Richard, Dein Text, dass Du den Glauben an den Journalimus verloren hast, passt mir nicht. Mir sind Pathos und Düsternis echt nicht fremd. Aber was soll dieser Abgesang? Sind wir echt schon so weit? Jetzt habe ich zum ersten Mal den Eindruck, Du würdest den Job nicht (mehr) aus tiefster Überzeugung machen. Oder wars nur so ein Anfall als journalistischer Stadt-Melancholiker? Ich finde, in letzter Zeit gab es schon genügend Journalisten, die auf sonderbare Art und Weise angekündigt haben, den Job hinschmeißen zu wollen. Da war es wohl nur noch einen kleinen Dreh entfernt, dieser Story noch einen spektakulären neuen Twist zu verpassen. Nein, ich will Dir da nicht unterstellen, das hättest du nur aus Berechnung geschrieben. Dein schwärmerischer Blick auf die Programmier-Cracks hat aber irgendwas von Fahnenflucht.

Ich finde, die Message ist genau die falsche. Statt solcher Überläufer-Geschichten braucht es nach wie vor Menschen mit Moral und Haltung, die den Journalismus gestalten. Brauch es doch jetzt erst recht. Statt einer Demutshaltung und das Schielen auf die Startup-Schmieden wünsche ich mir für den Berufsstand wieder starkes, ja bis an die Grenze zur Arroganz gehendes Selbstbewusstsein, das den mittlerweile nur noch Zahlen drehenden Geschäftemachern in den Managements der Verlage auch mal die Grenzen aufzeigt. Journalisten haben sich in den letzten Jahren viel zu sehr in die Opfer-Rolle drängen lassen. Wo ist das Aufbegehren?

Klar, und da gebe ich Dir recht, ist es eigentlich nicht mehr erstrebenswert insbesondere als Journalist in den Printmedien zu arbeiten. Wenn ich mich umschaue sehe ich zum Beispiel Top-Leute wie Georg Mascolo (geht da noch was mit dem Rechercheverbund?) oder Dominik Wichmann (abgetaucht), die trotz ihrer Erfahrung und Leistung keine adäquaten Jobs in der Presselandschaft haben. Und Hans Leyendecker, mittlerweile 66 Jahre alt, wird wohl nie einen ähnlich investigativen Nachfolger bei der „Süddeutschen Zeitung“ bekommen. Ist zumindest keiner in Sicht. Was mich auch seit einigen Jahren brutal nervt: es gibt viele fest angestellte Journalisten die aus Angst oder was auch immer für luschigen Gründen ihre Investigativ-Informationen nicht zu Papier bringen. Hauptsache Null-Risiko!

Aufklärer-Geschichten werden halt weder besonders honoriert, noch eingefordert. Ganz nach dem Motto: die Kloppo-Rücktritts-Geschichte hat heute ’ne halbe Million Klicks gebracht, dann gibts morgen wieder eine. Das alles geht gar nicht, trotzdem werde ich nicht hinwerfen, und wenn ich es doch irgendwann mal tun sollte, dann ganz leise. Ich bin seit 25 Jahren Journalist, es war meistens eine aufregende Zeit, die ich nicht missen will. Ich weiß nicht, ob mir die Arbeit in einer Startup-Schmiede genau so viel Spaß und Erfahrung gebracht hätte. Ich glaube es nicht, aber es beschäftigt mich auch nicht. Viel mehr will ich mich jetzt und in naher Zukunft nicht schämen müssen, wenn ich sage, ich bin Journalist. Soweit kommts noch! Texte wie Deiner helfen mir nicht weiter.

Mich erstaunt nicht, dass die Ösis Dich komisch angeschaut haben bei Deinem Vortrag, wie du ja geschrieben hast. Meine Erkenntnisse von den Österreichischen Medientagen im letzten Jahr sind da ganz andere. Die Alpenhinterwäldler, diese verrückten Hunde, nehmen den Journalismus tatsächlich noch ernst! Und, fast unglaublich, die haben da drüben auch erstaunlich stabile Auflagen mit ihren Zeitungen und Zeitschriften. Eine vitale Medienlandschaft mit einem ganz eigenen Stil. So zumindest mein Eindruck. Wahrscheinlich hast Du einfach zu viel Falco auf der Hinreise nach Wien gehört. Deine im Text angewandte Zeile „Sterben um zu leben“ kommt doch vom Gothic-Song „Out of the dark“? Hättest Du Dir mal lieber „Vienna Calling“ reingezogen, ist positiver. Oder wenigstens „Männer des Westens“, wird heute leider selten gespielt.

Der Abgesang auf den Journalismus ist aus meiner persönlichen Sicht eher so ein Deutschland-spezifisches Ding. Es gab ja streng genommen hierzulande nie so ein besondere Tradition mit dem Berufszweig. Ich kann mich an einen ähnlichen Diskurs im angesächsischen Raum in letzter Zeit nicht erinnern. Habe in London eine Zeit lang studiert, als Journalist bin ich an der Themse immer außerordentlich respektvoll behandelt worden. Nächste Woche fahre ich mit dem VDZ zur Fortbildung auch gerne wieder dorthin. Ich bin mir sicher, keiner würde in der britischen Hauptstadt verstehen, warum hier der Journalismus so grundsätzlich hinterfragt wird. Ach was, die werden mir nen Vogel zeigen!

Vielleicht erbarmt sich nach Deinem Text nun ein Serial-Entrepreneur, der an Dein Standing als High Potential glaubt und mit dir was Google-mäßiges hochzieht. Aber ich glaube und hoffe nicht, dass solche Geschäftsideen der heimliche Grund für Deinen Vorstoß waren.

Text: Daniel Häuser

Foto: Alexander von Spreti