Mal was ganz Grundsätzliches, bevor uns die üblichen Bilder des Mauerfalls morgen wieder im TV gezeigt werden: Nicht jeder Ostdeutsche ist sofort nach dem Mauerfall gleich mit dem Trabi nach West-Berlin gehechtet, um als erster über der Grenze zu sein. Manche haben sich das entspannt und auch nachdenklich erstmal von Weitem angeschaut. Oder „Karten gespielt“, wie Handball-Legende Stefan Kretzschmar einstmals im TV scherzte. Und manch einer hat mit seinem Trabi sogar ohne irgend einen ersichtlichen politischen Hintergrund einen großen Bogen um die Maueröffnungs-Euphorie gemacht und ist erstmal zu seiner Datsche gefahren.

Ein solcher war mit Sicherheit auch Dan Priban, denn er ist gar kein Ostdeutscher, sondern ein tschechischer Filmemacher. Und er liebt den Trabant. Genau so wie der Journalist Michael Kneissler, der eine spannende Story über die Trabi-Weltreise des Tschechen in dem kürzlich veröffentlichten Buch „Trabi-Love“ geschrieben hat. Wir dürfen die Geschichte zum anstehenden Mauerfall-Jubiläum hier veröffentlichen. (dh)

TRABI GO HOME

Wer sagt denn, dass man mit einem Trabant nicht die Welt umrunden kann? Alle. Außer Dan.

 

Die Sache mit dem Trabant ist ja wie folgt: Keiner nimmt ihn ernst. Eine Karosserie aus harzgetränkter Baumwolle, kaum dicker als eine gute Jeans-Hose. Ein knatternder Zwei-Takter. Lächerliche 26 PS. Und mehr diskriminierende Spitznamen als jedes andere Auto der Welt: Duroplastbomber, Rennpappe, Witz auf Rädern. Aber dann kommt Dan Priban, ein Filmemacher aus Prag in Tschechien, und kauft sich zwei gebrauchte 601er für jeweils 200 Euro. Lackiert sie quitschgelb, macht eine Runde Crowdfunding, schreibt solange die Namen aller Geldgeber auf die Plastik-Karosse bis sie voll ist. Und fährt mit den qualmenden Ostblock-Autos einmal rund um die Welt. Seitdem ist der Trabi ein Filmstar und Pribans Dokus laufen auf allen Festivals, im Fernsehen und in den Kinos.

Die beiden Super-Trabis heissen Egu und Babu nach den ersten sinnlosen Silben, die Dans Tochter sagte, und ebenso wenig Sinn wie die Namen macht die Aufgabe, die Priban ihnen stellt: Weit, weit weg fahren – und dann wieder zurück. Und um alles noch schlimmer zu machen, sucht der Tscheche die am übelsten beleumundeten Strecken auf dem Globus für seine minderbemittelten Oldtimer aus: Quer durch den brasilianischen Dschungel auf der BR319, die offiziell für unbefahrbar erklärt wurde. Durch Wüsten. Über Flüsse. Unter Wasserfällen hindurch. Und höher hinauf, als jemals zuvor ein Trabi gefahren war: 5.328 Meter mitten im Himalaya. Da pfeift schon mancher Vierzylinder aus dem letzten Loch. Das kleine Auto aus dem Osten Deutschlands meistert die Herausforderung im ersten Gang mit röchelndem Motörchen, 5 km/h und blauer Abgasfahne. Kein echter Show-Case, aber ein effektiver Arbeitserfolg. Trabi ist eben nicht Hollywood/Kalifornien sondern Zwickau/Sachsen.

„Tja“, sagt Priban, „eigentlich wäre diese Gewalttour ein Fall für hochmoderne SUVs gewesen mit Allrad, Navi, Elektronik, Airbags und allem Pipapo. Aber seien wir mal ehrlich: Dann ist es doch kein Abenteuer mehr. Ein Abenteuer ist es nur dann, wenn man jeden Tag scheitern kann“.

So gesehen, ist die Trabi-Tour Abenteuer pur. Die Autos landen im Straßengraben, fahren sich am Strand fest und werden von der Flut überrollt oder bleiben mit Pannen liegen. Und bei den mitgeführten und eingeflogenen Ersatzteilen kann man sich nie sicher sein, ob sie wirklich zu einer Lösung des Problems führen oder die Sache nur verschlimmbessern.

