Rien ne va plus! Viel geht gerade nicht im Werbegeschäft. Seit April wurden die Lichter runtergedimmt auf Notbeleuchtung. Für diese Bewertung braucht es keine Zahlen von Nielsen und GfK. Es reicht ein Blick in Magazine, Zeitungen, Werbeblöcke oder auf Plakatwände. Und Sie ahnen es: auch die Online-TKPs sind verkümmert dank Corona.

Wir machen uns gerade etwas locker nach der Schockstarre des Lockdowns und steuern in eine Rezession. Erfahrungsgemäß kommt es in Rezessionen zu einer großen Veränderung von Marktanteilen. Man kann sich in der eigenen Nussschale durch diese bewegten Zeiten treiben lassen und hoffen, dass man auf der Gewinnerseite aus der Rezession schwappt. Alternativ könnte man das angeschlagene Boot reparieren, umbauen, die Besatzung neu sortieren, Kurs und Route neu ausrichten. Sachlich, souverän und mit Weitsicht wie ein Reeder – oder wie früher Verleger.

Anstatt dessen hört man vielerorts Durchhalteparolen. Die Agma lancierte Anfang April eine Blitzanalyse, wonach die Reichweiten sogar zugenommen hätten. Die alte Print-Kernzielgruppe ist heute Corona Risiko-Zielgruppe und tummelt sich lieber am Kachelofen als am Kiosk. Realität und Branchen-Hoffnung driften auseinander.

Denken wir ein paar Monate weiter: Wie viele Werbungtreibende werden im Spätherbst 2020 sagen: „Lasst uns eine große Kampagne lostreten. Aufwendig gefilmt in Südafrika oder in den Straßen von Wuhan. Ausgerollt auf privaten TV Sendern für die Zielgruppe 20-39.“

Eben, kaum einer. Wir kennen uns Deutsche doch: An jedem Tisch sitzt ein Bedenkenträger, der dann die Hand hebt und erinnert an die schon heute sagenumwobene 2. Welle, steigende Infektionszahlen in Süd-Kassel oder davon, dass sein Nachbar seit neustem wieder stärker hustet. Und was das kostet…

Selbst auf lange Sicht, wenn viele Aktivitäten formal wieder erlaubt und finanzierbar sein sollten und das Geschäftsleben sich aus der Rezession berappelt haben sollte, bleibt in den Hinterköpfen verankert, dass es auch mit weniger geht: mit weniger Business-Reisen, weniger Echt-Meetings, weniger Personal, weniger Reichweite und weniger Werbung. Die Zukunft gewinnt immer mehr Konturen. Jetzt ist die Zeit, seinen Platz in der neuen Landschaft zu definieren. In der Rezession wird sich Goldgräberstimmung entwickeln.

Warten Sie nicht, bis alle das machen, worauf alle gewartet haben. Weil dann ist es zu spät.

Thomas Bily, der Mitgründer der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche. Wenn Sie ihn erreichen wollen: t.bily@wize.life

 

Foto: Alexander von Spreti