Philipp Jessen ist ein unmöglicher Zeitgenosse – Smartphone-Junkie, eitel und so krankhaft ehrgeizig, dass selbst Besessene wie Oli Kahn oder Pep Guardiola vor ihm erblassen müssen. Aber gerade weil er keinerlei Anstalten macht, all das zu verbergen, muss man den „Stern.de“-Boss mögen. Im Clap-Gespräch legt Jessen sein Innerstes aufs Äußerste offen. Ein Porträt aus Clap-Ausgabe 53:

„Schubladendenken ist klasse! Dieser Scheiß von wegen Menschen kennenlernen – Humbug! Es ist doch viel netter zu sagen: Verpiss Dich.“ Oder auch: „Ich kaufe ungern Toilettenpapier.“ Ohne erfrischend ehrliche Bekenntnisse wie diese, entnommen seinem ersten von zwei sehr autobiografischen Romanen, wäre Philipp Jessen nicht viel mehr als ein Mediensoldat mit Twitter-ADHS und juveniler Verehrer einer abgetakelten Hamburger Verlagsdiva. Doch der Typ ist spannend, mit Kanten, an denen man sich so lust- wie schmerzvoll stoßen kann.

Als neuer Chef der Online-Speerspitze des „Stern“ hatte Jessen eigentlich keine Chance, die Marke wieder auf Zack zu bringen. Und sie genutzt. Sieben Monate nach dem Reset schafft der 37-Jährige mit seinem 50-Mann-Team für „Stern.de“ Traffic in einer Art ran, die bei anderen News-Portalen für depressive Verstimmungen sorgt. Fast 40 Millionen Visits konnte Gruners digitales Echtzeit-Magazin im März verbuchen. Mit „Netflix- Journalismus“ habe „Stern.de“ die Meute angefixt, verkündet Jessen selbstbewusst und deutet das zum Qualitätsbeweis um. Darüber kann man streiten. Doch die Zahlen geben dem Mann Recht.

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Mit einem um Sozialpornografie und praktische Lebenshilfe angereicherten Infotainment-Konzept trifft Jessen – selbst ein begnadeter Schreiber – ganz offenbar den Massengeschmack. Dabei treibt er sein Team gnadenlos vor sich her. In den ersten Wochen seiner Amtszeit soll Jessen bis zu 40 mal am Tag in der Redaktion angerufen haben: das Thema nicht, mehr von dem da, und hier sofort eine andere Headline! „Ich bin wirklich sehr soldatisch“, sagt er, „ich kann nicht schlecht.“

Weiter mit Vollgas

Er kann nicht mal „okay“. Sondern immer nur Spitze, volles Rohr. Das müssen andere erst einmal aushalten – Familie, Freunde, Mitarbeiter. Vor allem aber er selbst. „Ich merke bei mir keine Ermüdungserscheinungen“, versichert Jessen. Er sehe auch „echt keinen Grund, das Tempo zu drosseln; ehrlich gesagt, bin ich eher gespannt, wie schnell es noch geht“. Jessen will, dass es bei „Stern.de“ funktioniert, dass seine Agenda aufgeht. Er sucht den Erfolg – mit aller Macht! Spricht von Sieg und Niederlage, so schnell, dass er sich dabei selbst überholt.

„Dieser ganze Hype ums Scheitern, dass Scheitern das Allergrößte sei, das ist doch irgendwie seltsam.“ Jessen streut eine Anekdote ein, wie er nach dem Abi nach New York ging, für ein Praktikum beim Buchverlag St. Martin’s Press. Schon als Jugendlicher hatte er ein Faible fürs Boxen. „Nach drei Monaten im Big Apple haben sie mich zum ersten Mal mit einem anderen Jungen in den Ring gelassen. Ich habe unglaublich auf die Fresse bekommen – und dabei natürlich auch irgendwie was gelernt“, blickt der gebürtige Hamburger zurück.

„Aber im Endeffekt geht es doch darum, dass Du gewinnen willst. Warum also soll ich mich darüber freuen, wenn ich verliere?“ Er kann damit nichts anfangen, wenn jemand behauptet, aus Siegen lerne man nicht. „Das ist Quatsch! Wenn Du reflektierst, warum etwas funktioniert hat, dann lernst Du aus einem Sieg mehr als aus jeder Niederlage.“ Jessen jedenfalls muss stets gewinnen: „Ich verliere unfassbar ungern. Ich bin kein Typ wie Mike Tyson, der seinem Gegner dann ein Stück vom Ohr abbeißt. Ich will einfach nur Revanche, bis es klappt.“

