Titelheld der vergangenen Clap-Ausgabe war Kabel1-Mann Marc Rasmus. Der Senderchef bekam mit Kabel1 Doku kürzlich neue Aufgaben im Medienkonzern ProSiebenSat.1 zugewiesen. Aus diesem Grund stellen wir das Porträt heute online.

Muss man Marc Rasmus dankbar sein oder doch eher übel nehmen, Geburtshelfer für Trash-Formate wie „Big Brother“, „Frauentausch“ und „The Biggest Loser“ gewesen zu sein? Auf seinem Ritt durch die TV-Prärie hat der heutige Senderchef von „Kabel eins“ jedenfalls Spuren hinterlassen. Ein „Fort“ in der Eifel legte den Grundstein, verrät Rasmus im „Clap“-Gespräch.

Bernd Weidung, Detlef Lampe, John de Mol – drei Namen, die untrennbar mit der Vita von Marc Rasmus verbunden sind. Drei Typen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und doch, jeder für sich, einen Teil seiner Persönlichkeit beschreiben. Wir treffen den Mann mit der Löwenmähne in München. Rasmus, Senderchef von „Kabel eins“ aus der „ProSiebenSat.1“-Gruppe, hat vor allem sich selbst mitgebracht. Keine Maskierung, keine aufgesetzte Attitüde. Der Shabby Chic steht ihm gut. Der ganze Kerl wirkt auf eine charmante Art „used“. „Bist du mit dem Pferd da?“ So eine Frotzelei ist Rasmus nicht fremd, die kann er ab. Blöder Spruch, doch er bleibt souverän. Lange Haare, Rauschebart, coole Stiefel und überhaupt so – geduldig arbeitet der 42-Jährige erst mal Äußerlichkeiten ab, mit denen sich sein Gegenüber aufhält. „Das alles passt zu mir, das bin ich, und ich mag mich nicht verbiegen“, beschließt Rasmus und schiebt nach, Authentizität sei fürs Fernsehmachen „etwas ziemlich Wichtiges“. Genau darauf und auf eigene Grenzerfahrungen wird er das Gespräch wiederholt lenken. Marc Rasmus kam in Berlin zur Welt. Weil es seinen Vater beruflich in die Nähe von Koblenz verschlug, zog die junge Familie wenige Jahre nach Marcs Geburt in ein 300-Seelen- Dorf tief in der Eifel. Hier können Lebensläufe enden. Oder ihren Anfang nehmen. Wie beispielsweise bei Bernd Weidung, von dessen Eltern Erwähnung verdient, dass sie ein Café in eben diesem Kaff Wierschem betreiben. Bernd bekam nicht nur Kuchen ab, sondern auch die Sahne: Als Thomas Anders im Pop-Duo „Modern Talking“ nahm er in der Folge die Welt im Sturm ein.

 

Kirchenmusik mit der Lithurgiegruppe

Obgleich Thomas alias Bernd gut zehn Jahre älter ist als Marc, verbindet beide, dass sie auf derselben Schule waren und eine Weile in derselben Lithurgiegruppe Kirchenmusik machten. Marc Rasmus als Schlagzeuger, wohlgemerkt. „Das ging gerade so. Es war aber doch mehr ein Streicheln als ein Spielen, mit den Sticks.“ Anders als Anders blieb Rasmus die Künstler-Karriere verwehrt. Und doch gelang es ihm, bald aus der für ihn schauerlich-schönen Eifel-Idylle auszubrechen. „Das Leben auf dem Land hat etwas sehr Freies“, erinnert er sich. Die Milch beim Bauern holen, als Knabe auf dem Trecker fahren, als Teenager in die nächste Stadt trampen, all das empfand Rasmus als ursprünglich, bodenständig. Aber 300 Augenpaare aufeinander gerichtet und jeder Moment im Stillen hörbar vermerkt, das wurde zunehmend beklemmend. Vielleicht als Trotzreaktion entwickelte der junge Marc schnell einen eigenen Kopf und erkannte, dass seine Welt so viel größer sein sollte, ja erheblich größer sein musste, als Wierschem. Nach Abschluss des Gymnasiums trat er mit 18 die Flucht nach Köln an. Rasmus wollte Neues entdecken, sich selbst ausprobieren. Es muss Bestimmung gewesen sein, dass es ihn ausgerechnet in die Domstadt verschlug. Schuld daran trägt die Burg Eltz unweit seines Heimatdorfes, eine der bekanntesten Burgen im Land – und eine der wenigen Befestigungsanlagen in der Eifel, die niemals erobert werden konnten. Vor allem begüterten Menschen dürfte sie noch heute deshalb vertraut sein, weil sie einst die Rückseite des 500-D-Mark-Scheins zierte. Für jüngere Semester: Das war Deutschlands Währung vor dem Euro. Rasmus kannte die Burg wie seine Westentasche. Während der Schulzeit bis in die Oberstufe hatte er sich dort als Fremdenführer verdingt. Ein Teilnehmer drückte ihm nach einer Führung überraschend 10 Mark Trinkgeld in die Hand. Und ein x-beliebiges Stück Papier, das gerade zu greifen war („den Zettel habe ich heute noch“) diente als Visitenkarte. „Du bist gut, komm mal vorbei!“ habe ihm der Typ noch zugerufen. Der Typ, das war Detlef („Deti“) Lampe, zu jener Zeit Redaktionsleiter der „RTL“-Nachrichtenmagazine „Punkt 7“ und „Punkt 12“. Für Rasmus ein Fingerzeig: „Das war in einer Phase, in der ich mich intensiv damit befasste, wie es weitergehen würde.“ Zivildienst, das war klar, und dann? „Ich hatte noch überhaupt keine Vorstellung, wohin meine Reise gehen könnte.“ Als Kind wollte er Tierforscher werden. Marcs Eltern hatten ihren Filius jeden Sonntag in den Berliner Zoo geschleppt. Bald konnte er dort alle Tiere benennen. Womöglich waren Marcs erste Worte gar nicht „Mama“ und „Papa“, sondern „Flachland-Tapir“ und „Mantelpavian“. Ein Sielmann wurde er trotzdem nicht. Stattdessen hatte sich Rasmus, noch mit 17, um ein Praktikum bei „RTL“ und Lampe beworben, landete so bei „Punkt 12“ DX3B0060_625

