Lutz Glandt war mal einer der entscheidendsten Manager in der Medienbranche (u.a. Gruner + Jahr, WAZ und Holtzbrinck) und hat sich mittlerweile mit seiner PKS Kommunikationsberatung selbstständig gemacht. Wir hatten ihn im letzten Clap-Magazin im Interview und befragten ihn zu Themen wie VDZ, Postkisten und Memoiren. Lesen Sie das komplette Interview hier:

Lange nichts von Ihnen gehört! Was haben Sie denn gemacht, nachdem sie vor gut 18 Monaten bei der Post ausgestiegen sind?

Glandt: Im Moment sind es sieben mediennahe, beratende Mandate, die ich wahrnehme. Etwa beim „Mannheimer Morgen“, bei Mediaplan oder bei Dialogagenturen. Das sind keine Sachen, die groß in der Öffentlichkeit sind, ich helfe im Hintergrund.

Gab es einen Moment wo sie gedacht haben, ich hätte mich eigentlich schon früher als Berater selbstständig machen können?

Glandt: Ich habe das Glück gehabt, dass ich häufig interessante Angebote von spannenden Firmen bekommen habe und dann auch aus einer gewissen Neugier heraus mir gesagt habe, das versuche ich jetzt mal. Letztlich waren es immer Anstellungen mit unternehmerischen Aufgaben. Mal kurz innehalten und zu überlegen, wo steht man, wohin will man, das kann sich als lohnenswert erweisen. Ich kann nur jedem empfehlen schon mit 40 oder spätestens mit 50 Jahren sich diese Frage zu stellen. Ich habe mit etwa Mitte 50 entschieden ab 60 einen neuen, eigenständigen Weg zu gehen.

Sie meinen vor allem Leute, die in diesem Alter in der Medienbranche tätig sind?

Glandt: Unbedingt. Viele fragen sich ja, wieso gerade jetzt so viele aussteigen. Das liegt daran, dass die klassischen Medien rückläufige Umsätze aufzeigen, das heißt, es wird künftig weniger Jobs geben. Wir haben jetzt rund 30.000 festangestellte Journalisten in Deutschland. Viele werden in Kürze den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen. Das ist leider so. Aber Journalisten haben in der Regel ein sehr breites Spektrum. Das ist doch eine gute Ausgangsposition für neue Berufswege.

Sie meinen Leute, die gewechselt sind, haben das selten bereut?

Glandt: Da fällt mir unter anderem Thomas Voigt von der Otto Group ein, der ja jahrelang bei Gruner + Jahr in leitender Position war. Ich kann nur jedem empfehlen, sich vielleicht dem ein oder anderen Industriebereich zu nähern und nicht zu sagen, ich war die letzten 10 Jahre in den Medien und ich bleibe die nächsten 30 Jahre Medienmensch. Das ist ein völlig falscher Ansatz.

Gehen wir es mal durch. 2017 gab es ja viele Wechsel. Was haben sie gedacht, als Sie gelesen haben, dass Kai Diekmann und Philipp Jessen eine Agentur gründen wollen?

Glandt: Beide machen genau das, was wir gerade diskutieren. Diekmann sagt sich, ich habe so viel Erfahrung. Eigentlich kann mir nichts Neues mehr geboten werden. Also nachvollziehbar.

Und bei Jessen? Der ist noch keine 40 und hätte schon noch ein paar Jahre bei Stern.de dranhängen können.

Glandt: Ja, aber so eine Chance lässt man sich natürlich nicht entgehen. Wenn man mit einem Schwergewicht wie Diekmann etwas auf die Beine stellen kann, dann muss man das machen.

Nehmen wir noch mal ein anderes Beispiel: Dominik Wichmann hat sich vom klassischen Journalismus entfernt…

Glandt: Der hat doch jetzt tolle Möglichkeiten mit Looping für Mercedes. Das ist ein super Ding.

Tolle Büros kann er sich jetzt auf jeden Fall leisten, wie ich gesehen habe. Für Aufmerksamkeit sorgte auch der Wechsel von Florian Harms von Spiegel Online zu Ströer.

Glandt: Das hätte man sich vor ein paar Jahren bei den Kölnern noch nicht vorstellen können. Ja absolut, die Entwicklung in den letzten 10 Jahren bei Ströer habe ich genau beobachtet. Das ist eine richtig tolle Entwicklung, wie ich finde. Das sie sich jetzt auf Content-Stärke konzentrieren ist eigentlich nur eine logische Folge. Hut ab, dass Udo Müller diesen mutigen Schritt eingeleitet hat und nun solche Top-Leute wie Harms bekommt.

Hat der VDZ jetzt endlich mit Rudolf Thiemann einen Top-Mann als Präsidenten?

Glandt: Klar, aber der VDZ ist in einer schwierigen Situation. Das tut weh, wenn man selbst Jahre in den Gremien verbracht hat und später – als Post Presse Vorstand – im Dialog stand. Thiemann muss jetzt Allianzen schließen und versuchen die Hamburger ( G+J, Zeit, Spiegel) wieder an Bord zu holen… Im Grunde genommen finde ich die Struktur der amerikanischen Verbände in der Media Alliance sehr gut. Es gibt ja jetzt in Deutschland viel mehr kleine Verlage als große und auch die müssen angemessen vertreten sein. Vielleicht liegt die Lösung im US-Modell.

Matthias Müller von Blumencron will sich neu orientieren und verließ die FAZ. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nun nach Spiegel Online zu Suedeutsche.de geht. Da entwickelt er sich gar nicht wirklich weiter.