Den Gaul nach vorne hoppeln lassen

Neulich war er mit ein paar Kumpels auf dem Hamburger „Dom“, eine Institution unter den Volksfesten. Da gibt es unter anderem dieses Pferderennen, bei dem man Bälle in Löcher rollen muss, die je nach erzielter Punktezahl den eigenen Gaul nach vorne hoppeln lassen. Als die anderen schon weiterzogen, blieb Jessen so lange sitzen, bis auch er einmal sein Pferd vor allen Mitspielern ins Ziel gebracht hatte. Und während er das freimütig erzählt, fixiert Jessen – wie schon das gesamte Gespräch über – sein iPhone. Schaut, was sein Team macht, was die Konkurrenz treibt, lädt sich Chartbeat-Daten in Echtzeit aufs Handy.

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Persönlich sei er davon überzeugt, auch mal gut abschalten zu können. „Aber mein gesamtes Umfeld bestätigt mir das Gegenteil.“ Bei „Stern.de“ sei halt nun mal jeden Tag Schlusstag, jede Minute Schlussminute – „ich geb’s zu, ich bin krankhaft ehrgeizig, so sehr, dass es mir selbst Sorgen macht“. Scham und Schmerz darüber lächelt er mühsam weg. Etwa die Scham vor den beiden Kindern, die Tochter dreieinhalb, der Sohn sechs Monate. Die sollen ihren Vater nicht permanent mit dem Smartphone in der Hand erleben. Also kontrolliert der Papa seine Sucht.

„Ich hätte auch nie einen Vater haben wollen, der zu Hause hinter der Zeitung verschwindet.“ Er will es immer gut, immer richtig machen. Alles. Auch privat. Jessen und seine Frau – sie betreibt in Hamburg ein Restaurant – sind ein modernes Paar. Abends, wenn er nach Hause kommt, geht sie zur Arbeit. Dann hat er die Lütten. Oft kommt er auch direkt ins Restaurant, wo die drei schon warten, isst was und geht dann mit den Kindern heim. Morgens, wenn die Mama noch schläft, versorgt der Papa die Kids, eilt dann ins Büro am Baumwall. Das liegt gleich gegenüber der Printchefredaktion mit „Stern“-Krieger Christian Krug. Jessen und Krug verbindet mehr als Frisur und Bart. Die beiden sind so ziemlich beste Freunde und haben sich fachlich bei der „Gala“ schätzen gelernt.

Auf Nachfrage von Krug ist Jessen ohne Zögern mit zum „Stern“ gewechselt: „Das war für mich innerhalb einer Sekunde klar! Und wenn man bei G+J sozialisiert ist, dann ist der ,Stern‘ ja auch eine Traumdestination.“ Jessen hat den vorläufigen Höhepunkt seiner Karrierereise erreicht. Ursprünglich wollte er zum Fernsehen. Doch dann verhalf ihm die Mutter seines damals besten Freundes, Angelika Jahr, zu einem Praktikum bei der „Gala“. Dort dürfte man darüber „not amused“ gewesen sein. Aber der junge Philipp bewährte sich, interviewte gleich am ersten Tag Pamela Anderson und tags drauf Monica Lewinsky – „das Interview hatte ich sogar selbst organisiert, es wurde Titelgeschichte, glaub ich“. Fortan ward Jessen akzeptiert, denn er konnte tatsächlich was.

Abgebrochenes Studium

Nach drei Monaten wurde er in die Redaktion übernommen und damit der erste männliche Volontär der „Gala“, wie er mit seiner leicht quäkigen Stimme betont. Es folgte eine wilde Zeit. Jessen hatte sich in Lüneburg im Fach „Kulturwissenschaften“ immatrikuliert, schrieb parallel für „Bild“ und „BamS“ und an seinem ersten Roman. Das Studium brach er bald ab, weil er sich mit einem Dozenten überworfen hatte (Streitthema: „Bild“). Warum sollte ich das auch mit der Hoffnung durchziehen, danach an Jobs zu kommen, die ich jetzt schon hatte?“

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2003 veröffentlichte Jessen seinen anfangs erwähnten ersten Roman mit dem grandiosen Titel „Einarmig unter Blinden“. Entstanden ist er in Barcelona, wo sich Jessen so gelangweilt habe, „dass ich anfing, autobiografische Kurzgeschichten zu verfassen.“ Der Verlag Droemer Knaur griff zu und machte ein Buch daraus, das sich immerhin fast 10.000 mal verkaufte. Es ist ein typischer Coming-of-Age-Roman: Ein eitler Junge, der zum ersten Mal Liebeskummer hat und versucht, mit sich und der Welt klarzukommen. Lässig geschrieben, irrsinig unterhaltsam.

