Als diese Woche ein paar YouTuber Bundeskanzlerin Angela Merkel interviewen durften, hörte man die Zunft der traditionell gelernten Journalisten förmlich aufstöhnen. Bevor sich der Eindruck festigen konnte, dass politische Meinung ab sofort über YouTube gemacht würde, arbeiteten Zeit, Welt, Tagesschau oder SZ – wahrscheinlich Herr Prantl höchstpersönlich – daran, das Macht- und Kompetenzgefüge wieder zurechtzurücken. Sie haben recht, wenn sie die eine oder andere Schwäche der Interviewer anführen: Zu wenig kritische Nachfragen, manch banale Frage, nicht ausreichende Vorbereitung und Sachkenntnis. Wobei man ja bei etablierten Medien wie dem Bayerischen Rundfunk oder der Passauer Neuen Presse auch nicht den Eindruck gewinnt, dass sie top fitte Kettenhunde auf Seehofer loslassen. Die alltägliche Berichterstattung und Tonalität auf Bayern 1 – immerhin Reichweiten-Primus! – ist mehr Weichspüler für weiß-blaue Seelen als faktenorientierte Information für interessierte Hörer. Ich freu mich schon auf den Skill meiner Alexa, der ihr einflüstert, dass ich nicht mehr als 20 Minuten Bayern 1 am Stück vertrage.

Klar gibt es pfundige Journalisten, die für die harten Jobs in den Ring geschickt werden. Trotzdem: 20jährige, die nicht Bettina Schausten im Gerry Weber Kostüm beim Sommerinterview mit Frau Merkel sehen wollen, verstehe ich. Das gilt auch für Nachrichten und alle anderen Inhalte. Es gibt sicher auch 2017 ein paar junge Leute, die Peter Kraus im Fernsehgarten tanzen beklatschen wollen. Aber die meisten stehen auf andere Kanäle und Musik. Nicht nur junge Menschen suchen sich im Netz, was ihnen gefällt. Und es gefällt halt meist nicht das, was – nach traditionellen Vorstellungen – gefälligst gefallen sollte. Junge Leute erreicht man 2017 nicht mehr über Print. Wenn 18jährige in einen Supermarkt gehen, haben sie Zeitschriften und Tageszeitungen gar nicht mehr auf dem Zettel. Das Regal mit den Print-Produkten ist für sie nicht sichtbar, so als hätte Harry Potter den Tarnumhang darüber geworfen. Gäbe es Polizeikontrollen für deren TV Konsum, wäre der Standardwert 0,0 Promille. Wer wissen will, wer Fernsehen liebt, konnte das gestern Abend im ZDF erleben. Die Protagonisten von „Wir lieben Fernsehen“ erzählten sich alte Kamellen und beweihräucherten sich gegenseitig auf der Fernsehcouch. Sowas ist jungen Leuten nicht zuzumuten und selbst Älteren nicht zu empfehlen.

Abseits von jeder Qualitätsdiskussion geht es vor allem um den Zugang zum Publikum für die Distribution von Inhalten. Das neue Kanalsystem liegt längst im Netz, auch wenn viele Traditionalisten das ignorieren und die analogen Kanäle weiterhin viel, viel lieber befeuern. Die Meldung, dass Amazon ab heute auch Bundesligaspiele anbietet, ist Vorbote dafür, dass auch der bisher wichtigste Quoten-Bringer ins Netz abwandert: Unser geliebter Fussball. Die Distribution von Bundesliga oder ChampionsLeague wird bald über Amazon, Facebook oder YouTube laufen und nicht mehr auf Sportschau und Sky.

Fazit dieser Woche: Die YouTuber Interviews mit Frau Merkel erreichten 55.000 Leute – fast soviel wie die EV-Auflage von „Focus“, aber mit deutlich längerer Verweildauer. In Umfragen liegt die Kanzlerin in der jungen Zielgruppe weit vor dem SPD-Kandidaten Schulz. Ob zwischen Interview und Umfragewerten ein kausaler Zusammenhang besteht, ist nicht sicher. Sicher ist, dass eine Wahl ohne den Einsatz digitaler Medien nicht mehr zu gewinnen ist. Es ist zu erwarten, dass die YouTuber-Interviews nur der Anfang der Ära digitaler Wahlkämpfe sein werden. In vier Jahren werden wir sehen. 

Thomas Bily, der Vorstand der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche.