An diesem Strunz lässt sich ja nichts Positives abgewinnen. Ständig als verschrobener Populist unterwegs, im Sat.1-Frühstücksfernsehen lässt er zitieren, was die Medien von Axel Springer so dolles über ihn schreiben und überhaupt passt das Trapattoni-Zitat „Was erlauben Strunz“ fast immer wie die Faust aufs Auge. Sobald der Mann fürs Grobe irgendwo auftaucht, ist die Aufregung derzeit gerade groß.

Der ganze Bashing-Spaß droht aber ein wenig mittelmäßig zu werden, wenn Medien an einem Tag schreiben, „so lacht das Netz über Christian Lindner“ und es am anderen irgendwie blöde finden, wenn Strunz den Lindner genau damit festnagelt. So geschehen nach seiner Sat.1-Sendung „Die 10 wichtigsten Fragen der Deutschen“ vergangene Woche. Alle Welt lacht über „Thermi-Lindner“ und seine Ego-Wahlplakate und dann soll man ihn nicht süffisant damit konfrontieren? 

In derselben Sendung mit Lindner ließ Strunz einige Leute auf der Straße Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt als „Oma“ titulieren. Worauf hin sie offensichtlich gleich zum Styling-Berater gegangen ist, zumindest lassen das ihre letzten TV-Interviews optisch erahnen. Fraglos fährt Strunz bisweilen eine streng konservative Linie, aber es spricht doch nichts dagegen mal da nachzuhaken, wo es persönlich zur Sache geht.

Seis drum. Am Sonntag lief bekanntlich das große „TV-Duell“. Wieder mit besagtem Strunz. Wieder war er es, der sich streitbar in den Mittelpunkt fragte. Oder waren es einfach die anderen drei Moderatoren, die zu blass geblieben sind? Was der Fernseh-Journalismus nämlich dringender nötig hat, als diese Diskussion über Populismus, sind Protagonisten, die mit fragerischer Kompetenz punkten oder diese einfach mal abrufen. Dienst nach Vorschrift ist bei dieser langweilig geratenen Bundestagswahl nämlich genau das falsche Signal.

Wir haben Claus Strunz vor etlicher Zeit porträtiert, da war er gerade in seinen letzten Wochen beim „Hamburger Abendblatt“. Weil die von Bijan Peymani geschriebene Geschichte bei Clap Online gerade nachgefragt wird, haben wir die Story nochmal nach vorne gezogen. Und vielleicht lässt sich ja am Ende herausfinden, ob der Mann einfach Anwalt des Zuschauers sein will oder wirklich ein scharfmachender Rechtspopulist. (Daniel Häuser)

 

„Mir fehlen manchmal die Extreme“

Ein Job allein? – reicht ihm nicht. Plan B? – hat er nicht. Entspannen? – kann er nicht. Claus Strunz ist ein Getriebener seiner Lust am Tun. Sein Ehrgeiz indes bleibt übergroß.

 

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„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“: Ein Leben lang, ganz so wie Goethes „Faust“, durchleidet die menschliche Existenz eine innere Zerreißprobe zwischen hellen und dunklen Mächten. Mancher lässt sich voll Verzweiflung mit dem Teufel ein, um sein vermeintliches Glück für die irdische Endlichkeit zu scheffeln. Und findet es doch nie mehr wieder. Claus Strunz sucht kein Glück. Er lebt es. Nicht brachial und rücksichtslos, sondern mit Gespür für das Machbare und Mut zum Risiko. Strunz will, Strunz muss sich täglich neu herausfordern.

Der Franke wirkt unprätentiös und kokettiert doch gern mit kalkulierter Langeweile („mir fehlen manchmal die Extreme“). Strunz liebt es, unterschätzt zu werden. Dabei gelingt es ihm durchaus, seine Selbstinszenierung als real erscheinen zu lassen. Er sagt: „Ich bin nicht dominant“; selbstverständlich führt er Regie, will kontrollieren („mir gefällt dieses Wort in seiner negativen Konnotation nicht besonders“). Und na klar, sein Schreibtisch im 7. Stock des Hamburger Springer-Hauses, auf dem Strunz‘ hektisches Tagewerk in saubere Stapel gezwungen ist: ein Fake.

Er möchte authentisch wirken, manches Detail, mancher Moment irritieren dabei. Strunz trägt keine Krawatte – seht her, ich bin locker –, aber feine Manschettenknöpfe. Er gibt sich offen, verschränkt jedoch immer wieder die Arme. Sagt, er lege nur Wert darauf, korrekt zitiert zu werden. Was nicht direkt von ihm komme, dürfe ruhig falsch zu lesen sein. So wie sein Wiki-Eintrag, der eine Tochter unterschlägt – Strunz hat zusammen mit seiner Frau, der „Gala“-Chefreporterin Anne Meyer-Minnemann, längst derer zwei, drei und fünf Jahre alt.

