Es hat sich bis Süd-Mexiko rumgesprochen, dass wir Deutsche ein zögerliches Volk sind. Ständig treibt uns Angst, dass etwas schief gehen könnte. Dass der Starkregen uns den Hut wegbläst. Dass sich ein abgelaufenes Joghurt in den Einkaufskorb verirrt. Dass Griechenland uns das Weihnachtsgeld vermiest. Oder dass wir in Österreich geblitzt werden. Und wehe, es geht wirklich mal etwas schief. Dann eskaliert die Angst schnell zur Staatskrise – wie jüngst bei der Niederlage von ehemals Die Mannschaft gegen Mexiko bei der WM in Russland. So sitzen wir morgen um 20.00 Uhr vor dem Fernseher und tropfen vor Angst. Nur eine Niederlage kann uns befreien. Bei einem Sieg müssten wir ja schon wieder Angst haben vor dem nächsten Spiel. Gegen diese quirligen Südkoreaner. Um Gottes Willen. Wie sollen wir denn das gewinnen?

Haken wir die WM lieber frühzeitig ab und widmen uns verlässlichen Ängsten. Wie zum Beispiel dieser amorphen Bedrohung durch das Internet. Die jüngsten Regularien wie DSGVO und ePrivacy versteht zwar keiner und in der Sache interessiert sich auch keiner dafür. Aber sie sind ein starkes Symbol dafür, dass da irgendwas faul ist im Internet und dass man schon mit Fug und Recht Angst haben darf um seine Daten. Erst gestern vermeldete der NATO Generalsekretär, dass Russland – klammheimlich während der WM – täglich Cyber-Attacken fahre mit der Ziel „der Wiedererlangung des Großmachtstatus“. Es steht zu befürchten, dass sie uns mit einem von Putin instruierten Sieg über Schweden einlullen wollen.

In Talkrunden oder Sportsendungen dürfen freakige Sonderbeauftragte vorlesen, was „Das Netz sagt“. So als würden sie aus einer geschlossenen Anstalt berichten, die mit dem Rest der Welt nichts zu tun hat. Täglich werden subtile Warnungen über den Äther gejagt, die „dem Internet“ einen weiteren kleinen schwarzen Peter zuschieben. Jeder dieser schwarzen Peterchen ist Wasser auf die Mühlen der Bestandswahrer und Bedenkenträger. Sie sind schuld daran, dass wir alle 4 Wochen in der Tagesschau hören dürfen: Deutschland droht bei der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. Sie liefern zögerlichen Traditionalisten Gründe, digitalen Wandel so lange auf die lange Bank zu schieben, bis ihr Unternehmen mit einer Arschbacke überm Abgrund hängt. Dann werden sie sich darauf berufen, dass sie alle Regularien und Verordnungen sauber umgesetzt haben. Es ging halt nicht schneller.

In der Zwischenzeit wurde man links und rechts überholt v on neuen Ideen, Märkten oder Geschäftsmodellen. Von internationalen Unternehmen, die Herz und vor allem Verstand in die Hand genommen haben, sich nicht an Verordnungen aufrieben und keine Bedenkenburgen bauten. Wären wir bei  der Digitalisierung mal so angstfrei selbstkritisch wie beim Fussball. „Viel zu wenig war das! Viel zu wenig! Satt und behäbig wirkte die deutsche Mannschaft“, schrieb Bild zum Mexikospiel. Würde auch zu unserer Einstellung in Sachen Digitalisierung passen.

Thomas Bily, Geschäftsführer der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche. Unter folgender Mail-Adresse erreichen Sie ihn auch im Funkloch: t.bily@wizelife.de