Mann der Stunde ist Exaring-Geschäftsführer Christoph Bellmer, der mit seinem neuen Angebot Waipu.tv den normalen Kabelanschluss am liebsten „wegwischen“ würde. Auf jeden Fall sorgt er vor allem wegen der eigenen Glasfaserinfrastruktur seines Unternehmens Exaring für gehörigen Wirbel. Obwohl Bellmer einst das Bundesliga-Angebot Arena mit aufbaute, den operativen Betrieb des Kabelnetzbetreibers Unitymedia verantwortete und danach für ProSiebenSat.1 den VoD-Dienst Maxdome führte, ist über den öffentlichkeitssscheuen Medienmacher nur wenig bekannt. Clap traf ihn vor ein paar Jahren für ein ausführliches Porträt, das wir aus gegebenem Anlass online stellen.

Der Spassbomber

Er rettete die Lkw-Maut und stampfte einen Fußballsender aus dem Boden. Verglichen mit derlei Himmelfahrtskommandos muss den neuen ProSieben-Fun-Boss Christoph Bellmer die Mission bei P7S1 geradezu langweilen.
Zu seinem Glück sind damit technische Spielereien verbunden. Doch Hand drauf: Bald geht der Hobbypilot auf neuen Kurs.

Horizontal fliegt die Maschine an, steigt in einem halben Looping steil in die Höhe, bis sie in Rückenlage kommt und dann mit einer eleganten Drehung um die eigene Achse zurück in die Normalfluglage rollt. Als die Erde Christoph Bellmer nach dem atemberaubenden Manöver wieder hat, strahlt der 48-Jahrige zufrieden. Den „Immelmann“, eine von etlichen Figuren in der Kunstfliegerei, hat er an diesem Tag sauber hinbekommen. Gewissenhafte Vorbereitung, höchste Konzentration und präzise Ausführung – hier ist Bellmer für Momente ganz bei sich.
Es sind Talente, die ihn nicht nur in seiner Sportart zu einem der Besten haben werden lassen, sie ebneten auch den Karriereweg des Diplom-Ingenieurs. Und spätestens, seit Bellmer Mitte des vergangenen Jahrzehnts das Maut-Konsortium um Daimler und Telekom – ja letztlich die ganze Nation – vor einem Desaster bewahrte, trägt der zweifache Familienvater den Nimbus, Unmögliches zu erreichen. Mehr Risiko als bei Toll Collect ging Bellmer lediglich als COO von Unity Media: den Start des Fußballbezahlsenders Arena, aus dem Nichts gebaut in kaum sechs Monaten.
Angesichts solcher Himmelfahrtskommandos drängt sich der Verdacht auf, den TV-Manager für ProsiebenSat.1 zu geben, ist unter Bellmers Niveau. Seit zwei Jahren verantwortet er bei „Deutschlands erfolgreichster Senderfamilie“ – in München hat man‘s halt gern mal ein paar Nummern größer – alle nicht werbefinanzierten Fernsehaktivitäten der Gruppe. Maxdome als Filmbibliothek auf Abruf zählt ebenso dazu wie Internetglotze und Pay-TV, das sich national mit dem neuen Kanal „ProSieben Fun“ mächtig zur Nummer eins für Entertainment aufbläht.

