Es hat überraschend lange gedauert, bis sich die deutsche Öffentlichkeit nach dem Shutdown vom 15. März einen Exit wünscht. Als erstes hatten Springer-Chef Mathias Döpfner und seine Welt-Chefredaktion die Exit-Diskussion am 24. März öffentlich angestoßen. Möglicherweise nach Absprache oder auf Bitten der Bundesregierung. Einen Tag später – der Bundestag hatte gerade sein Corona-Hilfspaket beschlossen – thematisieren Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Kanzleramtschef Helge Braun eine Rückkehr zur Normalität: Nach Ostern solle es den Andeutungen nach nur noch um den Schutz von Risikogruppen gehen, hieß es. Auch der Spiegel hatte plötzlich das Für und Wieder zur Diskussion gestellt und der Focus zweifelte am Durchhaltevermögen der Deutschen.

Allerdings hatte die Bundesregierung den Menschen und den Medien einen Stichtag vorgegeben: den 19. April. Ein Ziel in der Ferne. Ein Zeichen der Endlichkeit der Restriktionen. Etwas Konkretes, worauf man hoffen durfte – psychologisch wichtig, um Orientierung zu schaffen. Ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Ziel waren die Osterfeiertage vom 10. bis 13. April: Hier wollte die Bundesregierung entscheiden, ob sie die Zügel in der Corona-Krise nach dem 19. April wieder lockern könne. Wissenschaftler unter Führung des Ifo-Instituts, von der Leopoldina und anderen Forschungseinrichtungen hatten bis dahin ihre Prognosen und Vorschläge öffentlich kommentieren lassen. Die Bundeskanzlerin konnte nun am 15.4. das weitere strenge Vorgehen in der Krise und kleine Lockerungen verkünden, ohne auf öffentlichen Widerstand zu stoßen. Enttäuschung machte sich in einigen Wohnungen, Home-Offices, Redaktionen und Vorstandsetagen breit, doch Merkel blieb vorsichtig: Meinungsumfragen zeigten weiterhin hohe Zustimmung zum bisherigen restriktiven Kurs. Die Menschen hatten nach wie vor große Angst vor dem Virus.

Bundesregierung schafft sich Probleme selbst

Angela Merkel hat eine kluge Kommunikationsstrategie verfolgt und diese perfekt umgesetzt. Die Medien sind ihr gefolgt und haben die vorsichtige Politik der Bundesregierung damit gestützt. Das war nicht einfach für die Kanzlerin und ihre 16 Provinzfürsten, denn es gab drei große Probleme zu lösen:

1.: Bund und Landesregierungen haben die Gefahr des Corona-Virus lange unterschätzt: Zwischen der ersten bekanntgewordenen Infektion am 28.1. in Bayern und dem Shutdown vergingen sechs Wochen, obwohl man den gesamten Januar über die katastrophalen Auswirkungen von Covid19 in China beobachten konnte. Erst die sprunghaft steigenden Infektionsraten in Italien Anfang März alarmierten die Bundesregierung. Ein funktionierender Pandemie-Plan wäre bereits am 28.1. in Kraft getreten und hätte zu sofortigen Grenzschließungen wie in Australien oder Neuseeland geführt – scheinbar gab es keinen oder er wurde ignoriert. Eine strenge Restriktionspolitik sollte dann ab 15. März Versäumnisse vergessen machen und die Gesundheitsversorgung schützen. Die Chance, einen Mittelweg zu einer kontrollierten Herdenimmunität wie in Schweden zu beschreiten, war damit vertan.

2.: Angst hatte mittlerweile die deutsche Bevölkerung ergriffen. In der Anfangsphase von Epidemien oder Pandemien herrschen immer Angst, Panik und Hysterie. Die Medien reagieren über angesichts des unsichtbaren und tödlichen Killer-Virus – und viele Menschen auch. So war es bei SARS 2003, so war es bei der Schweinegrippe 2009, so war es auch bei Corona. Die Politik war daher durch den Druck der öffentlichen Meinung nicht nur gezwungen, hart zu handeln, sondern musste die restriktiven Maßnahmen auch lange durchhalten, um nicht als leichtsinnige Führung dazustehen, die ihre Bevölkerung nicht ernst nimmt und womöglich die Gesundheit der Menschen aufs Spiel setzt. So wurden Merkel, Söder und Co. im April sogar als weit- und umsichtige Politiker gelobt, obwohl sie im Februar die Gefahren von Corona fehlgedeutet hatten.

3.: It’s the economy, stupid! Das Abwägen zwischen Wirtschaft und Gesundheit gilt als unmoralisch. Menschenleben sind wertvoller als Geld. Doch ohne Job, Einkommen und Wirtschaftswachstum rutscht ein Staat in die Krise. Und Armut bedroht dann ebenfalls unsere Gesundheit. Als über Ostern absehbar war, dass Infektions- und Reproduktionsraten zurückgehen, durften Politiker öffentlich auch wieder über einen Exit reden. Mit anderen Worten: Tote nehmen wir in Kauf, aber zu viele Tote nicht. Ein Lockdown bis zur Ausrottung des Virus oder bis zum Einsatz eines geeigneten Impfstoffes wäre illusorisch. Also galt es abzuwägen. Bis diese pragmatisch-realistische Einsicht aber nach der wochenlangen Hysterie bei den Menschen wieder Fuß fassen kann, musste die Kanzlerin den Shutdown bis zur Schmerzgrenze ausdehnen – über den 19.4. hinaus. Medien und Bevölkerung waren nach Ostern noch zu sehr in Ängsten gefangen.