Die beiden Begleitfahrzeuge machen die Situation nicht einfacher: ein Polski-Fiat mit 23 armseligen Pferdestärken und eine 250er Java, die gerade mal 11 PS auf die Straße bringt. Falls es eine Straße gibt. Gefühlt die Hälfte der gut 100.000 Kilometer Gesamtfahrstrecke besteht aus Pisten, auf die sich gelegentlich nicht einmal Allrad-Fahrer wagen.

Die erste Testfahrt macht Priban mit einem einzigen Trabi auf der Seidenstraße in Richtung Usbekistan bereits 2007. Das gelbe Auto knattert fröhlich nach Osten und retour. Die Straßen sind gut. Die Menschen lachen. Das Leben ist schön. Bei der zweiten Etappe 2009 legt Priban einen Zahn zu. Jetzt geht es quer durch Afrika und das Team wächst auf vier und später auf sieben Leute an. Ein Kameramann, ein Mechaniker, ein Blogger, ein Tontechniker sind dabei.

Was minimalistisch angefangen hat, wird zu einer Maximal-Expedition mit komplexer Logistik, Gigabytes an Foto- und Filmmaterial und Riesenrummel in den sozialen Netzwerken. Dan und seine bunten Autos aus der Zeit des kalten Krieges werden zunächst in Osteuropa, dann überall auf dem Globus zu Internet-Stars. Vermutlich hat Priban mit seiner Welt-Tour mehr für das Image des Trabi getan als der volkseigene DDR-Betrieb VEB Sachsenring während der gesamten 34 Jahre, in denen das Autochen in Zwickau zusammengebaut wurde.

2012 geht es von Guayana über Brasilien, Peru, Bolivien und Chile bis zum südlichsten befahrbaren Punkt der Erde an der Moat Radarstation im argentinischen Feuerland. Dan verliebt sich in den menschenleeren Süden Boliviens und in die noch menschenleereren Weiten Patagoniens. „Ist klar“, sagt er, „ich mag’s lieber ein bisschen einsam“. Gut, dass mehr als die Hälfte der Menschheit unterdessen in den Städten wohnen und die Landschaft für Dan freiräumen. Schlecht, dass er auch durch Metropolen in Asien und Südamerika muss, wo sich die Landflüchtlinge zu Millionen drängeln und die Straßen verstopfen. In Indonesien kommt er niemals über den dritten Gang hinaus, so verstopft sind die Straßen.

2015 stehen Australien und Südostasien auf der Agenda und in Erinnerung bleiben neben endlosen Fahrten durch die Outbacks, Schiffsüberführungen und den Staus in Indonesien die Leute am Straßenrand, die winken und „Hello, Mr. Bean!“ rufen. Liegt daran, dass der Trabi mit seinen runden Kulleraugen dem Mini Cooper des weltberühmten britischen Komikers so ähnlich sieht.

„Überhaupt das Aussehen“, sagt Dan. „Jeder liebt den Trabi. Das öffnet Herzen und Türen. Überall auf der Welt“. Aber manchmal dauert es ein wenig. In Guayana im Nordosten Südamerikas steht der Tross zwei Wochen im Zolllager. Dan sagt: „Ich hätte jede Bestechungssumme bezahlt, wenn ich gewusst hätte an wen“. Das ist natürlich die Voraussetzung für erfolgreiche Korruptionsgeschäfte. So bleibt ihm nur, jedem Hinz und Kunz E-Mails zu schicken, sogar dem Außenminister und zuletzt ist Priban kurz davor, dem Präsidenten aufzulauern, da kommen die Autos plötzlich doch noch frei.

Auch in Australien läuft der Import unrund und die Bürokratie zur Höchstform auf. Aber in Kochi (früher: Cochin), der Hafenstadt im tropischen Süden Indiens, wo im April 2018 die definitiv letzte Tour der Trabi-Kolonne beginnen soll, gibt es damit kein Problem. Kochi liegt in Kerala, der schönsten Provinz Indiens mit weiten, palmengesäumten Stränden, ewigem Sommer und den romantischen Backwater-Systeme, auf denen Fähren und Hausboote gelassen ihre Runden ziehen. Kerala ist berühmt für Kathakali, die uralten Tanz-Dramen aus den Hindu-Tempeln und für Ayurveda-Retreats mit Yoga und Massagen.

