Journalismus studieren – ja oder nein? Weil in Leipzig zuletzt ein Imatrikulationsstopp beim bekannten Masterstudiengang verhängt wurde, entbrennt eine alte Diskussion über das Für und Wider dieses Studiengangs, die anderswo in Europa selten geführt wird. Dazu trug immer auch bei, dass die Verlage in Sachen Ausbildung ihr eigenes Süppchen kochen. Wir sprachen mit Michael Haller zum Thema, der schon 1993 in Leipzig Professor für Journalistik wurde. 

Imatrikulationsstopp beim Masterstudiengang Journalistik. Wie optimistisch darf man denn sein, dass dieser bald wieder aufgehoben wird?

Haller: Es gibt keinen Grund , an der Zusage der Fakultät zu zweifeln, dass es 2018 wieder los geht.

Die Debatte, um die Legitimation eines solchen Studiengangs, wird damit erneut entfacht. Warum ist dieser ihrer Meinung nach immer noch zeitgemäß?

Haller: Er ist es mehr denn je. Der Vertrauensschwund in die Medien kommt nicht von ungefähr. In vielen News-Redaktionen geht es nicht mehr um tagesaktuelle Aufklärung über das Geschehen in der Welt, sondern ums wilde Spekulieren, im Glauben, damit Aufmerksamkeit in Form von Klickzahlen zu erzielen. Höchste Zeit, dass wieder Leute in den Journalismus gehen, die das Wichtige vom Beliebigen unterscheiden und über die tonangebenden Akteure kritisch reflektieren können.

Warum kochen denn überhaupt solche grundsätzlichen Diskussionen immer wieder hoch? In anderen Branchen, wie beispielsweise in der Medizin, werden solche Debatten um einen Studiengang doch auch nicht geführt.

Haller: Das ist eine Frage der öffentlichen Aufmerksamkeit. Auch in der Medizinerausbildung gibt es heftige Kontroversen. Darüber lese ich in Clap nichts, weil Medizin als Fachthema gesehen wird. Der Arzt ist ja auch für die meisten Leute weit weg, er gehört zur unerwünschten Welt der Sorgen und Nöte. Die Medien gehören zum Alltag. Der durchschnittlich gebildete 40jährige Angestellte schaut jeden Tag – Stichwort Smartphone – mehr als 30 Mal auf Inhalte, die „irgendwas“ mit Nachrichten und insfern mit Journalismus zutun haben. Wie wir uns informieren können und wollen, das ist in Zeiten, in denen viele Leute  „Lügenpresse“ und „Fake news“ reden, besonders wichtig. 

Sie haben den Studiengang seit Anfang der 90er Jahre maßgeblich mitbestimmt. Über welche Erfolge freuen Sie sich rückblickend am meisten?

Haller: Dass es uns gelungen ist, gute Theorie und gute Praxis zusammenzuführen. Darum haben wir das einjährige Volontariat in den Studiengang integriert und schon Ende der 90er jahre eine Lehrredaktion geschaffen, die nicht für den Papierkorb, sondern für die Tageszeitung am Ort arbeitet. Im Lehrplan hatte Recherchieren einen hohen Stellenwert, auch die Stilformen und berufsethische Kompetenzen.  Und die Abschlussarbeit sollte zeigen, dass der Absolvent auch analytisch denken kann und mit wissenschaftlichen Methoden vertraut ist. Mich freut rückblickend, dass das geklappt hat und ich heute in vielen Redaktionen leitende RedakteurInnen und Reporter treffe, die in Leipzig studiert haben.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Werden Sie verstärkt Aufgaben bei der Hamburg Media School wahrnehmen?

Haller: Nein, ich engagiere mich auf meine alten Tage vor allem in der Journalismusforschung, um herauszufinden, wohin die Reise gehen wird.

Interview: Daniel Häuser

Disclaimer: Der Autor absolvierte in den 90er Jahren in Leipzig den Diplomstudiengang Journalistik

Foto: Maria Giulia Tolotti/Wikipedia, Herber von Harlem Verlag