Glandt: Wahrscheinlich macht er was ganz anderes. Denn er ist zweifellos einer der besten Journalisten des digitalen und klassischen Geschäfts. Wen ich sehr schätze und der auch einen mutigen Schritt gemacht hat, ist Ex-Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo, der sich ja zusammen getan hat mit der Süddeutschen und dem öffentlich-rechtlichen NDR und WDR. Mit den Paradise Papers hat er den nächsten Scoop gelandet.

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Wenn Sie zur TV-Sendung „Höhle der Löwen“ geschickt werden würden und sie müssten dort Maschmeier und Co. ein Medienstartup vorstellen: Was würden Sie tun?

Glandt: Da fällt mir sofort was ein. Ich bin auch als Business-Angel unterwegs. Ich unterstütze zwei junge Leute aus Bonn die mit Anfang 20 ein Startup gegründet haben : Froker.me. Das unterstütze ich, weil ich es toll finde, dass junge Leute so einen Mut zeigen.

Was machen die?

Glandt: Die haben festgestellt, dass universitäre Skripte, einfach per Download erhältlich sind. Die Studenten gehen dann mit dem USB-Stick in einen Copy Shop und lassen sich das ausdrucken. Kostet aber Geld. Diese Jungs hatten die Idee, dass sie das als kostenlosen Druck anbieten und die Studenten müssen als Gegenleistung ein paar persönliche Daten preisgeben und sie bekommen dann angepasste Werbung mitgeliefert im gedruckten Skript. Das ist die Geschäftsidee.

Apropos ausgedruckte Daten. Haben sie schon mal über ein Lutz Glandt-Buch nachgedacht?

Glandt: Ja, ich habe meiner 21-Jährigen studierenden Tochter versprochen, dass ich irgendwann mal aufschreibe, wie der Weg eines Menschen aus einer normalen Familie sein kann, der beruflich durch ganz Deutschland geführt hat : von Hamburg über München, Hannover, Bielefeld, Essen nach Bonn und jetzt unter anderem Berlin.

Was meinen Sie mit normalen Verhältnissen?

Glandt: Ich bin in einem kleinbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Ich habe immer gearbeitet, als Schüler. während der Studienzeit und danach dann 25 Jahre bei Medien und 10 Jahre bei der Post. Meine Tochter hat es jetzt ein bisschen leichter. Und ihr schreibe ich meinen doch recht ungewöhnlichen Weg auf.

Ungewöhnlich war beispielsweise ihr Job bei der Deutschen Post: was lernt eigentlich ein Medienunternehmer bei der Post?

Glandt: Ich glaube, die Post ist viel serviceorientierter und innovativer als viele glauben. Da ist eine Differenz zwischen öffentlichem Image und unternehmerischer Realität. Denken Sie bitte nur an die E-Scooter – auf die Idee ist die Autobranche nicht gekommen. Gegenfrage : Kennen sie das beliebteste Produkt der deutschen Post, das in vielen Haushalten und Firmen zu finden ist?

Nein.

Glandt: Es sind diese gelben Kisten, in denen Briefe, Zeitschriften etc. im Postbetrieb transportiert werden – die aber auch als Werkzeugkiste, Lager für Hausrat etc. eingesetzt werden können. Die gibt es nicht zu kaufen, finden Sie aber nahezu überall im (nicht postalischen ) Einsatz. Ein Schelm wer böses denkt….

Stimmt, ich habe auch irgendwo noch so eine Kiste rumstehen. Muss ich mal zurückgeben. Was war denn ihre Entscheidung, auf die Sie am stolzesten sind in Ihrer Karriere?

Glandt: Da muss ich lange zurückgreifen, dass war kurz nach der Veröffentlichung der „Hitler-Tagebücher“ im „Stern“. Da wurde ich beim damals neu berufenen G + J Zeitschriftenchef Rolf Wickmann Vorstandsassistent. Ich bekam schnell mit einer Zeitschrift namens „Frau im Spiegel“ zu tun und wurde Geschäftsführer des Verlags. Ich hatte danach die Ehre, den Lübecker Verlag in den G + J Konzern zu integrieren – mit knapp 30 Jahren damals kein schlechter Job. Ohne vorherige Personalerfahrung führte ich plötzlich 175 Leute – bin immer noch erstaunt, dass das reibungslos ablief…

Eine andere gute Entscheidung war wohl, dass sie mal bei Xing einen Beitrag über das Thema Ruhestand geschrieben haben, denn sie haben darauf über 22.000 Reaktionen bekommen. Haben sie sich da nicht gesagt, das ist irre?

Glandt: Doch hab ich. Ich war total überrascht , dass dieses Thema so viele Reaktionen hervorruft. Es ging ja auch um die Kernfrage, wann sollte ein Manager aufhören? Ich glaube, es täte eben dem ein oder anderen ganz gut darüber nachzudenken, wann er/sie aufhören sollte. Und man sollte nicht zu lange warten, nur weil man an dem Posten hängt. Man muss sich ehrlich fragen, ob man noch mithalten kann. Denn es ist doch so : Die meisten könnten an anderer Stelle mit ihren Erfahrungen, Verbindungen und Erlebtem viel nützlicher sein. Viele junge Unternehmen brauchen gerade in disruptiven Zeiten die Erfahrungen der Oldies !

Apropos social Media: Wieso sind sie nicht bei Facebook?

Glandt: Mir fehlt dazu die Zeit , ich kommuniziere lieber über LinkedIn und Xing.

Interview: Daniel Häuser

Foto: Alexander von Spreti