Thomas Bily, der Vorstand der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche.

Die EU-Kommissarin Vera Jurova wird „schön langsam ungeduldig“ mit den nicht folgsamen Facebooks und Googles. Ui ui! Burda-Chef Kallen forderte jüngst sogar, die US Internet-Giganten an Ketten zu legen. Kallen will das gute Internet schaffen, wo Daten nicht einkassiert und von Firmen aus Trump-Country nicht missbraucht werden. Burda hat dafür eine saubere Browser-Suchmaschinen-Kombi ertüftelt, die schon 1 Million User hat – einen Hauch mehr als Google in Niederbayern.

Es ist verständlich, dass die traditionellen Medienkonzerne skeptisch bis panisch in die Zukunft schauen und auf Hilfe von oben, also von der Politik, hoffen. Bekanntlich graben ihnen Amazon oder auch Netflix fleissig das Wasser ab. Und das nicht mal heimlich. Sehenden Auges haben deutsche Medienhäuser die Digitalisierung viele Jahre einfach verschlafen – manche sogar trotzig ignoriert.

Heute stellen sie fest, dass der Zug ohne sie schon sehr weit gefahren ist. Gleichzeitig hängen sie an der Lokomotive von Google und Facebook als Wachstumsquellen für ihre Webseiten. Wo wären Focus.de & Co. ohne Suchmaschinen-Traffic und ohne Social Reach? Und nun winkt Facebook auch noch mit einem Bezahlsystem für Publisher. Das wird sicher benutzerfreundlicher und smarter sein als alles, was Publisher bislang selbst gebastelt haben. Wenn also Facebook mit seiner Reichweite und seiner Technik alle vermuteten Hürden eliminiert, dann geht es im Kern nur noch um die Frage: Ist eine ausreichende Zahl von Usern bereit zu zahlen für (selbsternannten) Qualitätsjournalismus? Im Wettbüro würde ich auf „Nein“ setzen, auch wenn Journalistinnen wie Ulrike Simon meinen, der klassische Journalismus habe „Wums wie eh und je“, sage ich: An der Kasse scheiden sich die Geister.

Wenn aber selbst der übermächtige Retter Facebook die Branche nicht retten kann, bleibt einem fast nichts anderes übrig, als ihn an Ketten zu legen. Oder Moment mal… Was spräche dagegen, Angebote und Services der großen Internet-Giganten zu nutzen, um bessere Alternativen zu entwickeln und selbst neue Produkte groß zu machen? Auf Symbiose und Zusammenarbeit zu setzen anstatt auf Abgrenzung? If you can´t beat them, join them. Oder gilt das jetzt auch nicht mehr?

Wenn Trump der Weltmarkt-führenden deutschen Automobilindustrie Reglementierungen ans Bein twittern will, geht eine Welle der Empörung durchs Land. Zurecht. Auf die Medienbranche angewandt bedeutet dies, dass der Weltmarkt nicht durch deutsche Ketten reglementiert werden kann. Sondern dass wir lieber daran arbeiten sollten, so etwas wie einen deutschen Internet-Tesla als Antwort auf die US-Giganten zu erfinden. Burdas „Cliqz“ scheint angesichts 90% Marktanteil von Google verwegen. Zumindest ist es aber ein Beweis, dass nicht alles von Google & Co. kommen muss. Für 90% der Suchanfragen (auch der aus Niederbayern) ist Cliqz tatsächlich vollkommen ausreichend und bietet zudem ein spezielles Nutzererlebnis. Eigentlich könnten Scharen von Menschen von jetzt auf gleich zu Cliqz wechseln. Ketten sind bestenfalls Beiwerk auf dem Weg, diese Vision zu verwirklichen.