Auf einer Reise durch Australien vor einigen Monaten (siehe Foto) haben wir uns intensiv mit der indigenen Bevölkerung des Kontinents beschäftigt, den Aborigines. Unser profitorientiertes Wirtschaftssystem ruft bei ihnen in den meisten Fällen nur ein verständnisloses bis mitleidiges Kopfschütteln hervor. Ihr seit mehr als 60.000 Jahren überlieferter, konsequenter Umgang mit den ihnen zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren hat mich wiederum stark beeindruckt.

Ich musste anlässlich des EU-Gipfels am vergangenen Wochenende an die Erzählungen einiger Aborigines im Red Center Australiens denken. Das mehr als 1 Billion Euro schwere Paket für Wiederaufbauprogramme innerhalb der EU ist ebenso ein für die Gemeinschaft historisches Ereignis, wie für Millionen einzelne Bürger*innen ein existentieller Lichtblick. Als überzeugter Europäer hätte ich mir weniger nationale Partikularinteressen, weniger Erpressung und dafür mehr gemeinsame Perspektive gewünscht. Denn was für mich jetzt zählt, ist Verantwortung nach der Corona Krise – auch und gerade gegenüber denjenigen, die den vereinbarten Geldsegen einmal zurückzahlen werden müssen.

Die Aborigines fühlen sich tief verantwortlich für den Boden auf dem, und von dem sie leben. Etwas einfach nur auszubeuten, ist ihnen vollkommen fremd. Durch ein gezieltes Abbrennen von Bodenflächen verstehen sie es seit unzähligen Generationen, die Vegetation regelmäßig zu verjüngen, dadurch zukünftige Ernten zu sichern und mehr Tiere (=Nahrung) in ihre Jagdgebiete zu locken. Sie leben also nicht etwa romantisch „im Einklang mit der Natur“, sondern greifen von Zeit zu Zeit ziemlich massiv in eben diese ein. Sie lassen zu, dass etwas gehen muss, wenn Neues entstehen soll. Sie sorgen sogar aktiv dafür.

Weil der natürliche Kreislauf bestimmt ist von der Abwechslung aus Kommen und Gehen. Nur einzelne Religionen machen da ihre Ausnahmen, da ist Gehen bisweilen ein beängstigend endgültiges Ereignis. Auch manche Entscheider*innen in Politik und Wirtschaft versuchen sich an ähnlichen Ausnahmen, wenngleich unter ganz anderem Vorzeichen. In ihrem Weltbild ist Gehen unpopulär, unbequem, dem nächsten Karriereschritt nicht zuträglich, und darf somit nicht vorkommen.

Konjunkturen, die vermeintlich nicht abkühlen dürfen

Mit den nationalen Konjunkturpaketen sowie den EU-weiten Wiederaufbauprogrammen setzt sich die Geldschwemme der letzten Dekade fort. Mit einem gravierenden Unterschied. In den letzten 10 Jahren ist billiges Geld auf eine florierende Wirtschaft getroffen. Was für eine herrliche Party! In den nächsten Jahren wird es dagegen vermutlich eher ungemütlich. Ich bin grundsätzlich Optimist. Aber nach allem was ich höre und lese, scheint mir eine (bequeme) V-förmige Rückkehr zum wirtschaftlichen Status quo vor Corona eher frommes Wunschdenken denn größere Wahrscheinlichkeit.

Auch und gerade die Medien- und Agenturlandschaft wird in 12 Monaten anders aussehen. Auf Umsatzeinbrüche um die Hälfte und mehr, folgt ein weiter angespannter Werbemarkt, wenn der bereits vor der Türe erkennbare wirtschaftlichen Abschwung eintritt. Das wird diejenigen hart treffen, die in der Vergangenheit vorwiegend ihr Stammgeschäft gepflegt und der Digitalisierung nur einen Platz am Beistelltisch zugewiesen haben. Wie gehen wir also jetzt damit um?

Wenn die staatlichen Geldbörsen offen sind, ist es vergleichsweise einfach, nach Geld, Subventionierung oder Investitionsprogrammen zu schreien. So grundsätzlich richtig der Ansatz von „whatever it takes“ anlässlich von Eurokrise und aktuell Corona ist, benötigt wird in Anbetracht dessen auch ein verantwortungsvoller Umgang. Die Vegetation auf der Wirtschaft basiert, wird ohne nachhaltig gelebte Verantwortung nicht verjüngt. Das betrifft die EU als Gemeinschaft ebenso, wie Deutschland als Gesellschaft, sowie jede einzelne Organisation.

Lasst uns optimistisch Zukunft gestalten

Ihre Bindung an das Land betonen die Aborigines mit der Überzeugung „We belong to the land“. Darin liegt kein Besitzstanddenken, darin liegt das tiefe Empfinden einer Verpflichtung. In Anbetracht der epochalen Situation ist es Zeit für einen nachhaltigen Eingriff in unser Wirtschaftsleben, in seiner Konsequenz an zahlreichen Stellen ähnlich dem konsequenten fire-stick-farming der Aborigines.

Jetzt ist der Zeitpunkt, bereits vor Corona begonnene Projekte und Budgets noch einmal kritisch zu hinterfragen. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich von Produkten oder Geschäftsmodellen endgültig zu verabschieden, deren Refinanzierung schon während des Booms der letzten 10 Jahre von Budgetplanung zu Budgetplanung immer nervenaufreibender wurde. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich von Denkmodellen und Organisationsmodellen zu lösen, die außer einem warmen Gefühl gewohnter Behaglichkeit in Zukunft gar nichts mehr auslösen. Sie waren oft schon vor Corona lähmend.

Besser als in den letzten 10 Jahren wird es absehbar für viele Modelle nicht mehr. Also lassen wir sie gehen. Niemand soll meinen, das würde ihre Vergangenheit schmälern. Aber auch Marken, Geschäftsmodelle und ganze Unternehmen haben einen Abschied in Würde verdient, wenn ihre Zeit gekommen ist. Und die ist genau jetzt! Werfen wir also nicht die Investitionsmittel und Ressourcen in Geschäftsmodelle von gestern, die wir für das Gestalten von morgen benötigen.

Jetzt ist der Zeitpunkt, den Blick vom Spiegel oder dem Rückspiegel zu lösen. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich dem Kunden zu stellen, seinem bereits lange veränderten Lese-, Seh-, Hör-, Nutzungs- oder Buchungsverhalten. Jetzt ist der Zeitpunkt, sich mit KPIs zu beschäftigen, d.h. Schlüsse und Maßnahmen aus ihnen zu ziehen, Organisationsformen zu hinterfragen. Stellen wir uns endlich den großen Herausforderungen und ergreifen endlich die Chancen der Digitalisierung! Jetzt gilt es Verantwortung zu zeigen und den Boden für kommende Generationen zu bereiten. Auch wenn es bedeutet, etwas Gehen zu lassen.

Peider Bach war viele Jahre lang Verlagsmanager unter anderem bei Gruner + Jahr und der Motor Presse. Er schreibt regelmäßig für Clap.