Wer mich kennt, weiß, wie gerne ich ferne Ländern bereise. Abstand gewinne. Etwas Neues sehe. Mich aus dem Alltäglichen rausreißen lassen. In diesem Jahr machte COVID-19 diesem Ferien-Vorhaben, wie den meisten Reisehungrigen, einen Strich durch die Rechnung. So führte mich meine letzte Urlaubsroute also entlang der Ostsee, in vier Städte der eigenen Nation. Der Sicherheit halber. Auslandsreisen dann doch lieber erst zu einem späteren Zeitpunkt. Kein Gedränge an überfüllten Flughäfen, nicht zu viel Nähe zu fremden Personen. Ab ins eigene Auto und los. Nach wochenlangem „Nicht-Reisen“ ein wunderbares Gefühl, auch wenn man denkt, man weiß, was auf einen zukommt.

Doch einheitliche Corona-Grundregeln in der Republik? Fehlanzeige. Selbst in den Hotels einer Unternehmenskette galt es, sich in jeder neuen Stadt an neue, teilweise nicht wirklich nachvollziehbare Regeln anzupassen. Mit der eigenen Lebenspartnerin in einem Fahrstuhl zu fahren? An manchen Orten ein scheinbar kühnes Vorhaben! Getränke von der Bar mit aufs Zimmer nehmen? Nicht überall erlaubt und wenn, dann doch bitte nur im Pappbecher. Oder die bei scheinbar steigendem Alkoholpegel nachlassende Handhabung der Maskenpflicht, die es in manchen Restaurants oder Bars zu beobachten gab: Alle tragen Masken. Nur die Gäste tragen Masken. Nur die Angestellten tragen Maske bis hin zu: „Bei uns muss keiner Maske tragen!“. Hauptsache ist doch, man sitzt gemütlich beieinander?!

Wenn man in den letzten Tagen dann ein wenig wagemutiger wurde und sich gar wieder eine Geschäftsreise mit dem Flugzeug zutraute, traf man am Flughafen vor allem auf eines: auf Nichts! Gähnende Leere. Eine schon fast apokalyptische Kulisse, die für jeden Gruselfilm oder actionreiche Verfolgungsjagten herhalten könnte. Die Flughäfen von München, Köln, Zürich…Geisterstädte! Mit Beginn der Ferien änderte sich das Aufkommen an den Check-In-Countern natürlich ein wenig, doch zeigen die Zeitungen nicht aktuelle Bilder von überfüllten Stränden an den deutschen Küsten, einsame Buchten dagegen auf den Balearen?

Ist das nicht verwirrend? Bleiben wir im eigenen Land, um uns dann dicht gedrängt vermeintlich einer geringeren Ansteckungsgefahr auszusetzen? Reisen wir weiter wie zuvor und setzen dabei vielleicht doch unsere Gesundheit aufs Spiel? Ganz abgesehen von der durch das Fliegen schlechte, ökologische Gewissen? Hü oder Hott, wie ist es denn nun richtig? Halte ich mich an Regeln und Konventionen oder breche ich diese und mache mir, ganz im Sinne von Pippi Langstrumpf, die Welt, wie sie mir gefällt? Dieses Dilemma kommt Ihnen bekannt vor? Aus Ihrem Arbeitsalltag, aus der Kommunikation und dem Umgang mit Geschäftspartnern, mit Kunden oder Dienstleistern? Der Spagat zwischen dem Wunsch, die eigenen Visionen umzusetzen, transparent zu beraten und dennoch stets kompromissbereit zu agieren?

Daher nun einmal die berufliche Hand aufs Herz: Zukünftig wird es nicht nur die Frage sein, ob man Geschäftstermine, die Reisen bedingen, nicht auch gut als Videokonferenzen durchführen kann. Diese Erfahrungen haben wir in den letzten Wochen ja nun ausgiebig gemacht. Dass man sich für bestimmte Geschäfte auch mal tief in die Augen oder die Rahmenbedingungen vor Ort angeschaut haben muss, kein Thema. Denn sind wir mal ehrlich: Wie oft reist man durchs Land, um dann nach einer gefühlten Viertelstunde festzustellen, dass beim Gegenüber gar kein Geschäft zu erwarten ist? Diese Ganztagestrips für ein kurzes, erfolgloses Minuten-Meeting kosten nicht nur Zeit und Geld, sondern vor allem Energie. Bei aller Liebe zum Reisen plädiere ich künftig dringend dafür, Erstgespräche per Videokonferenz zu führen. Auch wenn man dafür auf vielleicht spannende, neue kulturelle Erfahrungen verzichten muss.

Die weit wesentlichere Frage, die uns die Corona-Zeit aufdrängt, ist doch, wie möchten wir in Zukunft miteinander umgehen? Im beruflichen Umfeld, im privaten Kreis? Auf Reisen oder zu Hause? Kann man auf das begrüßende Händeschütteln dauerhaft verzichten oder gehört es einfach zu unserem kulturellen Habitus? Muss ich mich in den Flieger setzen, um die Wichtigkeit eines Business-Deals zu betonen? Ist nicht jetzt die Zeit gekommen, um alte Verhaltensmuster zu überdenken und mit dem Mut zu mehr Ehrlichkeit reinen Tisch zu machen? Dinge straighter, direkter und ohne taktische Verzögerung auszusprechen? Kann uns die durch das Virus aufgedrängte Distanz so nicht eigentlich näherbringen? Indem wir keine Zeit mehr mit unnützen Floskeln vergeuden?

Es geht nichts über persönliche Begegnungen, aber lasst sie uns offener angehen. Lasst uns Prioritäten setzen und so mehr Zeit für das (Er)leben haben. Mit dem Fokus auf das Wesentlich ist auch ein Urlaub vor der sprichwörtlichen eigenen Haustür gar nicht so verkehrt!

 

Fotos: Stefan Hoff

Stefan Hoff ist Geschäftsführer des technischen Dienstleisters Nobeo TV und Vorstandsvorsitzender des TV-Verbands VTFF. Er schreibt regelmäßig für Clap.