstream.

Womöglich schadete ihm aber auch seine scheinbare Nähe zum Berliner Politik-Betrieb. Während überall im Land die Menschen von der angeblichen Kungelei der Eliten genervt sind, preist seine Redneragentur unverdrossen Jörges „Adabei“-Position an: „Nicht nur lokal, sondern vor allem inhaltlich ist Hans-Ulrich Jörges unserer Bundesregierung und ihren Akteuren seit Jahrzehnten ganz nah“.

Aber ist er das überhaupt noch? Nach eigenem Bekunden war er schon lange nicht mehr bei Hintergrundgesprächen im Kanzleramt dabei. Vielleicht deshalb hält er von Regierungssprecher Steffen Seibert nichts (dessen Arbeit koste die Union mindestens vier Prozent der Stimmen, sagt Jörges) und findet „Spiegel“ und „Süddeutsche“ peinlich, wenn diese mit der Kanzlerin im Hinterzimmer verschwinden und da „unter 3“ bereden, was Jörges nicht weiß.

Sympathisch an Jörges ist, dass ihn solche Peinlichkeiten nicht weiter bremsen. Hintergrundgespräche sind ohnehin vollkommen überbewertet. Und überhaupt: Wer glaubt schon, dass Frau Merkel da ein richtig dickes Ding los lässt?

Für dicke Dinger ist immer noch der Jörges selbst zuständig. In letzter Zeit haut er die den Kollegen um die Ohren. „Schönfärberei, Propagandismus, Oberflächlichkeit, Gedächtnisverlust und Verstoß gegen Recherchepflichten“ kann er da erkennen und als Folge ein massenhaftes Unbehagen an den Medien. Er selbst ist daran natürlich nicht schuld und hofft, dass es irgendwie noch einmal glimpflich ausgeht. Wenn allerdings die AfD bei der Bundestagswahl über 20 Prozent bekommt, dann hört er ganz auf zu schreiben.

Das wäre in jeder Hinsicht zu bedauern.

 

Foto: Stern/ David Maupilé, Alexander von Spreti