Es wäre ihm ein leichtes, dies eigenhändig zu ändern. Doch Strunz ist clever, er hat gar kein Interesse daran. Sollen doch alle voneinander abschreiben. Für ihn, der sich herzhaft darüber echauffieren kann, wenn Hamburgs Nutten in einem Kommentar seiner Zeitung im falschen Straßenzug platziert werden, mag das jeden Tag Beleg dafür sein, dass er, Strunz, der bessere Journalist ist. Er geht damit nicht hausieren, das wäre unter seiner Würde; er lässt es durch solch subtile Begebenheiten wissen. Strunz bevorzugt das Florett, nicht den Degen.

„In einer lebhaften Auseinandersetzung kann es schon mal einen Schmiss geben. Es sollte aber nie zu ernsthaften Verletzungen kommen. Das ist mir wichtig.“ Das nimmt man ihm ab, da wirkt er echt. Dennoch: Bisweilen – zumal im Mediengeschäft – will Authentizität etwas arrangiert sein. So war es für Strunz Herausforderung und Offenbarung zugleich, als er für seinen eher mäßig erfolgreichen Sat.1-Polittalk „Eins gegen Eins“ erstmals close-up eingefangen wurde. „Die Kameras zeigen nicht nur, wie Du aussiehst, sondern auch, wie Du Dich fühlst“, bekennt er, „sie legen Dein Innenleben manchmal ehrlicher frei, als Du es in diesem Moment selbst empfindest.“

Natürlich hat er vor Jahren schon mit Ex-Ministerin Andrea Fischer und prominenten Gästen im „Grünen Salon“ auf N-TV um Argumente und Quoten geboxt. Aber da saßen sie halt alle wie am Kneipentisch zusammen und plauderten munter drauf los. Ähnlich war das Konzept für sein im vergangenen Sommer eingestelltes Talk-Format „Was erlauben Strunz!?“ (N24) angelegt, übrigens seine Titelidee, betont der gebürtige Oberfranke noch heute stolz. Wenn er, vom fränkischen Dialekt entfärbt zwar, das „R“ rollt, lässt sich die Herkunft nicht verleugnen.

Was zieht ihn ins TV, auf die große Bühne – Eitelkeit? „Alle, die ins Fernsehen gehen, sind auch von einer gewissen Eitelkeit geprägt.“ Aber mehr noch reize ihn an diesem Medium „die absolute Unmittelbarkeit. Im Print kann die Wirkung stärker sein, setzt aber erst mittelbar ein“. TV sei wie ein Fußballspiel – Strunz bemüht gern Analogien aus dem Fußball –, „da bist du nach 90 Minuten der Held oder der Depp“. Das entscheide sich „unmittelbar und in aller Regel mit einer gewissen Gerechtigkeit“. Sein Sat.1-Spiel dauert jeweils nur eine Halbzeit; noch ist nicht klar, wie Strunz mal vom Platz gehen wird.

Jetzt steht er am geöffneten Fenster seines überraschend bescheidenen Büros, die eine Hand lässig in der Tasche seiner dunklen Anzughose vergraben, die andere nestelt wiederholt am beigen Lamellenvorhang herum. Ihn stört doch nicht etwa die Unordnung, die Windböen und falsch fixierte Abstandsketten in die Vertikaljalousien bringen? „Nein, ich bin keiner, der zu Hause regelmäßig die nicht vorhandenen Teppichfransen kämmt.“ Und wieder Nesteln an den Lamellen. Dann schiebt Strunz beide Hände in die Hosentaschen, ganz so, als wolle er sich selbst disziplinieren.

Ihm falle auf, sagt er fast ein wenig von sich selbst überrascht, dass er immer zwei Aufgaben parallel anpacke. Warum, kann er nicht sagen. „In meinem bisherigen beruflichen Leben war Print immer die Konstante und erste Priorität – und dazu habe ich noch was Anderes gemacht.“ Schon als Strunz studierte – Politikwissenschaft, Germanistik und Medienrecht in München –, arbeitete er zusätzlich bei der „Abendzeitung“. Morgens Uni, abends Redaktion. Zu seiner „BamS“-Zeit, sechs Jahre in Hamburg, ein Jahr in Berlin, machte er TV-Talk. Jetzt wieder zwei Jobs – ist das der Plan B?

„Den hatte ich nie! Wer einen Plan B hat, scheitert mit Plan A.“ Er habe sicher so etwas wie Sendungsbewusstsein, „wie alle guten Journalisten, ich gehe aber nicht auf Kreuzzüge“. Vielmehr locke ihn der Reiz des immer Neuen, das Einlassen auf Experimente. Strunz hat längst losgelassen, im Gespräch, die Arme nicht länger vor jeder Frage zum Schutz auf der Brust gekreuzt, wippt mit dem Körper: „Ich bin ein Tagesmensch, ich mag es, wenn sich die Dinge schnell verändern, dieses Einlassen auf Experimente. Nicht zu wissen, was am Tag kommt, was der Tag bringt.“ Oder Live-Situationen wie „Eins gegen Eins“.

