Zwölf Jahre sind genug: Geschäftsführer Wolfgang Elsäßer beendet seine lange Karriere beim Satellitenbetreiber SES Astra zum 1. Mai 2016. Damit hat er bereits heute seinen letzten Arbeitstag. Die Position des Chefs der deutschen Niederlassung des Luxemburger Satellitenbetreibers SES Astra hatte er seit 2004. In dieser Position verantwortete er das Marketing und den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seit dem 1. April 2005 war der 47-Jährige Elsäßer zusätzlich Geschäftsführer und Chief Commercial Officer der Astra Platform Services GmbH.

Wohin es ihn beruflich verschlägt ist noch ungewiss. Privat aber hat er sich bereits einiges vorgenommen. So bricht er laut „Clap“-Recherchen zu einer mehrwöchigen Motorrad-Tour nach Südeuropa auf. Seine vorläufigen Ziele sind Gibraltar, Süditalien und die Côte d’Azur . „Man muss so etwas tun, wenn man es tun kann“, sagt Elsäßer zu Clap zu seinen Beweggründen. Drei Motorräder hat Elsäßer in der Garage stehen. Er wählt für den Motorrad-Trip allerdings nicht seine Ducati, sondern die KTM SuperDuke 1290.

Text: Daniel Häuser

 

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Wir porträtierten Elsäßer vor einiger Zeit im Clap-Magazin. Aus Anlass seines Weggangs stellen wir das Stück heute online.

 

Der Selbstironiker

Text: Bijan Peymani

Kein Glamour, kein Sex-Appeal, nicht mal ein Aufregerchen: Astra-Chef Wolfgang Elsäßer hat einen der langweiligsten Medienjobs der Republik. Er selbst offenbart im Clap-Gespräch Charme, Esprit und natürliche Demut – wie geschaffen für die neue Rolle als Honorarkonsul von Luxemburg. Doch Entwarnung: Elsäßer ist ein Alpha-Männchen und kein Kuscheltier.
 
 
Guck mal, der lässt sich streicheln. Der frisst sogar aus der Hand. Und dieser treudoofe Blick – ach ist der süß! Wer Wolfgang Elsäßer zum ersten Mal begegnet, muss sich wundern. Der Kerl ist immerhin Chef des Satellitenbetreibers Astra in Unterföhring bei München und damit Herr über 200 Mitarbeiter, regiert außerdem Marketing und Vertrieb des Dienstleisters SES Platform Services. Aber da kommt keine dieser aufgeblasenen Medienschranzen; Elsäßer ruht so wunderbar in sich selbst, beweist Humor und eine sympathische Fähigkeit zur Selbstironie. Viel gibt es über den 43-Jährigen nicht zu lesen. Genau genommen gar nichts, von Interviews zur Sache einmal abgesehen. Daran trägt auch sein Arbeitgeber SES Astra Schuld. Anders als Inhalteproduzenten wie TV-Irrenanstalten oder Verlagstollhäuser lassen Infrastrukturanbieter wie Satelliten- oder Kabelnetzbetreiber die Branchenjournaille eher laut aufgähnen – wenn sie nicht gerade um  milliardenschwere Sportrechte mitpokern. Ist ja auch ganz schön kompliziert, so ein Geschäftsmodell, und die viele Technik. Wer will sich das schon ernsthaft zumuten. Elsäßer wollte. Er macht den Job bereits seit 2004, und das mit Lust, wie er bekennt. Ein paar Mal im Jahr darf er in der Fachpresse vorsprechen, ansonsten interessiert sich kaum einer für den gebürtigen Franken. Auch wenn er sagt, er sei „nicht der Typus von Medienmanager, der so exhibitionistisch mit meinem Privatleben umgeht“: Andere Unternehmen haben in der Tat mehr Lametta. Unter den Infrastrukturanbietern verströme Astra immerhin einen gewissen Sex-Appeal, kontert Elsäßer, „im Vergleich sind wir eine Blondine mit Idealmaßen“.
 