Das verheißt klingende Münze

Natürlich ist das alles bedeutsam, natürlich steht hinter jedem Schritt im Bereich „New TV“ (so der offizielle Name von Bellmers 100-Mann-Einheit) eine klare Strategie. Und in dem Maße, wie sich die Technik weiterentwickelt, verheißt das klingende Münze. Aber füllt dieser Job Bellmer, den einstigen Überflieger, wirklich aus? „Ich würde gern noch ein paar große Dinge bewegen“, offenbart er im Gespräch mit Clap, „mit Vorliebe solche, bei denen andere daran zweifeln, dass man sie schaffen kann.“ Und die nicht nur ihm persönlich von Nutzen sind.
Das TV-Business ist dafür viel zu profan. Einer vom Format eines Christoph Bellmer sähe sich wohl eher im Top-Management bei Airbus – oder gleich bei einer Weltraumbehörde. Dann könnte sich der passionierte Flieger auch den Wunsch erfüllen, einmal zum Mond zu fliegen („wär ich sofort dabei!“)Schon als kleiner Junge habe er davon geträumt, Pilot zu werden, erklärt Bellmer, der fast sein halbes Leben am Geburtsort in Hannover verbracht hat. Dort prägte ihn vor allem die humanistische Bildung am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium.
„Ich habe erkannt, dass mir Mathematik und Physik besonders liegen, die andere Hälfte des Gehirns allerdings auch eine Existenzberechtigung hat, und dass man beides gut miteinander kombinieren kann.“ Etwa dergestalt, die Schülerband „Midnight Ramblers“ zu gründen, in der Bellmer, damals noch mit blonder Mähne statt des Bürstenhaarschnitts, am Bass spielte und Riffs auf der E-Gitarre. Im Repertoire: unter anderem Songs der „Stones“. Eine derart entfesselte Seele mag man dem Mann kaum zutrauen, der so nüchtern und kontrolliert wirkt.
Als Mr. Zuverlässig, bescheiden im Auftritt, zurückhaltend mit großspurigen Ankündigungen, repräsentiert Bellmer einen modernen Typ von Medienmachern, die in Verlagsstuben wie TV-Anstalten die Führung übernommen haben. Die sich nicht mehr nur über diesen einen Job definieren, mithin Distanz zu ihrem Tun haben. Sich privat genauso über Werbepausen ärgern wie der TV-Michel und ihre Zuschauer als Kunden verstehen, die ihnen mit Daumen oder Füßen unmissverständlich klar machen, wie sie ihr Tagewerk zu verrichten haben.

Smalltalk? Nein danke!

Bellmer hat das verstanden, spricht vom Markt, den es – zumindest aus Sicht der Privaten – zu bedienen gelte, formuliert ohne Wortgirlanden und Pleonasmus. Präzise Fragen, präzise Antworten, das mag er. Smalltalk scheint ihm eher lästig. Und wenn er Zeithorizonte „kleiner zehn Jahre“ definiert, kommt der Naturwissenschaftler durch. Bellmer hatte in Hannover und München Elektrotechnik und Datenverarbeitung studiert. Danach lebte kurz noch einmal der Traum vom Fliegen auf. Statt ins Cockpit verschlug es den Ingenieur jedoch zu Compunet.
Nach dem Verkauf der Firma an General Electric wechselte Bellmer zunächst mit dorthin, um sich anschließend im Geschirr des schwedischen Wallenberg-Clans als Venture Capitalist zu verdingen. Die New Economy erstarb, die Schweden verloren das Interesse an Startups und Bellmer die Lust am Wagnis. Er heuerte bei T-Systems an, in vermeintlich ruhigem Telekom-Gewässer – von wegen: Kurz darauf sollte er zum Maut-Ausputzer werden. Bei alledem bewahrte sich Bellmer seine Passion für die Fliegerei, erwarb gar die Berufspilotenlizenz.
Er dürfe praktisch jedes Gerät fliegen, „außer Hubschrauber – ja, ich könnte mein Geld damit verdienen, wenn ich müsste“. Muss er nicht. Ans Steuer setzt sich Bellmer – und nicht allein für Loopings oder Immelmänner – trotzdem regelmäßig. Manchmal auch für Dienstreisen, ein Lustjob, den er auf eigene Rechnung übernimmt, wie der TV-Manager betont. Und dann hat Bellmer seit 2010 ja noch eine eigene Firma, die Bell-M-Air Aircraft &Consulting, die alle Services rund um die Fliegerei vorhält. „Eine reine Nebentätigkeit“, wie er klarstellt.

