Die 66. Ausgabe unseres Magazin ist fertig und unsere Abonnenten können sich über eine Reihe von exklusiven Geschichten freuen. Beispielsweise über die Titelgeschichte mit Jan Fleischhauer. Der „Spiegel“-Kolumnist legte sich zuletzt mit den Italienern, den Chemnitzern und seiner Ex-Frau an. Was ihn antreibt lesen im Titelporträt von Bijan Peymani. Einen Auszug aus der Titelgeschichte lesen sie hier:

Der Spitzbube

Es drängt ihn auf die große Bühne wie die Motten zum Licht. Dort spielt Jan Fleischhauer mit Wortgewalt und intellektuellem Furor selbst arrivierte Kollegen mühelos an die Wand und löst mit seinen Kolumnen auch beinahe schon einmal Staatskrisen aus. Bisweilen aber wirkt seine Souveränität gekünstelt, die Offenherzigkeit kühl kalkuliert.

Man darf es als durchaus egoistisch bezeichnen, wenn Menschen ungefragt ihr Innerstes nach außen wenden. Die einen schreien nach Hilfe, andere hoffen auf Erlösung. Kindheitstraumata, Schuldkomplexe, Liebes- und Lebenskrisen: Alles kommt öffentlich aufs Tapet, möge es nur eine kathartische Wirkung entfalten und zugleich eine möglichst große Identifikationsfläche bieten. Denn mit dem eigenen Leid lässt sich, je nach Prominenz, auch Staat machen. Dabei gibt mancher derart geschickt Persönliches preis, dass man im Grunde nichts über ihn erfährt.

Jan Fleischhauer ist spitzgefiederter Kolumnist bei „Spiegel“ und „Spiegel Online“. Und er hat ein paar Bücher geschrieben. 2009 sein erstes, in dem er mit den Linken abrechnete. Als Handlungsstrang und Argumentationslinie bemühte Fleischhauer die eigene Kindheit unter dem linksalternativen Imperativ einer dominanten Mutter. Kurz zuvor war er aus New York nach Deutschland zurückgekehrt, wo er vier Jahre lang für den „Spiegel“ wirkte. Dort hatte der Journalist studiert, wie es die Amerikaner schaffen, Sachbücher erfolgreich zu machen.

„Sie können über das linke Denkgebäude sehr wissenschaftlich und klug schreiben“, sagt er, „es wird aber nicht auf so wahnsinnig viel Resonanz stoßen.“ Nach angelsächsischem Vorbild wob Fleischhauer deshalb die eigene Biografie ein, „um damit Leser zu ködern; das ist mir ja offenbar auch ganz gut gelungen“. Tatsächlich wird „Unter Linken“ eines der erfolgreichsten politischen Sachbücher des Jahres – allen Verrissen zum Trotz. In einem weiteren Werk sowie auszugsweise im „Spiegel“ verarbeitet Fleischhauer 2017 sein Ehe-Aus samt Depressionen.

Wir treffen ihn zum Fotoshooting in München, heute Lebensmittelpunkt des inzwischen 56-Jährigen. Berlin ist längst Geschichte. Der Liebe wegen zog es den vierfachen Familienvater in die Bayern-Metropole. Er heiratete erneut, bewohnt mit Frau und zwei Kindern aus dieser Liaison – einjährige Tochter, dreieinhalb Jahre alter Sohn – eine Doppelhaushälfte in Pullach. Angeblich hat er seine Neue ganz modern über ein Dating-Portal kennengelernt. Die beiden Kinder aus erster Ehe sind erwachsen und gehen schon länger ihrer eigenen Wege.

Fleischhauer trägt ein königsblaues Jacket, dazu hellblaues Hemd, weiße Hose, Slipper ohne Socken. Er wirkt aufgeräumt, sein Auftritt mit Buch und Baguette jedoch etwas affektiert. Es ist brüllend heiß, einer dieser Hundstage des Sommers 2018. Doch der Mann mit dandyhafter Erscheinung und dem Antlitz eines katholischen Priesteranwärters bleibt gleichmütig. Lehnt, stellt und drapiert sich ordentlich in Pose. Es geht ja schließlich um ihn, um seine öffentliche Inszenierung. Irgendwann befleißigt er sich nur noch halbherzig, die Contenance zu wahren.

Die Hitze halt, und seine Ungeduld. Endlich ein schattiges Plätzchen. Auf dem Tisch liegt ein ominöser Umschlag …

 

Foto: Alexander von Spreti