Heute ist der große Tag der IVW-Zahlen. Und es gibt auch Plus-Zeichen zu entdecken. Robert Pölzer, Chefredakteur der „Bunten“, konnte überraschend gegen den allgemeinen Markttrend gute Zahlen abliefern. Bei Abo und Einzelverkauf, der harten Währung, konnte die Illustrierte um 4 Prozent auf 304.903 Exemplare gegenüber dem Vorjahreszeitraum zulegen. Das macht Mut. Nun hielt Pölzer vor kurzem auf einem philosophischen Kolloquium eine bemerkenswerte Grundsatzrede. Verleger Wolfram Weimer war dabei und hat sich einige Gedanken um den „Bunte“-Shootingstar gemacht:
 
„Robert Pölzer heiße ich, aus Schliersee komme ich, in München bin ich aufgewachsen und Akademiker bin ich nicht.“ Mit diesen Worten beginnt Robert Pölzer den gefährlichsten Vortrag seines Lebens. Der Bunte-Chefredakteur ist eingeladen, eine Vorlesung im philosophischen Kolloquium (Korbinians Kolleg) am Tegernsee zu halten. Sein Diskurspartner: Professor Wilhelm Vossenkuhl, Philosophieprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Vossenkuhl ist Herausgeber des „Philosphischen Jahrbuchs“, Ethiker und Experte für Kant wie Wittgenstein.
 
Ich komme mit dem Flieger aus Berlin, eile zum Tegernsee, denn das will ich mir nicht entgehen lassen. Weniger wegen Wittgenstein, mehr wegen Pölzer, am meisten wegen der ungewöhnlichen Konstellation. Mir scheint das Setting so herrlich eigenartig – als ob Angela Merkel sich bei RTL für „Let’s Dance“ angemeldet hätte.
Der Saal ist brechend voll und hat für ein philosophisches Seminar eine selten vielköpfige weibliche Zuhörerschaft. Es liegt knistrige Erwartung im Raum. Denn die akademische Fallhöhe des Kollegs ist enorm. Pölzers Vorredner war die Literaturwissenschaftlerin Professor Barbara Finken über die Mythologie babylonischer Bauten und Professor Winfried Nerdinger über Erinnerungskultur. Der Initiator des Kollegs, Korbinian Kohler, stellt Pölzer dann auch noch als „praktischen Soziologen“ vor, der mit Feinsinnigkeit die soziologischen Strömungen der Gesellschaft wittere. Das akademische Podest ist hoch genug gebaut, um abzustürzen.
 
Doch Robert Pölzer gelingt an diesem Abend Erstaunliches. Mit einer entwaffnenden Demut und Offenheit führt er sein Publikum durch seinen persönlichen wir professionellen Wertekanon. Im Gestus des fragend Bescheidenen erzählt er über sein Leben und seine journalistischen Erlebnisse und je kleiner er sich dabei macht, desto größer wird seine Wirkung. Er wählt erst gar nicht den gefährlichen Weg über irgendwelche akademisch-eitlen Abstraktionen oder Heldengeschichten des Journalismus, sondern den der empirischen Anschauung heikler, bunter Kommunikation. Und mit jeder Anekdote entfaltet sich eine kleine Philosophie der Aufmerksamkeit. Der Wunsch nach Aufmerksamkeit sei eine „unwiderstehliche Droge“. Pölzer erzählt die Geschichte eines damals noch unbekannten Schauspielers, der plötzlich in der Redaktion der Bildzeitung auftauchte und einen Bericht über sich wünschte. Dem eitlen Mann wurde scherzhaft gesagt, es werde bestenfalls berichtet, wenn er mit einer Schlange auftauche, daraufhin kam er am nächsten Tag mit einer Python um den Hals. 
 
Lob, Anerkennung, Bewunderung und Selbstbestätigung, kurz L.A.B.S., davon seien viele Menschen beseelt, postuliert Pölzer. Darum stehe Ruhm über Macht, Anerkennung über Geld. Er erwähnt Georg Francks Grundlagenbuch über die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ und findet daran einen guten Kern. Denn wenn Menschen vor allem geliebt werden wollten, stehe ein positives Momentum im Zentrum des Lebens.
Pölzer entwickelt sein LABS-Aufmerksamkeitstheorem im Modus eines Menschenfreunds. Er erzählt seine Geschichten mit Herz, Augenzwinkern und Nachsicht für die Protagonisten. Er ist – anders als mancher Kollege vom bunten Boulevard – kein Zyniker oder kaltherziger Storyteller. Im Grunde seines Herzens ist Pölzer ein wertkonservativer Romantiker – und wahrscheinlich basiert sein Erfolg als Blattmacher für mehr als vier Millionen Leser just darauf.
 
Und so wird aus einer gefährlich abgründigen Philosophie-Gratwanderung für Pölzer schließlich ein Home-Run der persönlichen Akzeptanz, der Saal ist ihm am Ende tief gewogen. Zum Schluß seiner philosophischen Selbstoffenbarung wagt Pölzer sogar ein Plädoyer für gute, alte Grundtugenden, zum Beispiel für die Treue. Er klagt: „Paare trennen sich, nicht weil sie unglücklich sind, sondern weil sie glauben, in einer anderen Beziehung glücklicher zu sein.“ Er zitiert Esther Perel (Autorin von „Die Macht der Affäre“) mit der lakonischen Ehekrisen-Analyse: „They get lazy.“ Menschen seien häufig nur zu träge, um sich um ihre Beziehung zu bemühen. Das müsse man aber, und es würde sich in aller Regel auch lohnen. Und einen praktischen Tipp hat er auch noch parat: Bei Konflikten stelle er sich als Drohne vor und betrachte das Problem vom oben, dann werde es immer kleiner. Und er schließt mit der Botschaft: „Erinnere dich an die drei ersten Monate deiner Beziehung und sei eine Drohne.
 
Verleger Wolfram Weimer schreibt regelmäßig für Clap. Mit seiner Weimer Media Group ist er in München und am Tegernsee beheimatet.