Im Auftrag von König und Vaterland

Denn Kraft und Konzentration gelten ProsiebenSat.1. Wenn sich Bellmer auf eine Aufgabe einlässt, dann macht er sie richtig und bis zum Ende. Beim inzwischen abgewickelten Sender Arena („damals der tollste Job in Deutschland“), bekennt Bellmer, habe er sich im ersten Jahr schon als Fremdkörper gefühlt. Aber jetzt, nach sechs Jahren, sei er angekommen, im TV-Zirkus. Pay-TV hierzulande zum Durchbruch zu verhelfen, sei sicher nicht vergleichbar mit früheren Herausforderungen, aber einen schlafenden Markt wach zu küssen, mache Spaß.
Nun ist „Spaß“ insgeheim nicht das, was ein Christoph Bellmer sucht. Er braucht gewiss die fordernden Projekte („dafür bin ich auf jeden Fall zu haben“), aber bitte mit Anspruch, wenn es geht, am liebsten im Auftrag von König und Vaterland. Man könne ihn schnell langweilen, räumt Bellmer ein. Und er hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, wann Dinge auf ihre Weise abgeschlossen sind, so wie bei Arena. Dann strebt Bellmer nach Neuem. Ganz reibungslos schien das im Sommer 2008 am Vorabend der Finanzkrise aber nicht gelaufen zu sein.
Erst im Mai des Jahres darauf fand Bellmer wieder ein Engagement, sinnigerweise bei der Ex-T-Systems-Tochter Media Broadcast, zu jener Zeit frisch an die französische TDF-Group verkauft. Nun ist Bellmer bei ProsiebenSat.1, spricht tapfer von großen Erwartungen für den „Fun“-Bezahlsender, untermauert von flotten Expertenprognosen. Doch irgendwie fehlt der zuvor steilen Karriere seit dem Arena-Abschied die Thermik. Holt Bellmer das – unbewusst? – durch, wenn er Tiraden wie jene parieren muss, es sei doch nicht gerade ein gradliniger Karrierelauf, als Elektroingenieur im TV zu enden. Bellmer: „Da habe ich ja nicht geendet!“
Im Moment ist er voll drin. Und Menschen, die mit ihm, die unter ihm arbeiten, loben sein Talent, zuhören zu können. Bellmer sei als Chef fordernd, er gebe aber auch viel Freiraum. Wären da nicht sein gelegentlich etwas harscher Tonfall, die zeitweilige Unausgeglichenheit. „Ich habe Tage und Tage“, sagt Bellmer. Vielleicht hat ihm zuvor einfach jemand mal wieder nicht richtig zugehört, denn das kann ihn „irre auf die Palme“ bringen. Dann wird der oftmals kühl wirkende Niedersachse, der nur auftaut, wenn er Vertrauen fasst, erst ruhig, danach laut.

„Dschungelcamp, das unterschreitet meine mentale Geschmacksgrenze.“

Wesenszüge, die ihn unberechenbar machen und andere zu ihm auf Distanz halten. Ganz anders, wenn Bellmer vom Fliegen erzählt, sich vor Begeisterung seine Stimme überschlägt. Oder wenn sein feiner Humor („eher Harald Schmidt als Stefan Raab“) durchscheint. Unter dem Eindruck deutscher Haudrauf-Comedy dürften Lacher bei ihm dann eher rar sein. Aber: „Ich schaue senderübergreifend alles, außer Dschungelcamp, das unterschreitet meine mentale Geschmacksgrenze.“ Um richtig abzuschalten, hilft Bellmer ohnehin der Sport viel besser.
Spaziergänge, Schwimmen, natürlich die Fliegerei, aber auch Wakeboarding und Kitesurfen – das sorgt für den nötigen Ausgleich. Dabei muss Bellmer, wie er sagt, nicht immer der Erste, der Beste sein: „Ich hab auch Tage, da zieh ich den Loop mit großer Lust total krumm in die Luft.“ Wer mit ihm die richtige Wellenlänge findet, der kann mit Bellmer Pferde stehlen – oder einfach einen launigen Abend im Restaurant verbringen. Kleiner Tipp: dann aber besser beim Japaner, nicht beim Chinesen. Bellmer liebt Sushi. Ente verdirbt ihm den Appetit.

Text: Bijan Peymani

Foto: Alexander von Spreti