Dan und seine Leute haben mehr als genug Zeit, die Schönheit der Stadt und der Landschaft zu genießen, denn die Autos und das Motorrad hängen erst im Suezkanal, dann beim Umladen in Sri Lanka fest. Die Menschen sind freundlich wie überall in Indien, aber nichts geht voran. Einmal hat Dan alle Papiere, um den Hafen zu betreten, aber die Freigabeerklärung für die Fahrzeuge fehlt. Dann haben die Fahrzeuge die Freigabe, aber die Zugangsberechtigung zum Hafen ist abgelaufen. Und so geht es hin und her, wie bei zwei Liebenden, die nicht zueinander finden. Ein Maschendrahtzaun trennt, was zusammengehört. Dan und sein Team sehen was sie begehren. Aber sie können ihr Ziel nicht erreichen. Ein romantisches Drama in Verwaltungsakten.

Schließlich haben alle die Faxen dicke, sogar die Zollbeamten. Sie schieben die Trabis, den Polski-Fiat und die Java einfach per Hand durch ein Tor in die Freiheit und schon knattert der gelbe Konvoi in Richtung Norden. Kinder, Inder und Elefanten kreuzen den Weg. Reis- und Teeplantagen liegen am Straßenrand, die Städte sind heiß und chaotisch, die Strände auch, das Essen ist scharf und überall sind Menschen. Indien hat 1,4 Milliarden Einwohner, 140 mal mehr als Dan Pribans Heimatland Tschechien. In ein paar Jahren wird es mehr Inder als Chinesen geben.

Im Himalaya erreichen die Weltenbummler den Höhepunkt ihres Trips. Egu und Babu überwinden auf dem Weg von Leh in Kashmir die 5.000-Meter-Höhenmarke. Weltrekord für ein Vierrad-Fahrzeug mit Zweitakter-Motor. Von da an geht es abwärts, nach Pakistan, wieder über die Berge nach China und zurück auf die Seidenstraße in Richtung Westen. Nach Hause. Trabi Go Home! Der Kreis schliesst sich. Die Weltumrundung geht ihrem Ende entgegen.

Die Autos schnurren eifrig über die Landstraßen wie ein Pferd auf dem Weg zurück zum Stall. Ab der Grenze zwischen der Ukraine und Slowakei wird die Fahrt zum Triumphmarsch. Dutzende von Freunden in Trabis erwarten die Expedition hinter dem Zoll und begleitet sie bis nach Tschechien. Auf jeder Autobahnbrücke stehen winkende Menschen. Fernsehteams filmen den Konvoi vom Straßenrand aus oder folgen ihm mit Übertragungswagen. Es ist wie der Einzug der Gladiatoren in Rom als Priban und seine Entourage in Prag ankommen.

Die Trabis knattern bescheiden vor sich hin, während die Menge jubelt. Das Motorengeräusch klingt wie ein heisseres Kichern. Sorry, wir haben mal eben den Globus umrundet. 88.714 Kilometer mit zwei Zylindern und 26 PS. zurückgelegt. Gefahren gemeistert. Wüsten, Urwälder und Gewässer durchquert. Berge bezwungen. Herzen erobert. Hättet ihr wohl nicht gedacht!

Die Sache ist nämlich so: Auch wenn der Trabi ein lustiges kleines Auto ist und sein Motörchen ein Witz, wäre es ein dummer Fehler, ihn zu unterschätzen. Unter seinem unauffälligen Äußeren steckt ein großes Herz, das im Zweiertakt schlägt. Dan Priban und sein Team haben ihm vertraut. Und sie sind nicht enttäuscht worden. Sie haben bewiesen, was sie beweisen wollten: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und wo ein Weg ist, ist der Trabant in der Lage, ihn zu befahren. Selbst wenn er noch so beschwerlich ist und einmal rund um die Welt führt.

Jetzt stehen die beiden quitschgelben Trabis im Museum. Sie haben allen gezeigt, was sie können. „Mehr geht nicht“, sagt Dan Priban, „außer vielleicht ein Trip zum Mond“. Mit dem Trabant zum Erdtrabanten? Klingt wie ein Witz. Aber wer zuletzt lacht, lacht am besten.

 

Die 4 besten Trabi Witze

Wie misst man die Beschleunigung eines Trabis? – Mit dem Kalender.

Warum heißt der Trabi Trabi? – Wäre er schneller würde er Galoppi heissen.

Wie verdoppelt man den Wert eines Trabi? – Einmal volltanken.

Wann erreicht der Trabi seine Höchstgeschwindigkeit? – Auf dem Abschleppwagen.

 

4 Highlights der Trabi Tour

Höchster jemals von einem Trabant erreichter Punkt – 5328 m, Himalaya

Netteste Polizeieskorte der Welt – Pakistan

Schönste Strände der Tour – Kerala/Indien

Dramatischste Landschaft der Welt – Patagonia/Argentinien

 

 

Foto: Dan Priban