Es drängt ihn auf die große Bühne wie die Motten zum Licht. Dort spielt Jan Fleischhauer mit Wortgewalt und intellektuellem Furor selbst arrivierte Kollegen mühelos an die Wand und löst mit seinen Kolumnen auch beinahe schon einmal Staatskrisen aus. Bisweilen aber wirkt seine Souveränität gekünstelt, die Offenherzigkeit kühl kalkuliert. Ein „Clap“-Porträt von Bijan Peymani.

Man darf es als durchaus egoistisch bezeichnen, wenn Menschen ungefragt ihr Innerstes nach außen wenden. Die einen schreien nach Hilfe, andere hoffen auf Erlösung. Kindheitstraumata, Schuldkomplexe, Liebes- und Lebenskrisen: Alles kommt öffentlich aufs Tapet, möge es nur eine kathartische Wirkung entfalten und zugleich eine möglichst große Identifikationsfläche bieten. Denn mit dem eigenen Leid lässt sich, je nach Prominenz, auch Staat machen. Dabei gibt mancher derart geschickt Persönliches preis, dass man im Grunde nichts über ihn erfährt.

Jan Fleischhauer ist spitzgefiederter Kolumnist bei „Spiegel“ und „Spiegel Online“. Und er hat ein paar Bücher geschrieben. 2009 sein erstes, in dem er mit den Linken abrechnete. Als Handlungsstrang und Argumentationslinie bemühte Fleischhauer die eigene Kindheit unter dem linksalternativen Imperativ einer dominanten Mutter. Kurz zuvor war er aus New York nach Deutschland zurückgekehrt, wo er vier Jahre lang für den „Spiegel“ wirkte. Dort hatte der Journalist studiert, wie es die Amerikaner schaffen, Sachbücher erfolgreich zu machen.

„Sie können über das linke Denkgebäude sehr wissenschaftlich und klug schreiben“, sagt er, „es wird aber nicht auf so wahnsinnig viel Resonanz stoßen.“ Nach angelsächsischem Vorbild wob Fleischhauer deshalb die eigene Biografie ein, „um damit Leser zu ködern; das ist mir ja offenbar auch ganz gut gelungen“. Tatsächlich wird „Unter Linken“ eines der erfolgreichsten politischen Sachbücher des Jahres – allen Verrissen zum Trotz. In einem weiteren Werk sowie auszugsweise im „Spiegel“ verarbeitet Fleischhauer 2017 sein Ehe-Aus samt Depressionen.

Doppelhaushälfte in Pullach

Wir treffen ihn zum Fotoshooting in München, heute Lebensmittelpunkt des inzwischen 56-Jährigen. Berlin ist längst Geschichte. Der Liebe wegen zog es den vierfachen Familienvater in die Bayern-Metropole. Er heiratete erneut, bewohnt mit Frau und zwei Kindern aus dieser Liaison – einjährige Tochter, dreieinhalb Jahre alter Sohn – eine Doppelhaushälfte in Pullach. Angeblich hat er seine Neue ganz modern über ein Dating-Portal kennengelernt. Die beiden Kinder aus erster Ehe sind erwachsen und gehen schon länger ihrer eigenen Wege.

Fleischhauer trägt ein königsblaues Jacket, dazu hellblaues Hemd, weiße Hose, Slipper ohne Socken. Er wirkt aufgeräumt, sein Auftritt mit Buch und Baguette jedoch etwas affektiert. Es ist brüllend heiß, einer dieser Hundstage des Sommers 2018. Doch der Mann mit dandyhafter Erscheinung und dem Antlitz eines katholischen Priesteranwärters bleibt gleichmütig. Lehnt, stellt und drapiert sich ordentlich in Pose. Es geht ja schließlich um ihn, um seine öffentliche Inszenierung. Irgendwann befleißigt er sich nur noch halbherzig, die Contenance zu wahren.

Die Hitze halt, und seine Ungeduld. Endlich ein schattiges Plätzchen. Auf dem Tisch liegt ein ominöser Umschlag, auf dem Gesicht – ganz so, als trügen nicht nur der Inhalt, sondern schon Adressant und Adressat die höchste Geheimstufe. Darauf eine Biografie des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard und besagtes französisches Stangenweißbrot. Nun überlassen ja wichtige Menschen und solche, die sich dafür halten, nichts dem Zufall. Bewusst gewählte Insignien sollen eine Botschaft vermitteln. Kuvert und Baguette senden eindeutige Zeichen.

Aber dass Fleischhauer an diesem Tag ausgerechnet Thomas Bernhard auflegt, hat Klasse, wessen Ersterer selbst womöglich erst später gewahr wird. In Österreich war Bernhard einer der sprachmächtigsten, politischsten und humoristischsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Attribute, mit denen auch Fleischhauer sich gerne schmückt und nicht im mindesten hadern dürfte. Doch Bernhard wurde durch seinen Halbbruder auch bezichtigt, permanent gespielt zu haben („jeder Tag war inszeniert“). Jan Fleischhauer gibt Jan Fleischhauer – und bleibt fremd.

