Journalist Michael Kneissler über den kürzlich verstorbenen Thomas „Doc“ Schneider:

Als Doc Schneider mich 1997 zusammen mit Patrica Riekel zu „Bunte“ holte, hatte er einen Ruf wie Donnerhall. Seine Wutanfälle waren berüchtigt und angeblich gelang es ihm mit links, nicht nur Praktikantinnen, sondern auch die stolze Society-Gräfin Marie Waldburg zum Weinen zu bringen. Haben die dem Mann nie in die Augen geschaut? Sie zeigten seinen wahren Charakter: ein hochsensibler, liebevoller, selbstzweifelnder Mensch. Seine manchmal schroffe Arschloch-Art war purer Selbstschutz; bevor er sich verletzen ließ, machte er den Silberrücken.

 

Das allerdings konnte er ziemlich gut. Sein Look war der des aus der Zeit gefallenen Lebemanns: Er trug gern Slipper mit Bömmeln, krempelte die Ärmel des Sakkos hoch und verweigerte selbst bei extremen Minustemperaturen einen Mantel. Er warf dann, maximal, einen expressionistischen Schal um den Hals. Damit zeigte er: Einem echten Mann wie mir wird niemals kalt, wer genug Testosteron im Blut hat, muss nicht frieren. Ja, man kann sagen: Doc Schneider war einer der letzten Machos in der Branche. Und während Tiedje und Wagner über die Jahre altersmild wurden, konservierte Doc Schneider diese Attitüde.

 

Ganz ernst nehmen konnte  man sie aber nie, vor allem, weil er es selbst nicht tat. Er war ein begnadeter Geschichtenerzähler, und viele handelten von ihm selbst. Der Plot war immer spannend, das Finale ein Brüller – oft auf seine Kosten. Er hatte Humor und keinerlei Hemmungen, diesen auch auf sich anzuwenden. Seine besten Stories erzählten stets von genialen Geschäftsideen, die ihn unweigerlich zum Millionär gemacht hätten – wenn sie nicht total in die Hose gegangen wären.

 

Sein erster großer Coup fand in Costa Rica statt. Er liebte das mittelamerikanische Land wie kein anderes, aber das Bier schmeckte ihm nicht. Weil er nicht nur ein Genießer, sondern im tiefsten Herzen ein Menschenfreund ist, wollte er die Leute dort mit edlem bayerischem Gerstensaft beglücken. Er orderte ein Frachtschiff voll mit Augustiner (oder war’s Löwenbräu?) und als der Kahn seine Ladung in Costa Rica löschte, forderte Schneider die Spediteure auf, das Zeug ins Kühlhaus zu bringen. „Kühlhaus?“, fragten die Spediteure, „welches Kühlhaus?“. Das schöne bayerische Bier vergammelte bei 35 °C im Schatten auf dem Pier.

 

Misslungen ist auch das absolut sichere Geschäft mit den in Deutschland unverkäuflichen Büstenhaltern in den 90er Jahren. Doc Schneider kaufte Tonnen davon zum Schnäppchenpreis und war sich sicher, dass ihm die Dinger irgendwo in Kasachstan oder Tadschikistan aus der Hand gerissen würden. Er hatte seit seiner Tätigkeit bei der Treuhand gute Beziehung zum ehemaligen Kommunismus. Als der Sonderzug nach endloser Fahrt durch Russland und entnervenden Zollformalitäten am Zielort eintraf, stellte sich leider heraus, dass die Waggons mit A-Körbchen beladen waren, die Mehrheit der Damen dort aber erheblich üppiger ausgestattet waren. Die Mehrzahl der BHs landeten im Müll.

 

Blöd lief auch die Sache mit dem VW Beetle, den Schneider exklusiv aus der Fabrik in Mexiko nach Deutschland importieren wollte. Als sein Frachtschiff mit hundert Beetles in Bremerhaven ankam, hatte Volkswagen selbst den offiziellen Verkauf in Deutschland gestartet. Zu günstigeren Preisen als der Doc sie bieten konnte.

 

Egal, ob die Geschichten exakt so stimmten, wie Doc Schneider sie erzählte (und wie ich sie erinnere), sie waren Storytelling in Vollendung, noch bevor irgendeiner in Deutschland das Word Storytelling überhaupt kannte.

 

Außerdem war Schneider ein Auto-Aficionado, natürlich mussten seine Fahrzeuge schnell und groß sein und er kannte im wesentlichen nur zwei Fahrzustände: Vollgas und Vollbremsung. Er hielt sich für eine Zivilversion von Ayrton Senna und für den besten Autofahrer überhaupt. Der größte Vertrauensbeweis, den er mir jemals gab war, als er mich auf einer gemeinsamen Fahrt in sein Haus in der Toscana ans Steuer seines BMW X5 ließ – und neben mir einschlief.

