„Tu dir was Gutes. Sorge für Entspannung. Schalte ab vom Alltag und bekomme den Kopf für Neues frei. Oder tu einfach mal nichts, denn erst das macht kreativ. Diese und ähnliche Ratschläge finden sich auf allen Kanälen, wenn es darum geht, die berühmt berüchtigte „Work-Life-Balance“ nicht nur zu finden, sondern sie auch möglichst ausgiebig zu leben. Sich also nach getaner Arbeit ganz nach individuellen Vorlieben, aber dennoch wertvoll, fallen zu lassen und die Freizeit möglichst erfüllend zu verbringen, ist eine gänzlich neue Herausforderung. Was darf es sein? Körperliche Ertüchtigung für die Gesundheit, soziale Tätigkeiten für die Gemeinschaft oder doch etwas kreatives, musisches oder gar etwas mit intellektuellem Anspruch?

Sind wir doch mal ehrlich: Sich mit einem guten Essen zu bekochen, in einem spannenden Buch zu versinken oder sich mit anregenden Gesprächen zum Nachdenken bringen lassen, alles wunderbar. Doch das liebste Hobby der Allgemeinheit zum Feierabend ist und bleibt doch der TV-Konsum. Ob linear oder On-Demand, ab auf die Couch und Füße hoch – das ist doch in den meisten Wohnzimmern der Inbegriff von Work-Life-Balance. Und daran gibt es auch ganz und gar nichts zu kritisieren. Schon gar nicht von mir als Medienschaffenden.

Film und Fernsehen haben schließlich von allem etwas und man muss nach einem langen Arbeitstag weder etwas besorgen, das Haus verlassen oder sich unter viele Menschen begeben, um einen angenehmen Abend zu verbringen. Unterhaltung oder Nervenkitzel pur. Mitfiebern bei der Lieblingsserie oder Anfeuern des Lieblingsvereins – alles frei Haus ohne unnötige Anstrengungen.

Klingt herrlich. Doch der Deutschen favorisiertes Hobby stellt mich immer wieder vor Probleme. Und sicherlich bin ich damit nicht allein, denn kann ein Medienschaffender wirklich unvoreingenommen fremd- oder selbstproduzierten Content konsumieren? Werden wir Branchenzugehörigen durch unseren Beruf nicht um den Genuss eines wundervollen Vergnügens gebracht? Formate, die bei oder mit der Unterstützung der nobeo GmbH produziert wurden, lassen sich von mir nicht einfach unkritisch betrachten und auch bei fremden Produktionen bleibt die Expertenbrille stets auf.

Denn sobald ein Mikrofon ins Bild baumelt, der Umschnitt nicht passt oder gar eine Bauchbinde fehlerhaft ist, bin ich raus. Solche produktionsbedingten Pannen sorgen unweigerlich dafür, dass ich den Film oder die Sendung anhalte, zurückspule und kontrolliere, ob ich mich eventuell nicht doch nur getäuscht habe. Und dann ist es in der Regel auch schon passiert: Ich bin aus der Story gepurzelt und finde, wenn der Kopf erst einmal gerattert hat, auch nicht wieder zurück.

Wirklich genießen kann ich also nur, wenn ich perfekt „entführt“ werde und vom gewählten Programm im wahrsten Sinn rundum gesättigt werde. Packende Story und technisches Handwerk im Einklang. Auf welchem Sender, über welchen Dienst dies geschieht, dahingehend bin ich offen und bekennender Abonnent sämtlicher Angebote. Neu zu meinem privaten Portfolio kam kürzlich Apple+ und natürlich werde ich auch bei Disney+ einen Blick wagen müssen. Nicht nur aus beruflichen Gründen, sondern auch als Liebhaber.

Und dann taucht doch direkt wieder das nächste Problem auf: Wo schaue ich eigentlich noch was? Wo lief dieser tolle Spielfilm noch gleich? Wo kann ich das Fußball-Bundesliga oder Champions League Spiel nun sehen? Welche On-Demand-Plattform zeigt Staffel zwei und drei dieser unglaublichen Serie for free oder doch nur mit weiteren Zusatzzahlungen? Warum startet der Receiver jetzt nicht oder wie war noch das Login-in für den Dienst, wenn ich unterwegs über das Tablet schauen möchte?

Dann steigt plötzlich der Stresslevel und die heißersehnte, abendliche Work-Life-Balance droht direkt wieder ins Wanken zu geraten! Aber dann gilt es wieder: tief durchatmen und entspannen. Es wird so viel produziert, wie nie zuvor. Die Film- und Fernsehbranche boomt. Und die Streaming-Plattformen haben mit ihren Angeboten für ordentlich Bewegung innerhalb der weltweiten Branche gesorgt. Dieser Wettbewerb ist der Nährboden für Qualität.

Meine kleinen Freizeitsorgen sind somit als Herausforderung zu sehen und keine Bedrohung meines Fernsehabends. Denn von guten, unendlich vielfältigen Inhalten profitieren am Ende alle: Konsumenten und Produzenten. In diesem Sinne: Schalten wir alle doch weiterhin genüsslich ein und dadurch vom Alltag ab und machen es uns vor dem Fernseher gemütlich. Ganz ohne schlechtes Gewissen und mit einem klaren Bekenntnis, so bunte Vielfalt zu fördern!“

Stefan Hoff ist Geschäftsführer des technischen Dienstleisters Nobeo TV und Vorstandsvorsitzender des TV-Verbands VTFF. Er schreibt regelmäßig für Clap.

Foto: Stefan Hoff