Die spektakuläre Entwicklung der Gamestop-Aktie bewegt die Wirtschaftspresse. Welche Macht die sozialen Medien über Aktienkurse haben können, wurde an diesem Beispiel deutlich. Wir sprachen mit dem n-tv-Börsenexperten Markus Koch über die Entwicklung. 

Dass soziale Medien die Kurse von Aktien bestimmen können und nicht professionelle Institute scheint ein bisher völlig unterschätztes Phänomen zu sein. Hatten Sie erwartet, dass es eines Tages so weit kommen wird?

Koch: Das konnte in diesem Ausmaß niemand voraussehen und hat viel mit der rasanten Gamifizierung des Aktienmarktes durch Social Media zu tun. Die Allianz der Rebellen kämpft in Star Wars gegen die dunkle Macht des Imperiums. Die Guten, gegen das Böse; organisierte Kleinanleger gegen böse Hedgefonds. Ein gefährliches Unterhaltungsspiel. 

Sie hatten ja schon vor kurzem auf den Social News-Aggregator Reddit auf ihren Kanälen aufmerksam gemacht. Glauben Sie, dass demnächst weitere Hedgefonds wie möglicherweise Melvin über diese Website in Schieflage gebracht werden könnten? Dass dies nicht unmöglich ist, hat das Beispiel Gamestop ja nun gezeigt.

Koch: Die irrationalen und gewaltigen Kursausschläge sind Fehlfunktionen, die drohen das Vertrauen in den breiten Aktienmarkt zu untergraben. Hier geht es nicht mehr nur um mögliche Schieflagen und die Rettung von Hedgefonds, sondern um die Stabilität des Finanzsystems. Gekoppelt mit den spekulativen Exzessen am Derivatemarkt, kann das Gummiband schnell reißen. Das Weiße Haus und Finanzministerin Janet Yellen beobachten die Lage bereits. 

Viele Medien berichten gerade über den unglaublichen Höhenflug von Gamestop, der nun durch Privatanleger ausgelöst wurde. Die „Wirtschaftswoche“ schrieb gerade zum Thema „Amateure unter sich“. Wird die Macht der sozialen Medien etwas unterschätzt? Über das deutsche Forum von Wallstreet Online wurde bislang in dieser Hinsicht auch wenig berichtet.

Koch: Jetzt sicherlich nicht mehr, wobei der Trend dahin mit dem rasanten Aufstieg von Robinhood schon letztes Jahr sichtbar wurde. Dass die Gebühren für den privaten Aktienhandel von den meisten Online-Brokern im Herbst abgeschafft wurden, hat die Lust am Börsenspiel natürlich auch gefördert. 

Auf welchen Plattformen schauen Sie sich eigentlich um, um spannende Informationen zu bekommen?

Das ist weit gefächert und geht von Marketwatch über TheStreet.com bis hin zu Barrons, Twitter und meinen eigenen direkten Verbindungen zur Wall Street quer Beet. 

Herr Koch, Sie leben in New York. Wie ist denn gerade dort die Stimmung nach der Inauguration von Joe Biden?

Koch: New York ist ausgesprochen liberal und zeigt sich mit dem Regierungswechsel hoffnungsvoll, aber nicht euphorisch. Wie durch die Finanzkrise, wird die Schere zwischen Arm und Reich durch die Pandemie größer, was soziale Spannungen vorprogrammiert. 

Interview: Daniel Häuser