Gehen oder bleiben? Diese Frage stellen sich gerade viele wegen des Facebook-Datenskandals. Doch die Antwort ist nicht gerde einfach – vor allem mangels echter Alternativen. Wir haben den Web-Enthusiasten Richard Gutjahr befragt, wie er künftig mit dem Social Media-Riesen umgehen will. Einfache Antworten hat er dafür auch nicht auf Lager, aber dafür einige Gedankenanstöße. 

Was werden Sie künftig anders machen? Mehr auf Instagram posten?

Gutjahr: It’s complicated. Fake News, Hate Crimes und Datenmissbrauch sind keine Kavaliersdelikte. Viele Menschen haben darunter gelitten, zuletzt etwas die Opfer von Parkland, Florida, die auf der Plattform verhöhnt worden sind. Genau wie YouTube hat Facebook hat das Problem ignoriert, diese Entwicklung lediglich als PR-Problem abgetan. Die Formel ‘Wachstum um jeden Preis’ musste früher oder später schiefgehen. 

Glauben Sie, dass sich der Ärger wieder legen wird und alle nächste Woche so weiter machen wie bisher?

Gutjahr: Facebook wurde schon oft für tot erklärt. Der Begriff Facebook-Fatigue ist so alt wie das Netzwerk selbst. Diesmal glaube ich haben wir eine andere Ausgangslage. Im letzten Quartal ist die Zahl der Facebook-Nutzer in den USA erstmals zurückgegangen. Namhafte Medien wie „New York Times“ oder der „Guardian“ verlassen die Plattform und ziehen ihre Inhalte ab. Das Heilsversprechen der Instant Articles hat sich als Rohrkrepierer erwiesen. Der Exodus hatte übrigens schon lange vor dem Datenskandal eingesetzt. 

Dieses ganze Misstrauen zu Facebook ist in den letzten Monaten immer größer geworden. Brauchte es mit Cambridge Analytica jetzt also nur einen Anlass für den ganz großen Widerstand?

Gutjahr: Was fatal an der ganzen Sache ist: Cambridge Analytica ist nur das Symptom für ein viel größeres Problem, das Facebook hat. Kein einfacher Bug, der sich schnell durch einen neuen Algorithmus korrigieren ließe. Der Fehler liegt in der Architektur des Netzwerks. Ob Twitter, Facebook oder YouTube: Krawall wird begünstigt, differenzierte Inhalte abgestraft. So etwas lädt geradezu ein zur Manipulation. Zum ersten Mal wird das jetzt sichtbar.

Das Facebook-Management wirbt in ganzseitigen Anzeigen gerade für Vertrauen. Glauben Sie, dass die hohen Herren dort wirklich zum Umdenken bereits sind?

Gutjahr: Ich fürchte, was Facebook das Genick brechen könnte, ist seine über Jahre hinweg praktizierte Nicht-Kommunikation. Auf berechtigte Kritik einzugehen hatte Facebook nie nötig. Stattdessen steckte das Netzwerk sein Geld lieber in PR- und Lobbying-Maßnahmen. Das rächt sich jetzt. Denn selbst wenn Zuckerberg es mit dem Datenschutz diesmal ernst meinen und die richtigen Schritte einleiten würde – wer glaubt das noch?

Interview: dh

Foto: Alexander von Spreti