Sagen Sie mal ganz ehrlich, war das nicht großartig? Mal wieder „draußen“ essen zu gehen? Ja, ich meine, dieses draußen, wo man aus dem Haus geht. Nicht, um dem Lieferando-Menschen die Lieferung abzunehmen. Sondern richtig draußen in so einem Lokal. Geben Sie’s zu: Sie waren ziemlich aufgeregt. Wie damals vor dem ersten Date mit dem Schwarm, den man seit Wochen heimlich anhimmelte. Krisen, stellen wir überraschend fest, haben auch etwas Tolles. Sie machen einem bewusst, was zuvor völlig selbstverständlich war. Was früher „normal“ war, wird plötzlich zu etwas Besonderem. Mehrmals in der Woche mit Geliebten, Freunden oder Geschäftsleuten essen zu gehen zum Beispiel. Oder morgens um halb fünf aufzustehen, um den ersten Flieger zu nehmen. Was haben wir das vermisst …

In der Kaffeeküche mit Kollegen zu schwatzen, über den Chef herzuziehen und den neuesten Tratsch auszutauschen. Es werden sehr lange Kaffeepausen bei so viel Tratsch, der sich in den Wochen angesammelt hat. Länger werden auch die ersten Meetings im Büro, nachdem jeder erst einmal erzählen muss, wie schlimm es mit der Familie auf so engem Raum war (ein befreundeter Kreativer erzählte mir, sie waren drauf und dran, die Tochter zur Adoption freizugeben) und welche Netflix-Serien man unbedingt gesehen

haben muss. Aber erst einmal den Kleiderschrank umräumen. Die guten Sachen („Does it spark joy?“) wieder nach oben, nachdem an deren Stelle die Jogginghosen lagen, in denen man wochenlang vor dem Rechner im Homeoffice rumlungerte. Viele freuen sich schon deshalb aufs (New-Work-)Büro, weil sie endlich aus diesem vertrackten Homeoffice wieder rauskommen. Denn das bestand für viele aus einem provisorisch am Küchentisch aufgebauten Rechner mit fragwürdiger WLAN und einer Projektablage zwischen Gewürzdosen und liegengebliebenem Frühstücksgeschirr. Bei Ihnen nicht? Na gut, wer ein 180 qm großes Anwesen mit luxuriösem Arbeitszimmer und Garten am Waldrand sein Eigen nennt, kennt dieses Problem nicht einmal in Ansätzen. Auch nicht die Rückenschmerzen, die sich nach wenigen Tagen einstellen, wenn man auf einem Stuhl arbeitet, dem der TÜV das Prüfsiegel „Ergonomie geprüft“ schallend lachend verwehren würde.

Nein, das Büro ist eine großartige Erfindung. Der allmorgendliche Berufsverkehr auf dem Weg dorthin, überfüllte und verspätete Züge auch. Wir sehnen uns doch genau danach, selbst wenn wir von „The New Normal“ philosophieren. Insgeheim lieben wir die vielen Menschen um uns herum und den Lärmpegel, der einen nicht in Ruhe denken lässt. In Wirklichkeit ist es „The New Wow“. Wow zum Büro und den Kollegen, den verhassten, aber auch zu den tollen, inspirierenden. Wow zu überflüssigen Meetings, die uns von produktiver Arbeit abhalten, aber zum Meister im Powernapping machten. Wow zum Mittelplatz in der Eurowings Economy, der uns die große, weite Welt erleben lässt. Wow zum Stau, der uns endlich wieder Zeit gibt, den geliebten Podcast zu genießen.

Wow zu den Umsatzsprüngen, vor denen wir jetzt stehen. Zumindest, wenn wir bald die Umsätze der Vormonate erreichen, also v.Chr., was neuerdings „vor Corona“ bedeutet. Wow zu den Projekten und Aufträgen, die wochenlang brachlagen. Wow zu den Anrufen der Medienvertreter, auf die wir so lange verzichten mussten. Wow zu allem. „The New Wow“ sollten wir uns möglichst lange erhalten. Bevor die nächste Krise kommt.

 

Foto: Alexander von Spreti