An ntv kommt derzeit kaum einer vorbei. Wie einstmals bei der Finanzkrise holen sich gerade viele Zuschauer die „Corona-News“ beim Nachrichtensender der RTL Mediengruppe. Die Kölner konnten beim Gesamtpublikum ihren Marktanteilsschnitt fast verdoppeln. Einfach waren die letzten Wochen natürlich nicht. Über die Umstellungen und Herausforderungen sprachen wir mit Chefredakteurin Sonja Schwetje.

Ab welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass Ihnen der Corona-Virus arbeitsreiche Tage bringen wird? Seit Anfang März oder schon früher?

Schwetje: Wir haben die Entwicklungen in China bereits seit Anfang Januar intensiv beobachtet. Auch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos war das Thema präsent. Allerdings war die Dimension zu dem Zeitpunkt selbst für die meisten Experten noch nicht absehbar. Spätestens seit den Karnevalstagen war uns klar, dass die Corona-Themenlage nicht nur langfristig unsere Berichterstattung prägen würde, sondern dass wir auch Szenarien erarbeiten müssen, um die Sendesicherheit unter erschwerten Bedingungen zu gewährleisten. Diese haben wir dann regelmäßig überprüft und an die aktuellen Entwicklungen angepasst.

An entscheidenden Stellen in ihrem gewohnten Sendeablauf mussten sie kurzfristig etwas korrigieren. Ohne Bundesliga muss beispielsweise auch ihre aktuelle Sportberichterstattung auskommen. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie dabei?

Schwetje: Gerade die Sportler weltweit sind ja sehr kreativ bei der Krisenbewältigung. Es gibt zum Beispiel virtuelle Wettbewerbe wie das Formel-1-Konsolenrennen im animierten Albert Park von Melbourne, Fitnesstipps für Zuhause und motivierende Videobotschaften, um die Ausgangsbeschränkungen erträglicher zu machen. Insofern hat die Sportberichterstattung bei uns auch in dieser Zeit einen hohen Stellenwert. 

Nun entsenden Sie einige Reporter auch in die jeweiligen Corona-Krisengebiete und berichten möglichst vor Ort. Da nun viele Flüge ausfallen oder bereits ausgefallen sind. Wie können Sie die Reisen derzeit überhaupt organisieren?

Schwetje: Wir als Medienkonzern gelten als systemrelevant, das bedeutet für uns eine große Verantwortung, der wir uns bewusst sind. Natürlich können sich unsere Reporter/innen nicht so frei bewegen, wie sonst. Und wir überprüfen regelmäßig in Absprache mit den Gesundheitsbehörden, wie sich unsere Journalisten und Technikcrews bei Dreharbeiten am besten schützen können. Im Hinblick auf notwendige Reisen profitieren wir von der jahrelangen Erfahrung unserer Teams in Krisengebieten und -situationen. Darüber hinaus haben wir in vielen Städten in Deutschland, aber auch in Brennpunkten wie London oder New York feste Korrespondenten, die zum Erfolg aller unserer Plattformen beitragen.

 

Sie berichten täglich aus den Vereinigten Staaten. Wie mussten Sie beispielsweise ihre Live-Berichterstattung von der Börse am Brennpunkt New York umstellen?

Schwetje: Die Live-Berichterstattung unserer New Yorker Börsenreporter ist in diesen Tagen überaus wichtig. Alle unsere Kollegen in New York arbeiten derzeit von zu Hause oder aus dem Mobile Office. 

Was waren denn ihre aufmerksamkeitsstärksten Beiträge zum Thema Corona-Krise neben der Ansprache der Kanzlerin?

Schwetje: Es besteht ein riesengroßes Interesse an allen Live Events. Die regelmäßigen Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts verfolgen enorm viele Zuschauer im linearen TV und online. Außerdem finden unsere News-Spezial-Sendungen um 23 Uhr ein großes Publikum.

Gab es auch wichtige Nachrichten, die durch die monothematische Berichterstattung untergegangen sind?

Schwetje: Wir berichten nicht monothematisch, aber in der Tat nimmt das Thema Corona bei weitem den größten Raum ein. Das liegt aber auch daran, dass es so viele unterschiedliche Facetten umfasst. Angefangen bei den medizinischen Aspekten über politische und wirtschaftliche Auswirkungen bis hin zu Desinformationskampagnen. Ganz zu schweigen von den unzähligen Einzelgeschichten rund um die Menschen, die in diesen Tagen zu Helden des Alltags geworden sind. Die Supermarktkassiererin, die Pflegekräfte, die Eltern, die Home Office und Home Schooling unter einen Hut bringen müssen. Gerade ihnen kann man kaum genug Raum im TV und online geben. Wenn man ein Thema sucht, das wegen Corona viel an Aufmerksamkeit eingebüßt hat, war es wohl am ehesten das Rennen der demokratischen Präsidentschaftsbewerber Sanders und Biden in den USA, das am Mittwoch mit dem Rückzug von Bernie Sanders endete. Doch selbst der US-Wahlkampf steht inzwischen ganz im Zeichen von Corona.

Vor einigen Jahren war ich bei Ihnen in der ntv-Redaktion, dort müssen die Mitarbeiter eng zusammenarbeiten. Alle ins Home Office zu schicken ist bei laufendem Sendebetrieb sicherlich schwer möglich. Wie bekommen Sie das in Köln in den Griff mit dem Social Distancing?

Schwetje: In unserem Sendezentrum in Deutz arbeitet derzeit nur eine sehr kleine Kernmannschaft, deren Anwesenheit zwingend für den Sendebetrieb erforderlich ist. Die Kollegen haben eine hohe Sensibilität für die Schutzmaßnahmen und achten sehr auf sich und einander. Wir haben zudem den Abstand zwischen den Arbeitsplätzen vergrößert und auch im Studio mehr Platz zwischen den Moderatoren geschaffen.

 

Interview: dh

Foto: Alexander von Spreti