Der Titel ist mit Bedacht gewählt. Strunz‘ Kindheitstraum war Kickerprofi, als Jugendlicher spielte er auf der Position des Liberos, des „freien Mannes“. Eine Spezies, die im modernen Fußball längst ausgestorben ist. Liberos gibt’s keine mehr – nicht auf dem Platz und nicht im Leben. Stattdessen, um die Metaphorik zu strapazieren, arbeiten heute Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Viererketten – Verantwortung wird verschoben. Nicht so Strunz. Er liebt, er sucht die 1:1-Begegnungen, ist am besten, wenn es ganz auf ihn allein ankommt.

Deshalb steht nicht das Renommee im Vordergrund seiner Arbeit – viele kommentierten den Wechsel vom nationalen Boulevard in die publizistische Provinz als Abstieg –, sondern die gestellte Aufgabe. Dem „Hamburger Abendblatt“ habe er „den Gestus der modernen Großstadt verliehen“. Auch wenn Strunz einräumt, die „BamS“ sei ein „Höhepunkt“ seines journalistischen Schaffens gewesen. Im Übrigen habe er den Abschied dort „selbst inszeniert“. Von einer Verabschiebung könne keine Rede sein.

„Um in der Fußballsprache zu bleiben: Als Chefredakteur werden Sie an drei Zahlen gemessen: Für den Champions-League-Sieg müssen Sie mit einem redaktionellen Konzept dazu beitragen, den Gewinn zu steigern. Um Deutscher Meister zu werden, müssen Sie für Reichweite sorgen. Und für den Pokalsieg dürfen Sie die Auflage nicht aus dem Blick verlieren. Die Champions League und die Meisterschaft haben wir fünf Jahre hintereinander geholt. Nur die Sache mit dem Pokal hat wie bei allen anderen Vereinen leider nicht geklappt. Es gehört zu meinem Leistungsverständnis, dass man antritt, um das Triple zu schaffen.“

„Beim ,Abendblatt‘ haben wir schon Einiges erreicht, die ,3.0′-Strategie ist implementiert, die Lokal- und Regionaloffensive gestartet. Jetzt hat die wichtigste Phase begonnen: die Ernte.“ Die will Strunz noch einfahren. „Jemand, der einen Plan B hat, der würde nun gehen.“ Ist er ein Getriebener seiner Gier nach immer neuen Herausforderungen? Gibt sich ein Claus Strunz die Chance, irgendwann einmal an-, zu sich selbst zu kommen? „Ich war meinem Ziel, im ,Jetzt‘ zu leben, selten so nah wie heute.“, sagt er. Ach, aber, der Weg ist steinig.

Stärke und Schwäche zugleich, bekennt er, sei die zu starke Fixierung auf seinen Beruf. „Ich habe immer Vollgas gegeben, auch, um durch Fleiß zu erreichen, was anderen eher zuflog. Arbeit trägt bei mir eben sehr zum Wohlbefinden bei.“ Wo sich einer derart über und durch seinen Job definiert, muss Privates passen. Strunz hat früher viele Partnerinnen vergrault, weil er für einen wichtigen Termin, ein spannendes Interview, die Big Story Theaterkarten verfallen oder Wochenendurlaube platzen ließ. Das nagt an ihm, und er weiß: Ohne die drei Frauen zu Hause heute hätten seine schlechten Charakterzüge die Oberhand gewonnen.

Entspannen kann er dennoch nicht. „Um diesen Zustand zu erreichen, bedarf es bei mir großer Disziplin, das muss ich managen.“ Sich zwingen, keine E-Mails abzurufen, nicht permanent ans Telefon zu gehen, einen Artikel zulesen, ohne ihn gedanklich zu redigieren und darin den Aufhänger für neue Geschichten zu suchen. „So richtig klappt das aber maximal eine Laufrunde, einen Abend, einen Wochentag lange. Selbst wenn ich an einem weißen Strand unter Palmen säße und auf das blaue Meer hinaus schauen könnte, würde mir eines zur vollkommenen Zufriedenheit fehlen: ein gelungener Leitartikel.“

Immerhin gelang es ihm im Laufe der Jahre, anders als Goethes Faust, die dunklen Begierden in ihm zu zähmen. Strunz gibt eine private Anekdote preis: Er sei als rechter Verteidiger zwar richtig gut gewesen, durfte von der C- daher gleich in die A-Jugend aufsteigen, doch von der körperlichen Statur her habe er mit den Älteren nicht mithalten können. So war er meist nur Ersatzspieler und stand draußen an der Bande. Seine Mutter habe ihn irgendwann mal gefragt, ob er sich wünschen würde, dass sich der Stammspieler auf seiner Position verletze.

Darauf gab er ihr nie eine Antwort, aber nach 35 Jahren ist die Frage immer noch in seinem Kopf. Und endlich kann Strunz sie für sich beantworten: Er wünsche sich nicht, dass sich sein Kontrahent verletze, aber wenn es so käme, würde er die Chance nutzen, die sich ihm böte. Claus Strunz ist keiner, der sichtbar mitleidet. Er analysiert und handelt zielgerichtet. Sentimentalitäten kann, will sich der Mann – nicht zufällig ein Duz-Freund von Fußballtrainer und Type Christoph Daum – nicht leisten.

Text: Bijan Peymani

Foto: Sabine Höroldt