Flachlandtapir und Mantelpavian

Weitere Praktika folgten, unter anderem beim „ZDF“ und beim Radio („war aber beides nicht so meins“). Schließlich schrieb er sich in Volkswirtschaftslehre und Soziologie ein, ging – kaum zwei Tage in Köln – wieder zu „RTL“: „Hier bin ich, habt ihr was für mich?“ „Deti“ hatte. In der relativ neu gegründeten Redaktion der Morgenmagazine stand ein Planungsredakteur von „Punkt 7“ vor dem Urlaub. Rasmus durfte ihn fortan vertreten. Der ehrgeizige Newcomer praktizierte auf wechselnden Gebieten. Sein Studium bildete dabei eher den schmückenden Rahmen. Bald darauf brach die Ära populärer Talkformate wie „Hans Meiser“ und „Bärbel Schäfer“ an, für Rasmus eine Art Erweckungserlebnis. „Ein paar Jahre lang habe ich für diese Redaktionen gearbeitet“, erinnert er sich im „Clap“-Gespräch und nennt es „eine ganz wichtige Zeit“. Er habe damals „wahnsinnig viel über Menschen gelernt, weil man als Redakteur eine Sendung vom Titel bis zur Umsetzung komplett allein betreut hat“. Das schloss die Auswahl der Gäste und den Besuch bei ihnen zu Hause zum persönlichen Gespräch ein. Seitdem ist Rasmus nichts Menschliches mehr fremd, auch wenn er früh für sich eine Entscheidung traf: „Ich habe immer darauf geachtet, dass ich meinen Gästen auch nach der Sendung noch unter die Augen treten konnte.“ Irgendwann habe ihn „RTLII“ dann gefragt, ob er sich um ein neues Format aus Holland kümmern wolle, in dem ein paar unbekannte Menschen für viele Wochen in einen Container eingesperrt und dabei rund um die Uhr mit der Kamera begleitet würden.

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Für Big Brother musste er sich rechtfertigen