Seitdem das Internet und die sozialen Medien den Informationsaustausch, die Desinformation, Angst und Hysterie aberwitzig beschleunigt haben, können Medien und Politik auch über vergleichsweise niedrige Sterberaten diesseits der Risikogruppen nicht hinwegsehen. In der Grippe-Saison 2017/18 gab es in Deutschland trotz Impfstoffe rund 25.000 Tote, bei der Hongkong-Pandemie 1968/69 rund 50.000 Tote. Doch niemand hätte damals wegen einer Influenza ernsthaft einen Shutdown gefordert. Politiker sprachen damals jeweils von einem „Naturereignis“ und die Medien fanden keinen übermäßigen Gefallen an Schnupfen und Fieber. Wirtschaft und Arbeit hatten letztlich Vorrang vor Grippe-Opfern. Das ist heute bei Corona nach den Horror-Videos und Katastrophen-Meldungen aus China und Italien im ersten Quartal anders.

Medien müssen im moralischen Dilemma Verantwortung übernehmen

Unsere Regierenden haben sich also mit harten Maßnahmen und Durchhalteparolen scheinbar erfolgreich durch die Corona-Krise gewurstelt und dabei drei große Probleme gelöst. Im Tenor der öffentlichen und veröffentlichten Meinung hat sie das bislang gut gemacht. Die Umfragewerte sind sehr gut. Und jetzt? Jetzt kommt der nächste Schritt in der politischen Kommunikation.

Jetzt, Ende April mehren sich die Schlagzeilen, die ein Ende des Lockdowns fordern und somit Infektionen und auch Tote in Kauf nehmen: „Herdenimmunität? Zu schön, um realistisch zu sein“, „Kita zu bis August? Das ist absurd“, „Jetzt beginnt der Aufstand der erschöpften Corona-Eltern“, „Söder und Laschet halten Geisterspiele ab 9. Mai für möglich“. Auch die Sorge um Grund- und Freiheitsrechte wird lauter: „Es reicht nicht mehr, was Angela Merkel den Deutschen erzählt“, „Corona-Verbote verletzten unsere Grundrechte“, „Corona und die Grundrechte – Wie viel Verbot ist erlaubt?“.

Doch der Virus wird morgen und auch übermorgen nicht verschwinden. Sicherlich wird es nach einem Ende des Lockdowns auch wieder zu steigenden Infektionszahlen kommen. Also: Wie kann die Politik einen vergleichsweise normal geregelten Zustand in Wirtschaft und Gesellschaft wieder herstellen und dies vorbereitend und begleitend kommunizieren?

Die Bundesregierung muss nun im nächsten Schritt den Weg zum Exit freimachen. Dabei gilt es, das richtige Zeitfenster zu finden, um in der öffentlichen Meinung nicht als zu voreilig und verantwortungslos dazustehen. Die Alternative zum Exit wäre ein langfristiger Shutdown und den wollen nur ganz wenige. Einen monatelangen Stillstand kann zudem keiner verantworten – weder ökonomisch noch gesellschaftlich noch soziopsychologisch. Merkel muss nun die richtige Gelegenheit abwarten, um dem moralischen Dilemma zwischen Gesundheit vs. Wirtschaft zu entgehen. Dazu muss das öffentliche Rufen nach Exit und Freiheit jedoch noch wesentlich lauter werden.

Politik orientiert sich an Umfragewerten. Und erst, wenn eine gewisse Risikobereitschaft und Selbstverantwortlichkeit zur Corona-Pandemie die öffentliche Meinung dominiert, wird die Politik von ihrem harten Restriktionskurs abweichen und sich auf den Schutz von Risikogruppen konzentrieren. Erst dann, wenn Medien und Menschen einsehen, dass Covid19 für unvorbelastete Menschen unter 60 Jahren weitgehend ungefährlich ist, wird die Politik entsprechend handeln.

Ist diese Einsicht gereift, wird es nicht lange dauern und wir behandeln Covid19 wie eine schwere Grippe. Das heißt: Fieber und Husten auskurieren, Hygiene-Maßnahmen beachten, Risikogruppen wie Senioren und Vorerkrankte schützen. Die Wahrscheinlichkeit, an Covid19 schwer zu erkranken oder zu sterben, wäre dann äußerst gering. Und eine dauerhafte Wirtschafts- und Gesellschaftskrise wäre gebannt. Doch für diesen Meinungswandel in der Bevölkerung müssen die Medien die Verantwortung übernehmen.

Es hängt jetzt von der Einstellung der Medienschaffenden ab: Diesmal bestimmen beim Agenda-Setting eindeutig die Medien, was die Öffentlichkeit denkt und fühlt und was die Politik dann macht und zulässt. #VerantwortungStattAngst ist besser als #WirBleibenZuhause.

Gastkommentator Dr. Matthias Hochstätter, 47, hat in München Journalismus, Geschichte, Politik und Volkswirtschaft studiert und arbeitet seit 20 Jahren in Berlin als Autor, Lobbyist und Experte für Krisenkommunikation.