Vor ein paar Wochen hat Jean-Remy von Matt endlich mal wieder zugeschlagen. Der legendäre Jung von Matt-Gründer nannte die von der jüngeren Generation geforderte Work-Life-Balance abfällig „freizeitorientierte Schonhaltung“. In seiner Agentur, sagt er, bekämen die jungen Talente Work – und Life dazu. Aber nicht umgekehrt. Seine Aussagen erregten manche Gemüter. Wenig überraschend vor allem bei Jungspunden.
Mit einem stimmgewaltigen „Mimimi“ fielen sie über den „Werbefuzzi aus den 90ern“ her. Die Älteren dagegen stimmten ihm zu, denn er sprach ihnen aus dem Herzen. Sie kennen die Arbeit nicht anders als mit Leidenschaft Kampagnen zu entwickeln und mit Leidenschaft für sie zu kämpfen. Wichtiger für die „Generation Me“ ist nine-to-five. Viel Urlaub. Eine Playstation am Arbeitsplatz. Und einen Kicker. Yoga und Ayurveda-Kurse umsonst. Kostenlose Snacks ohne Gluten und Laktose. Ein gelegentliches Sabbatical. Aber ganz viel verdienen, damit sie sich die Clubs auf den Malediven schon mit 30 leisten können.
 
Sie alle kennen nicht den wundervollen Satz von Konfuzius: „Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Für sie ist Arbeit eine Last. Nichts weiter als eine unausweichliche Hürde auf dem Weg zur vorzeitigen Pensionierung. Nichts wissen sie von Leidenschaft. Das Ergebnis ihrer Lustlosigkeit sehen wir Tag für Tag: Wenn wir den Fernseher anmachen und sich im Werbeblock eine Check24-Katastrophe an den nächsten, langweiligen Bier-Spot anreiht. Wenn wir das Radio einschalten und von „jetzt billiger“-Reklame angeschrien werden. Ein Magazin aufschlagen und uns die pure Einfallslosigkeit entgegenschlägt. Und erst recht, wenn wir ins Netz gehen, wo der Werbemüll geradezu unerträglich ist.
 
Mal ganz unverblümt: Leidenschaft kennt keine Zeiten. Leidenschaft ist ein Feuer, das nicht nach siebenkommafünf Stunden einfach ausgeht. Leidenschaft brennt auch dann weiter, wenn wir nicht im Büro sitzen. Sie ist eine Naturkraft, eine Passion, ein loderndes Gefühlsfeuer. Oder eben nicht. Leidenschaft ist keine Krankheit, von der wir geheilt werden müssen. Sondern ein Privileg. Leidenschaft ist nicht einmal ein Privileg der Werber. Arbeitsfreude gilt für die Gastronomie (ach, das ist Ihnen schon mal aufgefallen?), für Busfahrer (würden Sie einsteigen, wenn Sie wüssten, dass er Busfahren hasst?), für Krankenschwestern (auf einmal ist Leiden-Schaft wichtig?), das Airline-Personal (wie, Sie wollen freundlich bedient werden?) und den DHL-Fahrer (er soll klingeln, obwohl Sie zuhause sind?).
 
Wir müssen leider damit leben, dass viele Kellner, Flugbegleiter und DHL-Fahrer, warum auch immer, unfreundlich oder genervt sind. Sie hätten besser einen anderen Beruf gewählt. Ein leidenschaftsloser Werber jedoch ist völlig unbrauchbar. Schon Cicero wusste: „Oft habe ich gehört, kein guter Dichter könne leben, ohne dass seine Leidenschaft entflammt sei und ohne einen gewissen Anflug von Wahnsinn.“ Deshalb darf es weder betreutes Texten, noch betreute Art Direction geben. Nicht einmal betreutes Mediaplanen. Nur Wahnsinnige, die ihre Arbeit lieben. Lieben Sie, was Sie tun. Oder machen Sie etwas anderes. Sonst klappt das mit den Malediven nie.
 
Foto: Wikipedia, Alexander von Spreti