Kalkulierte Provokation

Wer ist dieser Mann, den eine breite Öffentlichkeit zu kennen glaubt, weil er weder politisch noch persönlich aus seinem Herzen eine Mördergrube macht? Fleischhauer wirkt authentisch, wenn er sich auf seinem „Schwarzen Kanal“ in aktuelle Debatten einmischt oder Ausschnitte aus seinem Leben feilbietet. Doch jede Provokation, alle Offenherzigkeit sind wohl kalkuliert. Es geht dem studierten Literaturwissenschaftler – Philosophie war auch dabei – vor allem um Aufmerksamkeit, und ein bisschen will er auch gemocht werden. Oder zumindest respektiert.

Fleischhauer will jederzeit die Kontrolle darüber behalten, was man von ihm erfährt. Er plant akribisch, welche Wirkung entfaltet, was er nach außen dringen lässt. Mal mit gravitätischer Miene, mal mit scheingütigem Lächeln empfängt er Fragen zu seiner Person. Antwortet dann eloquent und präzise, offenbart dabei nicht unbedingt Humor, aber immerhin Mutterwitz. So geht es hin und her und bleibt doch an der Oberfläche. Gräbt man tiefer, macht Fleischhauer zu. Jede Form der persönlichen Annäherung deutet er als Versuch, ihn therapieren zu wollen.

Ob er auch einmal Versagensängsten habe, wenn er vor einer neuen Kolumne sitze? Oder sich gelegentlich in Frage stelle, angesichts der massiven Kritik am Journalismus im Allgemeinen und den Medien im Besonderen? Wie er mit Niederlagen umgehe, was ihn tief im Innersten wirklich antreibe? Ganz gleich, wie man sich annähert, Fleischhauer bleibt technisch und tut beinahe so, als habe er den wahren Sinn der Frage nicht verstanden. Natürlich hat er das! Es geht andere nur einfach nichts an, wie es in ihm aussieht. Meint jedenfalls Fleischhauer.

„Sie wollen mich auf die Couch legen? Sie vergessen eines: Sie haben es mit jemandem zu tun, der mit der Therapiewelt schon in der 6. Klasse in Berührung kam.“ Anfang der 1970er Jahre galt es in Hamburg als hip, junge, erwartungsfrohe Psychologen in die Grundschulen zu schicken, um Anti-Mobbing-Seminare abzuhalten. Ob hierbei, während des Zivildienstes oder im Studium – „ich weiß nicht mehr, auf wie vielen ,heißen Stühlen’ ich gesessen habe – von der Paartherapie mit meiner Frau ganz zu schweigen. Ich bin sozusagen durchtherapiert“.

 

In den Quackelfächern top

Mehrfach betont er, als Autor kontrolliere er selbstverständlich alles, was er schreibe, und es habe stets eine Funktion. „Alles andere wäre ja verrückt! Ich verwechsle das Schreiben nicht mit einer therapeutischen Sitzung, wir machen hier keinen gemeinsamen Stuhlkreis, die Leser und ich.“ Wenn er Privates publiziere wie Depressionen und Tablettenkonsum, dann wolle er Leser für ein Thema interessieren, das sie sonst eher ignorierten. Sich so zu öffnen, sei nicht regressiv, sondern auf Wirkung kalkuliert – „ich mag keine Weinerlichkeit und Larmoyanz“.

Weder für das eine noch für das andere hätte auch sein Elternhaus je Verständnis aufgebracht. Anders als oft zitiert, ist Fleischhauer in Osnabrück geboren und in Hamburg aufgewachsen – der Vater beim NDR, die Mutter aktiv in der SPD. Der Filius hatte sich lange kaum Gedanken über die eigene berufliche Zukunft gemacht. „In der Schule war ich in den ,Quackelfächern’ top, also Gemeinschaftskunde, Deutsch und Philosophie.“ Am Ende, betont Fleischhauer stolz, habe er „allerdings auch in Mathematik eine Eins“ gehabt. Als er dann studieren wollte, hätten ihm die Eltern freien Lauf gelassen.

Einzige Vorgabe: maximal acht Semester werden bezahlt, danach „,Good Luck’, dann musste ich auf eigenen Füßen stehen“. Fleischhauer schloss erfolgreich ab und bewarb sich an der „Henri-Nannen-Schule“. Dort angenommen worden zu sein, bezeichnet er noch heute als ein „großes Glücksgefühl“. Danach standen ihm viele Türen im Journalismus offen. Er entschied sich 1989 für eine Stelle beim „Spiegel“, obwohl er „drei Verträge auf dem Tisch“ hatte. Im Januar kommenden Jahres dräut Fleischhauer sein 30. Betriebsjubiläum. Er freut sich darauf.