Einblicke ins Seelenleben

War das Debüt vor allem situativ autobiografisch, so gab Jessen mit „Wellenreise“ drei Jahre später unverblümt tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Buch Nummer 2 handelt von einem Jungen, der zu lange Junge geblieben ist und durch eine Affäre seines Vaters in die Realität gestoßen wird. Indem er seiner Mutter das Surfen beibringt, will er ihr helfen, sich selbst wiederzufinden – und findet dabei zu sich. Jessen zeigt sich hier sprachlich gereift, malt schönere Bilder als beim ersten Werk, das insgesamt unterkühlter wirkt.

Irgendwann bekam Bestseller-Autor Florian Illies die „Wellenreise“ in die Hand und war so angetan, dass er für die zweite Auflage ein hübsches Zitat zum Klappentext beisteuerte. „Ich glaub, zum ersten Mal überhaupt“, sagt Jessen. Wieder so eine perfide Selbstbespiegelung von ihm. Die E-Mail mit Illies Lob für das Werk hat sich Jessen nicht einfach nur ausgedruckt und abgeheftet: Sie hängt gerahmt in seinem Büro. Man mag ihm soviel Ego verzeihen. „Ein Buch zu schreiben ist wie eine Nahtoderfahrung. Danach bist Du allem Irdischen entrückt.“

Und vollkommen leer, der Preis für die psychische Katharsis. So leer nämlich, dass Jessen das Vorschusshonorar des Fischer-Verlags für drei weitere Werke kommentarlos retournierte. Er konnte, wollte, brauchte das nicht mehr. Hatte gesagt, was zu sagen war. Was wenige wissen: Zwischen seinen Büchern erschuf Jessen den hymnischen Text zu „Du bist Deutschland“ – die größte, von Jung von Matt kreierte Social- Marketing-Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik, ever, ever, ever, unterlegt mit der Titelmelodie von „Forrest Gump“.

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„Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume….“ – Jessen kann die Zeilen noch heute frei rezitieren. Oliver Voss von Jung von Matt hatte damals bei ihm mit der Bitte angerufen, der Agentur zu helfen. Alles saß, für die Kampagne, nur der Text wollte nicht werden. Nach zwei Stunden hatte Jessen das Stück fertig, musste es gleich JvM-Boss Jean-Remy von Matt präsentieren. Der befahl begeistert: „Genau so, es wird kein Wort geändert!“ Auf die Arbeit ist Philipp Jessen stolz.

Sein bester Text sei das aber nicht gewesen, bekennt er. Das gelte eher für sein Porträt über Frédéric Prinz von Anhalt, adeliger Gemahl der ungarisch-amerikanischen Leinwand-Ikone Zsa Zsa Gabor. Nachdem Jessen zuvor mit Alexander von Schönburg die letzte Seite der „Bild“ aufgehübscht hatte, holte ihn Ulf Poschardt zur „Vanity Fair“. Für sie sollte Jessen den Prinz von Anhalt 24 Stunden lang in L.A. begleiten. „Nach drei Minuten wollte ich abbrechen, als er anfing, mit mir über die Todesstrafe zu diskutieren.“

„Da bin ich fanatisch“

Doch Jessen hielt eisern durch, bis zum nächsten Morgen um vier Uhr. Dann flüchtete er, an Zsa Zsa vorbei, die im Nebenzimmer Gameshows glotzte, über den Balkon und die Hecken des Anwesens in Bel Air zurück in sein Hotel. Der spätere Text aber war eine publizistische Offenbarung. Frédérics feudaler Sitz gehörte einst Elvis Presley, war mittlerweile aber ziemlich heruntergekommen. Und so schrieb Jessen diesen Satz für die Ewigkeit: „Sogar das Wasser im Pool sieht so aus, als müsste man mal mit einem feuchten Lappen drüberwischen.“ Doch genau an diesem Bonmot krittelte der damalige „Vanity- Fair“-Textchef herum. Für Jessen eine Unmöglichkeit! Das kann er ja überhaupt nicht ertragen, so gar nicht, wenn er all seine Energie, sein ganzes Selbst in ein Stück oder auch nur eine Zeile wirft und dann einer – und sei es die eigene Frau – sagt: Find ich gut, nur der Satz hier gefällt mir nicht. Er selbst entscheidet, was passt, „da bin ich fanatisch“. Innere und äußere Unabhängigkeit sind für den Sohn aus bestem Hause nicht verhandelbar. „Schubladendenken ist klasse!“ schrieb Jessen einst. Wer derart polarisiert, muss sich gefallen lassen, dass andere ihn in ihr ganz eigenes Kästchen einsortieren.

(Bijan Peymani) Fotos: Frank Siemers