Jetzt ist es also raus: Söders Kinder lesen keine Zeitschriften mehr, wissen aber trotzdem politisch Bescheid. Als wäre das noch nicht Watschen genug, schickte Söder bei der VZB Jahrestagung 2018 hinterher, dass er, der Ministerpräsident daselbst, kein Print mehr liest, sondern Süddeutsche & Co. nur noch auf seinem „iPad“. Letzteres wurde von der Presse bis dato tot geschwiegen und man erfuhr es nur, wenn man ein Ohr in der VZB Jahrestagung hatte. Da konnte man das Raunen der Verleger hören über die selbst auferlegte Print-Abstinenz des ersten Mannes im Lande. Die ist von der Wirkung so, als hätte FJS vor der Metzger-Innung mitgeteilt, dass er Veganer ist – also wie ein Schlag in die Magengrube.

Söder wandelt – wenigstens mediennutzungstechnisch – auf den Spuren von Twitter-Trump, der ja schon lange selbst verbreitet, was er dem Volk mitteilen will. Bis die präsidialen Botschaften in gedruckter Form kommentiert werden können, sind Trumps Berater schon beim Dementi des letzten Tweets. Das geht einfach zu schnell für Druckmaschinen. Dieser Zeitverzug nagt an der Relevanz von „aktuellen“ Magazinen. Das wiederum lässt die verkauften Auflagen sinken. Letzte IVWasserstandsmeldung zum Focus Einzelverkauf: < 60.000 Exemplare. Focus Online dagegen holte im QI/2018 satte 65 Millionen Visits – unter anderem dank schneller und gekonnter Aufbereitung und Verbreitung von News. An der Marke kann es also nicht liegen, dass Söder und große Teile des bayerischen Volkes keinen Print mehr lesen.

Mit der Botschaft von Söder geht dem Print-Lager nicht nur ein Leser verloren. Viel schwerer wiegt deren Signalwirkung, die das einstige Bündnis zwischen Politikern und Verlegern – unter anderem zelebriert in gegenseitigen Einladungen zu Sommerfesten oder Preisverleihungen – für Volkes Auge hörbar bröckeln lässt. Ja, wenn der Söder selbst nicht mehr liest – dann… wird man sich sehr genau anschauen, wer demnächst als Festtagsredner auftreten soll. Der geneigte Festtagsredner wiederum könnte sich die Frage stellen: Wenn ich beim VZB 2019 spreche, oute ich mich dann als Print-Leser? So will man ja dem eigenen Volk gegenüber auch nicht dastehen.

Das bayerische Volk nämlich ist immer öfter online – zumindest da, wo Empfang ist. Die verbleibenden 5000 Funklöcher kann man bald per App melden und dann wird man von Andreas Scheuer persönlich versorgt mit einem digitalen Erste Hilfe Kit – bestehend aus einem Kofferradio und dem „Stern“ der letzten Woche. Immer noch besser, als komplett von der Welt abgeschnitten zu sein.

Thomas Bily, Geschäftsführer der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche. Unter folgender Mail-Adresse erreichen Sie ihn auch im Funkloch: t.bily@wizelife.de