 

Berühmt ist auch die Geschichte seiner legendären Porsche-Fahrt durch München, die kurzfristig das Vertrauensverhältnis zwischen Burda und Porsche störte. Er hatte einen monstermäßig motorisierten Sportwagen aus Zuffenhausen als Testfahrzeug. Die Testroute verlief von der „Bunte“-Redaktion in einen Münchner Club. Um die Fahrt realistisch zu gestalten, hatte Schneider eine Praktikantin mitgenommen (die, die nicht wegen ihm weinten, waren seiner betörenden Barry-White-Stimme hypnotisch verfallen). Auf dem Rückweg wollte er der jungen Frau noch schnell zeigen, wie so ein Porsche beschleunigt. Leider hatte der Doc übersehen, dass die Straße feucht und mit Straßenbahnschienen versehen war. Das Auto kam ins Schleudern und prallte gegen einen geparkten Van. Bis hierhin ist die Geschichte schon gut, aber sie wird noch besser: In dem Van beglückte gerade ein mangelhaft bekleideter Münchner Promi Nicht-seine-Ehefrau. Ein Zufall, wie ihn BUNTE nicht besser hätte erfinden können. Leider konnte die Story niemals gedruckt werden. Verletzt wurde übrigens keiner dabei. Doc Schneiders Geschichten hatten immer ein Happy End, auch wenn alles schief lief.

 

Später ging Doc Schneider nach Hamburg zu Bauer. Das war ein Fehler. Er wurde dort so eine Art Markwort, journalistischer Direktor aller Titel und bekam ein mördermäßiges Gehalt. Ich ging zu Max und meinem Freund Christian Krug, bis Doc mich ebenfalls zu Bauer holte als Chef der Entwicklungsredaktion Future. Das war für alle Beteiligten ein Kulturschock. Gerade noch in München das feudalistische, extrovertierte Leben nach Gutsherrenart, jetzt das bürgerliche, introvertierte Leben nach Kaufmannsart. Schneider war nicht wirklich glücklich in seinem Büro im Mausoleum: die marmorgeflieste 8. Etage im Bauerhaus, wo niemals ein lautes Wort zu hören war und die Chefs zum Lachen in den Keller gingen, falls überhaupt. Außerdem vermisste er den Job als Blattmacher. Jetzt war er plötzlich als Manager und Diplomat gefragt und sollte Verträge machen statt Schlagzeilen. Als er (und ich) dann schließlich gefeuert wurden, war es ihm, als falle eine tonnenschwere Last von seinen Schultern.

 

Glücklich war Doc Schneider mit seinen Mädels: der jungen Ehefrau Katja und den beiden Töchtern Coco und Lilly. Seine fette Abfindung investierte er in das Restaurant Sarto&Sarto (auf deutsch: Schneider&Schneider) am Starnberger See. Er liebte das Kochen und war besonders gut, wenn er improvisierte. Ein paar Pimentas, gutes Olivenöl, Meersalz, ein Stück Fleisch scharf in der Pfanne angebraten, dazu ein frisch gebackenes Brot und ein guter Rotwein – Doc Schneider war ein Genießer und ließ Freunde gern daran teilhaben. Nebenbei entwickelte er zusammen mit seiner Frau eine Kosmetiklinie (Salutini Tuscany) aus dem Öl seiner Olivenbäume in der Toscana. Er ließ die Früchte ernten, bevor sie reif waren, was das ganze Dorf in Aufruhr versetzte. Aber auch dafür hatte der Doc eine Super-Story: Öl unreifer Oliven sei der potenteste Fänger freier Radikaler und das tollste Anti-Aging-Produkt der Welt. Selbst Caesar habe es verwendet und die Comtessa Mafalda sei dadurch einst so schön geworden, dass kein Bild von ihr gemalt werden durfte – es hätte das Strahlen ihrer Haut niemals realitätsgetreu wiedergeben können.

 

Ja, Geschichten konnte Doc Schneider erzählen wie kein anderer. Er war ein Abenteurer, ein begnadeter Storyteller, ein leidenschaftlicher Blattmacher, ein exzellenter Koch, ein wunderbarer Vater – und mein Freund. Jetzt ist er an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Er war erst 64 Jahre alt. So einen wie ihn gibt’s nicht nochmal.

Text: Michael Kneissler

Foto: Bauer Media Group