Dann schiebt der Mann mit der Gabriele-Krone-Schmalz-Gedächtnisfrisur einen Werbeblock fürs eigene Haus hinterher. Seine wasserblauen Augen leuchten, nun darf Elsäßer das machen, was er am besten kann: verkaufen. So sicher er hierbei auftritt, so ungelenk wirkt er in seiner neuen Rolle als Honorarkonsul von Luxemburg – eine Ehre, die Elsäßer Mitte Mai auf Geheiß der im Großherzogtum ansässigen Muttergesellschaft zuteilwurde. Und in die er sich, weil ihm das Pfauengehabe abgeht, noch einfinden muss: „Ich bin Honorarkonsul in Ausbildung.“ Er sei dazu „wie die Jungfrau zum Kind gekommen, ich habe mich nicht darum bemüht“, so Elsäßer. Und es klingt sympathisch naiv, wenn er mit kindlicher Begeisterung von Treffen mit Ministern erzählt oder von Projekten zwischen luxemburgischen und deutschen Hochschulen. Den Honorarkonsul will Elsäßer unter anderem dazu nutzen, die Filmförderung voranzubringen: „Wie ich in meinem neuen Amt gelernt habe, ist Luxemburg international führend in diesem Bereich, finanziert regelmäßig auch Blockbuster.“ Das scheint ihn wirklich zu beeindrucken. Elsäßer ist nicht der weltläufige Konzernlenker, der knallharte Dealmaker, der Eintänzer auf dem Börsenparkett. Geboren und aufgezogen in Nürnberg, habe er sich erst vor zwölf Jahren aus seiner fränkischen Heimat gewagt, bekennt er, bis dahin sei Würzburg die weiteste Station gewesen. Heute lebt Elsäßer zufrieden mit Frau und bald vier Söhnen („wir sind schwanger“) in Oberbayern, ist „inzwischen ganz kultiviert“, verkneift sich Ausrufe wie „allmächd“. Er sei „stolzer Franke“, aber schon aus Jobgründen mag er nicht zurück nach Nürnberg gehen.
Dort hatte alles begonnen, dort verbrachte der Teenager Wolfgang seine wildeste Phase. Und wer weiß, was aus ihm geworden wäre, hätte es Anfang der 1980er schon Facebook, Youtube oder iTunes gegeben. Denn als Jugendlicher war Elsäßer – „damals langhaarig und ziemlich motorradverrückt“ – Schlagzeuger in der Schülerband „Tosh“. Die stand für ehrliche Indie-Musik, „selbstverständlich handgemacht. Am Anfang haben wir viel AC/DC-Zeug gespielt und so. Wie alt war ich da? Vielleicht 15“. Dann schwappte der Indie-Pop von England rüber. „Und da war ich dann voll mit dabei, in Nürnberg. War ’ne coole Zeit, ’ne sehr coole, aber auch wilde Zeit“, lacht Elsäßer, „wenn mich meine Eltern heute anschauen, sagen sie, sie hätten nie gedacht, dass aus mir noch irgendwas Sinnvolles wird.“ Obwohl, so richtig auf Karriere war ihr Sohn nie getrimmt. Immerhin konnte er die „Pubertät erfolgreich beenden“, auch dank des Zivildienstes: „Der hat mir vermittelt, dass es wichtigere Dinge gibt, als sich auszuleben, das war für mich so etwas wie eine Heilerziehungsanstalt, eine Art Resozialisierungsprogramm.“
 
