Wenn eines stabil ist in dieser Mediawelt, die vor Disruption und Disturbia nur so strotzt, dann sind es die TV-Quoten. Dafür bin ich dem linearen Fernsehen sehr dankbar. Wir dürfen ruhig zugeben, dass wir uns auch einmal nach dem Bewährten sehnen. Es muss sich nicht alles jeden Monat auf den Kopf stellen und verändern.

Deshalb freue ich mich jeden Morgen auf die Meldungen zu den TV-Quoten des gestrigen Tages. Der letzte Münsteraner Tatort hatte eine Quote von 35 Prozent, d.h. mehr als ein Drittel derjenigen, die TV guckten, hatten Boerne und Thiel eingeschaltet. Das klingt nach viel.

Überhaupt hat das Fernsehen, allen Unkenrufen zum Trotz, an Beliebtheit in den letzten Jahren ordentlich zugelegt. Erst die Pandemie: Jeden Abend saßen Millionen vor den Fernsehern, um in täglichen Brennpunkten zu erfahren, dass die Inzidenz erneut zugelegt hatte. Kaum flaute die letzte Corona-Welle kurzfristig ab, wurde sie abgelöst von den Grauen des Angriffs auf die Ukraine. Krieg in Europa. Entsetzliche TV-Bilder, die Ängste schüren. Man möchte gar nicht wissen, was als Nächstes im Brennpunkt passiert.

Die Quoten sind natürlich hoch. Ein Brennpunkt bringt es, selbst bei 14-49Jährigen, locker auf über 30 Prozent. Nur eins zeigen sie nicht: dass immer weniger Zuschauer vor den linearen Endgeräten sitzen. Quoten sind so etwas wie eine optische Täuschung. Plötzlich schauen den Münster-Tatort nicht mehr 14 Millionen, sondern nur noch elf.

Doch die Werbebranche interessiert der Tatort null. Weil sie in den Öffentlich-Rechtlichen nach 20 Uhr bekanntlich nicht werben darf. Sie interessiert einzig die Zahl der werberelevanten Zuschauer bei den Privatsendern. Und damit kommen wir zum traurigen Teil dieser Kolumne. Denn: wo früher auch hier die Millionen sprudelten, tun sich RTL, Pro7 & Co heute schwer, überhaupt einmal eine Million 14-49Jährige vor den Bildschirm zu locken. Und wenn es bei #GNTM doch einmal gelingt, dann knallen gleich die Champagner-Korken.

Um mit Loriot zu fragen: „Ja, wo laufen sie denn?“ Nun ja, sie gucken gerade kein Fernsehen. Oder sind bei Netflix und Amazon Prime. Das ist so, als wären Sie im Marketing einer Brauerei, hätten den Marktanteil um 0,5% gesteigert, aber dennoch 5 Prozent weniger Bier verkauft, weil der Konsum rückläufig ist. Die Chefetage ist trotzdem wütend.

Die Quoten täuschen darüber hinweg, dass immer weniger Zuschauer TV-Werbung sehen. Nun wird es aber langsam Zeit für eine gute Nachricht. Neben den Quoten der AGF gibt es dank AdScanner neuerdings sekundengenaue Zuschauerdaten aus einer Million Vodafone-TV-Haushalten. Sie zeigen uns den Zuschauerverlauf innerhalb jeder Sendung, an welchen Sender Zuschauer verloren gehen und woher eine Sendung Zuschauer gewinnt.  

Sie machen aber auch transparent – jetzt wird die Branche hellhörig – wie viele Zuschauer einen Werbespot wirklich sahen und nicht mehr nur den Durchschnittswert des ganzen Werbeblocks. Natürlich hat die AGF ebensolche sekundengenauen Messungen, aber die Sender gaben sie nie heraus. Sie mochten ihre TV-Werbekunden lieber nicht an zu viel Transparenz gewöhnen.

Ich habe es mir anders überlegt. Ich mag Veränderungen und Disruptionen doch mehr als ich dachte. Werte AGF, wir lieben euch immer noch als das beste TV-Panel der Welt. Und willkommen (Clap!) AdScanner. Willkommen in einer neuen Ära der Zuschauermessung. Da schmeckt plötzlich auch das Bier wieder besser. 

Text: Thomas Koch

Foto: Alexander von Spreti