Ein Buch über Zeit und Vergänglichkeit hat Patricia Riekel als Herausgeberin und Chefredakteurin zum kommenden 70. Geburtstag der „Bunte“ aufgelegt. Insbesondere, wenn der Betrachter die vielen darin befindlichen jugendlichen Fotos von Boris Becker, Reinhold Messner oder Franz Beckenbauer von „Bunte Republik Deutschland“ betrachtet. Clap durfte das ziemlich schwere Buch vorab sichten und entdeckte in der Gesamtschau auch ein lesenswertes Stück von „Bunte“-Society-Reporter Oliver Fritz, das wir an dieser Stelle der Allgemeinheit zugänglich machen dürfen:

Dieses verrückte Biotop der Jetzt-Partyzeit

Ja früher, damals, seufz, war das schön, wild, wichtig. Zumindest wenn ich den Geschichten lausche, die von durchgefeierten Nächten erzählen mit Romy Schneider oder Rock Hudson. Oder damals, als es nach einer Preisverleihung im Flugzeug nach Paris ging – zur After-After-Party im „Maxim’s“. Und schon der Flug allein, war das ein Erlebnis. Statt schnöder Sitze gab’s ’nen Dancefloor, statt Board-Ansage Live-Kapelle, und die Stewardessen (natürlich alle aus dem „Crazy Horse“) servierten den Champagner tanzend. WOW! Und heute? Nichts dergleichen weit und breit, sonst würden wir davon erfahren.

Denn überall fliegen sie nun mit, die „Influencer“. Selbst CEOs twittern, Prinzessinnen bloggen und Popstars laden ständig neue niedliche Fotos für ihre Millionen-Community hoch. Da gibt es Teenager aus Knuddelmuddel, die sich über Nacht zu Idolen ihrer Generation hochknipsen. Und plötzlich sind sie selbst ein Star, werden hofiert, geschminkt, geföhnt und für cool befunden. Nach Coachella gebusinessclasst oder zum Obi-Markt geschuckelt. „Kreisch, ICH mit DJ“, „ICH mit Madonna“, „ICH im Flugzeug“ und „ICH vor Wackelpudding“.

War früher also alles besser? Nein, es war anders. Ich finde es herrlich, dieses verrückte Biotop der Jetzt-Partyzeit. Diese vielen adretten Über-ICHs, die sich produzieren, reisen, verkleiden. Heute kann jeder die von Andy Warhol proklamierten „15 Minuten Ruhm“ erleben, er muss es nur wirklich wollen und, ja, auch ein bisschen Glück haben. Das Geschichtenpotenzial ist also rasant angewachsen – dank Internet, Privatfernsehen & Co. Es gibt einfach viel mehr „Promis“ und es gibt gefühlt unendlich viele „VIP-Events“.

Jeder Friseursalon von Kiel bis zur Zugspitze hat jetzt einen „Star“ auf seiner Prosecco-Party. Und dazwischen tummeln sich auch noch die echten VIPs, die auch früher berühmt waren, die aus dem Hochadel, aus Schauspiel, Politik und Kunst. Heute ist alles also anders schön. Es ist aufregend, unvorhersehbar und ständig in Bewegung. Das heißt Fortschritt. Nur eines hat sich nicht geändert – die gedruckte „Bunte“ erscheint immer noch wöchentlich und noch immer gilt: In ist, wer drin ist!

Text: Oliver Fritz

Fotos: Hubert Burda Media