Obwohl Elsäßer Schwerstbehinderte betreut hatte, habe er die Zivildienstzeit „sehr genossen“. Schule, Abi, Zivi – und dann? „Ich hatte keinen Plan, anfangs vielleicht was mit Autos, dann später fand ich Sozialpädagogik spannend und hab mich eingeschrieben.“ Doch nach einem Semester habe er realisiert, „dass man da irgendwie nix verdienen kann“. Also sattelte Elsäßer auf das Breitband-Antibiotikum BWL um, wenn auch mehr schlecht als recht: „Anfangs habe ich mich wenig ums Studium gekümmert, parallel mit einem Freund selbstständig gemacht.“ Die Messebaufirma der beiden lief gut, und allmählich erkannte Elsäßer, dass er das eine oder andere aus seinen BWL-Semestern als Jungunternehmer gebrauchen konnte. Er konzentrierte sich wieder mehr aufs Studium und zog das Ding durch. Anschließend ging er zu Grundig, wo er es bis zum Vertriebsleiter für Europa brachte.
Es folgten Stationen bei der Kirch-Gruppe und bei Premiere (heute Sky), inzwischen ist er bei Astra gelandet. Immer habe er alles auf sich zukommen lassen, so soll’s auch bleiben, „von gezielter Karriereplanung halte ich nix“. Auch wenn’s so klingen mag: Elsäßer ist beileibe kein Spieler, ein Halodri schon gleich gar nicht. Der Kerl ist und bleibt ein Alpha-Tierchen, mit einer starken Frau, die ihm zu Hause den Rücken frei hält („bin nicht der Typ Mann, der Erziehungsurlaub nehmen würde“) und ihm auf jedem Event einen Hingucker garantiert. Wer ihn besser kennt, beschreibt ihn als ziel- und ergebnisorientiert, mutig, durchaus impulsiv. Er selbst sieht sich als eine Art „Astra-Jogi“, so richtig aus der Fassung kann ihn eigentlich nur bringen, wenn jemand Dinge infrage stellt, die er voller Stolz mit seinem Team leistet.
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„Dann kann ich schon auch pampig werden.“ Oder wenn die „Tagesschau“ einen Bericht über Astra mal wieder mit Hunderten Satellitenschüsseln an einem Wohnblock bebildert. „Das ist etwas, da ärgere ich mich schwarz, weil wir seit Jahren versuchen, aus diesem Stigma der Schüssel herauszukommen und viele Tausend Euro in neue Pressefotos investiert haben, die am Ende keiner verwendet.“ Bei Premiere/Sky war das anders, da war Elsäßer Dompteur in der Medienmanege, da war er in seinem Element – er, der sich so gern an Zahlen hochzieht. Diesbezüglich musste Elsäßer bei Astra eine Lernkurve durchlaufen. Hier dauert es eine Zeit, von der Anbahnung eines Geschäfts bis zu dessen Abschluss. Statt wie bei Sky tagesaktuell die Abo-Werte aufs Handy gesimst zu kriegen, muss der Vollblut-Vertriebler heute Ausdauer beweisen, bevor er sich an den Früchten seiner Arbeit berauschen kann. „Das musste ich erst aushalten lernen“, bekennt Elsäßer und verteilt noch ein paar Liebenswürdigkeiten an seine Assistentin, ohne die er „extrem unorganisiert“ wäre („neige zum chaotischen Schreibtisch“).
Nichts aber geht dem Familienmenschen über Frau und Kinder – 15, 3 und 1 Jahr alt, und in Kürze noch ein Söhnchen, für die er sich so viel Zeit wie möglich nimmt. „Die Wochenenden sind mir heilig, da werden Sie mich praktisch nie auf einer Veranstaltung sehen.“ Dann geht’s raus mit dem Rad oder rauf aufs eigene Pferd, „meine Familie, ich selbst würde mich nie auf einen Gaul setzen, ich bin nur der Finanzier“. Elsäßer läuft lieber, zurzeit pro Woche gut 50 Kilometer. „Mein Ziel ist es, irgendwann an diesem Medienmarathon teilzunehmen.“ Ein paar Anläufe habe er schon genommen, mehrere Halbmarathons hinter sich gebracht. Die Königsdisziplin aber fehlt ihm noch. „Entweder hatte ich mich an dem Tag nicht fit gefühlt, oder es kamen Termine dazwischen.“ Wie’s halt so ist. „Aber diesen September ist es soweit, da gibt es kein Entkommen!“ Der Mann muss sich eben doch beweisen, im Job wie privat. Und er wird auch bei diesem Marathon auf Ergebnis laufen. Elsäßer hat einen Jagdinstinkt, ist bei allem Niedlichkeitsfaktor kein Kuscheltier. Vorsicht beim Füttern, kann auch mal beißen.
Fotos: Alexander von Spreti, KTM