Tatsächlich fühlt er sich am wohlsten in geordneten Verhältnissen, weshalb für Fleischhauer auch nie in Frage kam, freiberuflich zu arbeiten. Da bleibt man schließlich irgendwie auf der Hinterbank. „Ich wollte immer eine große Bühne haben, und die größte Bühne, die es in unserem Metier gibt, ist der ,Spiegel’.“ Fleischhauer räumt ein, dass er sich hier in einem permanenten internen Wettstreit befindet: „Klar will ich am Ende des Jahres mehr Leser haben als meine ,Nemesis’ Jakob Augstein. Der kolumniert beim „SPON“ von links.

Seit 2011 lädt die „Spiegel“-Chefredaktion zum Weihnachtsessen – eine Art „Kolumnisten-Dinner“, bei dem der Klick-König gekürt wird. Natürlich will Fleischhauer dabei die Krone erringen. Augstein auch. „Wir sind beide sehr ehrgeizige Menschen.“ Das sei aber für ihn, Fleischhauer, nicht das Motiv, Woche für Woche eine Kolumne zu schreiben. „Ich greife regelmäßig Themen auf, von denen ich schon vorher weiß, dass es keine Quoten-Granaten werden. Ich mache sie dennoch, weil sie mir wichtig sind oder Spaß bringen.“

Die Sache mit den „Schnorrern von Rom“ war so ein Ding, das ihm nicht nur höllischen Spaß bereitete, sondern zudem eine fatale Wirkung entfaltete. Fleischhauer hatte in seiner Kolumne das italienische Volk als eine Nation durchtriebener Taugenichtse denunziert, die sich vom Rest Europas – ach was, der Welt – aushalten lassen und zu erpresserischen Mitteln greifen, wenn der Geldhahn zugedreht wird. Das Pamphlet löste eine veritable Krise aus. Angeblich schaltete sich Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella höchstpersönlich ein. Letztlich musste sich „SPON“-Chefredakteurin Barbara Hans von ihrem eigenen Autor distanzieren.

Über so etwas freut sich Fleischhauer spitzbübisch. Es empfindet eine aufreizende Lust daran, sich mit anderen Lebenswelten und ihren Verstiegenheiten auseinanderzusetzen – mit der ihm ganz eigenen und durchaus unterhaltsamen Art von spöttischer Teilnahme. Bei Fleischhauer klingt das etwas nüchterner: „Ich möchte dem, was ich für die Vernunft halte, eine Stimme verleihen. Eine Weltsicht, von der ich glaube, dass sie in den Medien nach wie vor unterrepräsentiert ist.“ Er meint das Konservative als Gegenpol zum Linksalternativen.

Ist es eigentlich Fluch oder Segen, mit einem überdurchschnittlichen Intellekt ausgestattet zu sein? Es ist die erste Frage, die Fleischhauer im Gespräch herzlich lachen lässt: „Es heißt, die Dummen seien glücklicher, weil sie das Elend ihrer Begrenztheit nicht so spürten. Ich mit weniger IQ, wäre ich glücklicher? Ja, kann sein.“ Fleischhauer grinst amüsiert. Und auch mit weniger Komplexen? „Ich bin ein relativ komplexfreier Mensch.“ Er komme ja aus einem bildungsbürgerlichen Haus, „das gibt Ihnen ein Gefühl natürlicher Klassenzugehörigkeit“.

Das sei bei Aufsteigerkindern anders, die blieben „verunsichert, ob sie das richtige Besteck nutzen und es richtig anfassen oder den richtigen Maler kennen. Diese Verunsicherung kennt jemand aus einem großbürgerlichen Haushalt nicht“, sagt Fleischhauer und schiebt nach einer kurzen Pause nach: „Wenn Sie so wollen, bin ich oberflächlicher.“ Dass er nicht an Gott glaubt, hat damit aber nichts zu tun. Als bekennendem Konservativem wäre ihm ein tiefer Glaube zu unterstellen. Er sei „nun mal zu sehr von der Aufklärung imprägniert“, wiewohl zu glauben unbedingt „etwas Tröstliches“ habe. „Ich gehöre zu den Menschen, die wünschten, sie könnten an Gott glauben.“

Interner Wttstreit mit Augstein

Tatsächlich ist Jan Fleischhauer kein übler Kerl. Nicht seine Bücher machen ihn sympathisch, sondern sein eigentlich ziemlich durchschnittliches Leben. Fleischhauers Lust am Debattieren ist ein Teil davon. Anders als etwa Matthias Matussek, mit dem er gut bekannt ist, würde er allerdings nie öffentlich auf eine Bierkiste steigen und zum Widerstand gegen Angela Merkel aufrufen. Ein Matussek will wirklich die Welt verändern, ein Fleischhauer begnügt sich damit, nur so zu tun. „Matthias ist ein genialischer Mensch, mit allen Abgründen, die das mit sich bringt. Ich bin nicht genialisch – also bleiben mir auch die Abgründe erspart.“