Rasmus übernahm, die Endemol-Nummer fand er irgendwie skurril, aber reizvoll. Doch nicht nur beruflich, auch privat musste er sich für „Big Brother“ anfangs rechtfertigen – auf einer Podiumsdiskussion vor ein paar hundert Jura-Studenten in Heidelberg ebenso wie privat bei einem Abendessen. So sei ein Freund mitten im Gespräch einmal aufgestanden und gegangen. Ein anderer, ehemals Mitschüler, habe ihm vor Jahren erzählt, dass er wegen „Big Brother“ zwischenzeitlich den Kontakt zu Rasmus abgebrochen habe. Heute ist alles wieder gut. „Die meisten meiner Freunde haben zum Glück erkannt, dass es für mich immer eine Grenze gibt bei dem, was ich tue. Ich steh dazu, und ich habe mich nie verstellen müssen – und auch nicht wollen.“ Zwischen „BB“-Staffel 1 und -Staffel 2 schrieb Rasmus seine Diplomarbeit. „Irgendwas in der Sozialpolitik. Dass ich das Thema nicht mehr erinnere, ist symbolisch für das ganze Studium.“ Er habe sich auf das fokussiert, was verlangt wurde und „nicht über den Tellerrand geschaut; ich halte mich für den schlechtesten Diplom- Volkswirt der Nation“. Immerhin, in acht oder neun Semestern – wer weiß das denn heute noch so genau, Rasmus jedenfalls nicht – hat er es mit Anstand zu Ende gebracht, auf der letzten Rille, wie er sagt. Hier wie da, während seiner nun 25 Jahre währenden Programm- Karriere, hat Rasmus oft das Innerste, aber nie das Äußerste getan. Was fürs Studium bedauerlich ist, war fürs Fernsehen um so beglückender: Rasmus distanziert sich von allzu kalkulierter Effekthascherei und mag dochregistrieren, dass viele seiner TV-Babys zu hässlichen Format-Zombies mutiert sind. Die „Kochprofis“, „Die Hammer-Soap“, „Zuhause im Glück“ – unter anderem diese Innovationen hatte er bei „RTLII“ erfolgreich an den Start gebracht. Zum Dank wurde er Unterhaltungschef. Nach einem Wechsel zu „Discovery“ („da lag der Reiz vor allem im Aufbau von ,Dmax‘“) im Herbst 2006 zog es Rasmus Anfang 2010 zu „ProsiebenSat.1“. Es war die Zeit absurder Reality-Formate wie „Die strengsten Eltern der Welt“ oder „The Biggest Loser“. Vor allem aber war es Rasmus‘ Aufgabe, neue Sender wie „Prosieben Maxx“ und „Sat.1 Gold“ mit Leben zu erfüllen. Vom Gold-Thron wechselte er im Frühjahr 2016 an die Spitze
von „Kabel eins“. Beim Blick auf seine Vita fällt auf, dass Rasmus wiederholt Katja Hofem-Best (heute wieder ohne „Best“) in der Position nachfolgte, die sie gerade verließ. War er ihr Schatten? Das könne man vermuten, sagt Rasmus und lacht: „Nein, von Katja habe ich viel gelernt, vor allem Leidenschaft fürs Fernsehen. Wir haben uns gut ergänzt, und ich bin ihr sehr dankbar für ihre Unterstützung in all den Jahren.“ Inzwischen arbeiten sie, aufgabenbedingt, nicht mehr ganz so eng zusammen.

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Unangepasstheit einigermaßen angepasst

Im Übrigen, schiebt Rasmus, verheiratet, eine Stieftochter, hinterher, plane er seine Karriere nicht. „Ich lebe nach der Fußballer-Weisheit: ,Man muss von Tach zu Tach denken‘.“ Vielleicht auch deshalb hat Rasmus in seinem Leben viele Stationen und Momente notiert, in denen er fühlte: Oh, das ist toll, gerade. So kann’s bleiben, möge doch die Zeit stehen bleiben. Und womöglich rührt daher seine coole Lässigkeit, die echt wirkt und nicht aufgesetzt. Obwohl, wenn man ihn länger spricht, ist Rasmus’ Unangepasstheit mithin einigermaßen angepasst. „Ich mag es gerne harmonisch, friedlich“, bekennt er ausgangs des Gesprächs. Die unerfüllte Sehnsucht nach Entschleunigung angesichts eines von bewegten Bildern, schnellen Schnitten und flüchtigen Geschichten geprägten Alltags trieb ihn zur Fotografie. „Vor Jahren haben ich für mich Landschafts- und Tieraufnahmen entdeckt.“ Das hält ihn fit, im Abnutzungskampf Privat-TV. Seine Leidenschaft sei auf einer Safari durch Afrika geweckt worden, „als ich die Weite, die Wildnis und vor allem die Kraft der Gegenwart sehr intensiv spüren durfte“. Da wird der coole Urban Cowboy fast poetisch, so wie insbesondere seine Tieraufnahmen echte Poesie sind. „In gewisser Weise schließt sich für mich damit der Kreis zum damaligen Berufswunsch aus meiner Kindheit“, grinst Rasmus. Jedes einzelne Motiv sei das Ergebnis von Leidenschaft, Freude und Geduld, unterstreicht er, spricht von der Kraft natürlicher oder arrangierter Schönheit und der Macht der Emotionen. Sätze, die auch treffend beschreiben, wie Rasmus sein TV-Geschäft versteht. Sätze, die für ihn mehr sind als Marketingfolklore.

Text: Bijan Peymani

Foto: Alexander von Spreti