Es ist zu hören, dass ein paar namhafte Player 2017 nicht mehr mit eigenem Stand auf der Dmexco präsent sein werden; unter anderem die mächtige GroupM und auch die TV-Sendergruppe Discovery Networks. Beide hatten zuletzt kernig investiert in opulente Stände und personelle Präsenz, um ihre Bedeutung in der digitalen Media-Welt zu unterstreichen. Digital-Amateure – wie ich – fragen sich, was hinter der Abkehr vom gehypten Messe-Star stecken könnte. 
 
Ist es die Erinnerung an 2016? Überhitzte überlaute Hallen, die in puncto Gesprächsatmosphäre eher an eine Vernehmungszelle im südamerikanischen Dschungel erinnerten und weniger an einen angenehmen Rahmen für Gespräche mit Geschäftspartnern. Na ja, dann dürfte es auch keine Bambi-Verleihung mehr geben, wo man Stunden lang den Smoking-Hintern durchschwitzen muss – nur gelüftet durch mitunter zweifelhafte Standing Ovations für Lebenswerke oder Newcomer.
 
Oder ist die Preiserhöhung für Tickets auf – im Endstadium – saftige 399 Euro schuld? Mit Anreise und Übernachtung kommt man flott auf 1.000 Euro pro Digital-Tourist. Zuviel in Zeiten des Effizienz-Wahns? Na ja, es fliegen nach wie vor Bataillone von Verlagsleuten zu Modemessen. Bis hin zur Volontärin beackern sie Kanonen-auf-Spatzen-mäßig eine Branche, die ihre klammen Taschen längst nach außen gestülpt hat. 
 
Oder ist es ein Info-Overkill, den Mediacom Digital-Chef Christian Wilkens festzustellen glaubt? Ein Kessel buntes Internet gekleidet in Buzz Words, getuned mit Hostessen und Give-Aways? In kleiner Runde gestanden sich altgediente Vermarkter offen: „Das ist einfach nicht meine Welt“. Aber wessen Welt ist denn die Goldene Palme auf der itb? Und die gibt´s schließlich auch schon 20 Jahre.
 
Die Dmexco hat einen Geburtsfehler. Sie wurde nicht in erster Linie als Messe für die digitale Branche inszeniert, sondern ist ein angestrengter Versuch der traditionellen Player, mit viel Geld ein Event der digitalen Neuzeit aufzublasen. Wegen Mail-Solutions, E-Couponing oder Ad-Trading würden sich nicht 50.000 Teilnehmer auf den Weg nach Köln machen. Ströer, Mediacom, ProSiebenSat1, G+J EMS & Co sind es, die das Publikum anziehen, die eine Dmexco zum medialen Ereignis machen. Ohne deren Glanz (und Geld) würde die Messe als Cebit der Neuzeit dahin vegetieren. Nicht beliebt, aber artentechnisch wertvoll. 
 
Wilkens wünscht sich mehr „Business-Relevanz der Teilnehmer“. Die Dmexco aber vermischt Teilnehmer aus vielen Bereichen der digitalen Branche und verwässert somit für jeden Einzelnen die Business-Zielgruppe. Hauptsache die Party ist groß. Aber ist ein gemeinsames Motto erkennbar? Wenn Ad Technology und Vermarkter Stand an Stand kleben, ist das so, als würden Drucker und Anzeigenverkäufer auf der gleichen Messe tanzen.
 
Das Kernanliegen der Dmexco ist wichtig und gut: Ein Hot-Spot für die digitale Branche zu sein, ein Must-Show-Event – und deutlich mehr als eine w&v Meetnight mit Computern. Dafür müsste sie sich fokussieren, anstatt das ganze Internet in ein paar Messehallen zwängen. Im Interesse aller. Sonst werden die Ausstellerzahlen genauso bröckeln wie die der Cebit.  
 
Matthias Wahl meinte auf der Dmexco 2016„Das Digitale ist zum existenziellen Wirtschaftsfaktor geworden. Das heißt: Wenn wir nicht die passenden Rahmenbedingungen schaffen, haben wir richtig viel zu verlieren.“ Wir kennen ja die Gruppendynamik: Wenn die Nachbarn sehen, dass Krauses nicht mehr in Sommerurlaub fahren, bleiben sie nächstes Jahr auch zuhause. War ja eh nicht mehr so gut und lustig wie früher. Und dann auch noch so heiß und stickig. Lass mal das Geld lieber sparen.
 
Thomas Bily, der Vorstand der Social Media-Plattform Wize.Life, hat für Clap Online wieder in die Tasten gegriffen. Als ehemaliger Manager in der deutschen Printmedienlandschaft (Burda, Gruner + Jahr) robbt er sich durch den digitalen Wandel und stolpert manchmal über Seltsamkeiten in seiner alten und neuen Branche.