Hass ist so was von gestern. Die Zukunft gehört der Liebe. Michael Kneissler schreibt regelmäßig über Menschen und Medien, die unsere Zuneigung verdienen. Heute: Der Anarchist Frank Otto

Der Hamburger Medienunternehmer Frank Otto, 59, erlebt gerade eine ziemlich krasse Sturm-und-Drang-Phase in seinem Leben. Der Drang betrifft ein 40 Jahre jüngeres „Model“, der Sturm ist eher ein Shitstorm. Beides hängt eng zusammen, weil Otto seine neue Liebe exzessiv auslebt. Während andere Sugar-Daddys ihrer Eroberung diskret ein Appartement und den 911er bezahlen, geht Otto damit ins Fernsehen. In einer Reality-Soap auf Vox kann ganz Deutschland mitverfolgen, wie der alternde Multi-Millionär die Jungfrau auf den Seychellen bebalzt.

Das sind faszinierende Bilder, für die man den beiden nicht genug danken kann. Einerseits ist man Augenzeuge eines dramatischen Generationen-Gap: Während er darüber redet, dass man das Meer retten muss, redet sie darüber, wie angenehm es ist, einen Typen erwischt zu haben, der gern mal anlassfrei mit Klunkern für 80 Mille rüberkommt. Das Leben kann so schön sein! Andererseits sieht man auch Bilder feiner Zuneigung (meistens von Otto) gepaart mit leichter Schlichtheit (meistens von ihr). In kurzen Hosen und mit Engelsgeduld erträgt er die Banalitäten der jungen Frau. Auch das schöne Leben hat seine Härten!

Der Stern, mit Otto im engen Austausch über die sexuellen Freuden der Jugend (Sex-Spielzeug: Ja!, Hauen und Peitschen: Nein!), findet dennoch, dass Otto sich mit der Dame zum Horst macht. Das ist eine Meinung, der das Internet in einem leicht armseligen Shitstorm gern zustimmt.

So wie ich Otto kenne, geht ihm das da vorbei, wo der Shit herkommt. Ihm ist schnuppe, was die anderen denken. Kann sogar sein, dass Frank Otto es mal wieder mit Absicht auf die Spitze getrieben hat, um die muffigen Spießer in der Branche zu enttarnen, die Moralapostel, die Heuchler, die Political-Correctness-Afficionados. Warum sonst sollte er mit seiner Teenie-Liebe derart in die Öffentlichkeit drängen? Als Medienprofi wüsste er genau, wie das zu vermeiden ist. Also pures Kalkül? Provokation? Zuzutrauen wäre es ihm. Tief im Herzen ist Otto Anarchist. Schon als junger Mann war er Revoluzzer. Er flog aus dem Internat, trug lange Haare und machte Musik statt BWL. Ein paar Mal war er nach Demos im Knast. Für das Familienunternehmen Otto wollte er nicht arbeiten (das Erbe allerdings nahm er schon an). Prima Klischees, um die Neid- und Missgunst-Gesellschaft aufzuregen. Und jetzt hat er auf seine alten Tage auch noch einen hormonellen Overdrive und den besten Sex ever, ever, ever.

Wen das stört: Selber schuld.

 

Foto: Alexander von Spreti, Frank Otto