Kein Tag ohne News vom Neu-Eigentümer der „Berliner Zeitung“ Holger Friedrich. Er lässt seinen Aufsichtsratsposten bei der Firma Centogene vorerst ruhen. Und will abwarten, „bis die vollständigen Unterlagen der Stasi-Unterlagenbehörde vorliegen und von Experten ausgewertet wurden“, sagte er heute der dpa. Doch ist er nun der böse Stasi-Mann oder nicht? Unser Medienexperte Tobias Oswald hat dazu eine polarisierende Meinung. Seine Gedanken hat er exklusiv für uns aufgeschrieben.  

„Holger Friedrich hat mit seiner Frau Silke die Berliner Zeitung übernommen und damit das Establishment der Branche heraus gefordert. Wie kann einer, der sich noch dazu mit neuen Märkten und Technologie auskennt und bisher unternehmerisch sehr erfolgreich ist, es wagen, im Markt der Regionaltageszeitungen anzutreten, noch dazu in Berlin? Der muss verrückt sein!
 
Nun lässt sich nach ein paar Wochen kein psychiatrisches Gutachten finden, dafür eine Stasi Akte: Friedrich hat als junger Mann eine Verpflichtungserklärung unterschrieben und sich moralisch diskreditiert. Aber warum eigentlich?
 
Der Mann hatte sich für 3 Jahre bei der NVA verpflichtet, um seine Studienplatzchancen zu boosten, und dann offenbar mit einer Flucht aus der DDR geliebäugelt, zumindest unterstellte ihm die Staatssicherheit das und konfronierte ihn damit. Wer die DDR halbwegs kennt, weiss die drohenden Konsequenzen einzuschätzen. Stattdessen eine Verpflichtungserklärung zum Bespitzeln von Mitsoldaten zu unterschreiben und diese Rolle gleichzeitig 1.) so zu gestalten, dass sie minimalen Schaden bei Mitmenschen verursachte, sowie 2.) nach kurzer Zeit durch Offenlegung wieder abzugeben, ist nichts anderes als ein ein wirklich geschickter Schachzug. Ich sehe keine vernünftige Handlungsalternative unter den damaligen Umständen, keine. Moralisch ist da wenig bis nichts zu kritisieren.
 
Natürlich äussert Friedrich ungewöhnliche Ansichten und zeigt sich ungeübt auf medienpolitischem Parkett, geschenkt. Sich bei Verimi zusichern zu lassen, ein Software Unternehmen zu beauftragen, das er gut kennt und mitbesitzt, spricht auch zuallererst für ein klares Time-to-Market-Verständnis. Und auch die Ideen zur Digitalisierung der Berliner Verwaltung sind für sich gesehen richtig und gut – auch wenn der Zeitpunkt sie zu äussern nicht mehr opportun war.
 
Und noch ein Wort zur Redaktionsfreiheit: Es gibt keine Redaktion in Deutschland, die sich frei zum eigenen Haus, oder über eigene Inhaber äussert, keine. Das macht bis heute immer nur der Wettbewerb, und die Berliner Zeitung wird jetzt die erste sein, die dieses Gesetz durchbricht.
 
Wenn das keine Chance verdient hat!“
 
Nach seinem Job als stellvertretender Verlagsdirektor bei der links gerichteten Tageszeitung „Neues Deutschland“ Anfang der 90er Jahre war Tobias Oswald lange Jahre in der digitalen Medienwelt zu Hause. Er wirkte als Geschäftsführer von ProSiebenSat.1 Digital, Condé Nast Digital und Funke Digital. Seit kurzem ist er Berater und bietet Organisational & Mental Health-Coaching an. Gerade ist er aber beruflich in Kathmandu unterwegs.