Zwei der wichtigsten deutschen Journalisten haben in dieser Woche ihren Status Quo verloren. Einerseits  „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Und dann noch die erste TV-Journalistin im Lande, so könnte man Dunja Hayali bezeichnen seit der Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz. Am morgigen Samstag moderiert sie nun zum ersten Mal eines der bekanntesten Formate im deutschen Fernsehen – „Das Aktuelle Sportstudio“. Und ausgerechnet jetzt wurde bekannt, dass sie viel wegmoderiert an Kongressen und Veranstaltungen aller Art. Auch für die umstrittene „Deutsche Automatenwirtschaft“. Der Zeitpunkt könnte für so eine Veröffentlichung eines ARD-Senders für die ZDF-Moderatorin kaum schlechter sein.

Es ist schon erstaunlich, dass die sonst so enorm souveräne Hayali bei der ersten Reaktion nach der Veröffentlichung auf ihrem Twitter-Acount ihre Souveränität verloren hat. Erst schrieb sie, dass sie Journalistin ist. Als zweites war etwas von News-Anchor zu lesen, und dann „ZDF“ in Klammern. Und schließlich der Hinweis, dass es sich um ihre Seite handelt, und damit um ihre Meinung. Dort steht also nicht, dass es sich auch um die Meinung des ZDF handeln könnte, oder dass das ZDF ihre Meinung akzeptiert. Man muss kein Wissenschaftler in Sachen Journalismus sein, um festzustellen, dass hier einiges durcheinander geraten ist. Schließlich gelobte sie Besserung und will künftig selbstkritischer prüfen, was sie außerhalb des ZDF tun würde.

Würde sie Journalismus im ersten Semester beispielsweise an der Macromedia Hochschule studieren, würde sie mit einer solchen Prüfung wohl zu spät kommen, denn schon bei der gängigen Definition von Journalismus hätte sie Schwierigkeiten gehabt, die Prüfungen zu bestehen. All das ist nur möglich, weil ihr Publikum wahrscheinlich oftmals glaubt, dass sie vom ZDF wäre, sie es aber nicht ist, sondern eine freie Unternehmerin. Denn die ZDF-Compliance-Regeln gelten nur für Festangestellte. In manchen Medienbetrieben hat man schon Schwierigkeiten, wenn man jemanden für 50 Euro zum Mittagessen einladen will.

Bei Moderationen von Kongressen à la Hayali darf man annehmen, dass das Honorar weit über 50 Euro liegt. Auch Ihre eigenen Compliance-Regeln haben hier bisher offensichtlich nicht gegriffen, auch nicht die, die man als unabhängiger Journalist haben könnte – oder müsste? Warum darf denn ein ZDF-festangestellter Journalist keine Mittagessens-Einladung von Geschäftspartnern über einen bestimmten Betrag annehmen noch übernehmen? Weil man offensichtlich annimmt, dass seine Unabhängigkeit ab einen bestimmten Betrag nicht mehr so gegeben ist, wie es aus welcher Haltung auch immer sein soll.

Nun kommt also das Sportstudio und eingeladene Gäste wie Mezut Özil, Reinhard Grindel oder Jogi Löw haben sich abgemeldet. Wären die drei gekommen, wenn es nicht den Hayali-Absturz gegeben hätte? Vermutlich nicht. Aber deren Absagen wurden lauter kommuniziert als die Zusagen von Gästen, und hier war die unabhängige Journalistin wieder ein Lautsprecher von der eigenartigen Moral dieser Geschichte. Klingelt jetzt etwas im Hinterkopf? Ganz bestimmt. Die Schwäche im System, dass freie Journalisten Top-Formate im ZDF moderieren dürfen, ohne sich an die Compliance-Regeln halten zu müssen wie Festangestellte. Oder die Entdeckung, dass eine streitbare, unabhängige Journalistin bei Honoraren in zufriedenstellender Höhe vergessen hat zu prüfen, ob das noch vereinbar ist mit der Unabhängigkeit. Mal sehen, welchen Kongress sie als nächstes moderiert, vielleicht heuert der DFB die Hayali für seine nächste Jahrestagung als Moderatorin an.

Es wird etwas hängen bleiben, gleichwohl wie streitbar sie bleiben wird.

Seit dem 1. Juli 2018 ist Wolfram Winter Vorstand bei der Kommunikationsberatung Heller & Partner. Der bekannte Medienmanager wird künftig regelmäßig für unseren Online-Dienst schreiben.

Fotos: Rupp Fotografie, Wikipedia