„SAP schockt die Anleger“, war die Schlagzeile. Und wie haben sie sie geschockt? Mit gekappten Gewinnprognosen wegen Rückgängen in den Umsätzen, aber auch aufgrund erhöhter Investitionen in den Cloud-Bereich. SAP wurde von Investoren und Medien abgewatscht.

Ich finde, dass es ist ein sehr mutiger und richtiger Schritt von SAP ist, risikoreich in die Zukunft zu investieren. Wenn man sich den Status der weltweiten Technologiebranchen vor Augen führt, sieht man, dass es in Deutschland außer in Nischenbereichen keine Weltmarktführer mehr wie zum Beispiel Google, Apple oder Amazon gibt. Woran das liegt? Google und besonders Amazon waren bereit, kurzfristig eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen, um in eine langfristige Strategie und innovative Produkte zu investieren. Diese Entscheidung geht immer mit Risiken einher.

Aber was ist die Alternative? In der Technologiebranche gilt: Was heute noch ein gewinnträchtiges Business ist, kann in fünf Jahren schon ein Ladenhüter sein. Denken Sie an die Datenbanken, mit denen sich einst so viel Geld verdienen ließ.  Heute gibt es genug Software, die man frei oder mit einem überschaubaren Budget erwerben kann.

Eine Möglichkeit wäre, sich als Unternehmen eine Nische zu suchen und dort vielleicht gutes Geld zu verdienen, aber nicht mehr so schnell zu wachsen. Mit dieser Strategie kann man nicht mit den kapitalstarken Marktführern mithalten. Zudem besteht die Gefahr zu stagnieren und zu einem Übernahmekandidat zu werden. Bestes Beispiel sind einige Maschinenbauer, die von ausländischen Unternehmen übernommen wurden.

SAP steht stark unter Druck. Cloud-Anbieter wie Salesforce haben sich genau angeschaut, was Kunden wollen und dafür schlanke, flexible Lösungen entwickelt. Sie mussten dabei nicht auf existierende Kunden achten und konnten Software ohne historischen Ballast entwickeln. Auch investierte Salesforce über Jahre und schaute weniger auf Gewinnmargen. Wenn man in der ersten Liga mitspielen will, muss man mutige Entscheidungen treffen und das Risiko auf sich nehmen, dass für mehrere Jahre die Rendite geschmälert werden, Verluste entstehen und sich der Weg vielleicht als der falsche erweist. Aber dem gegenüber steht der potenzielle Gewinn und der wäre sehr groß.

Diesen Mut erleben wir gerade auch in der Esports-Industrie, die nur existiert, weil Investoren an die Zukunft glauben. Bis auf die Game Publisher schreiben fast alle Unternehmen Verluste. Diese werden als Anlaufkosten für eine potenzielle neue Entertainment-Industrie betrachtet, die in Zukunft mehrere Hundert Millionen Fans haben wird. Wenn man sich die Altersstruktur von Fußball und Esports anschaut: der Esports hat viele junge Fans, die älter werden, irgendwann Einkommen haben und dieses unter anderem für Merchandising ausgeben werden. Die Esports-Branche kann größer werden als die Fußball-Industrie. Nicht nur für Fans, sondern auch für Spieler ist der Zugang einfach und jederzeit möglich – auch von zuhause.

Doch was ich in Deutschland immer wieder feststelle ist, dass im Gegensatz zu den Inhabergeführten Unternehmen, die nicht ständig auf die Gewinnmarge schielen, die Aktionäre das risikoscheue Verhalten des Managements meist nicht nur unterstützen, sondern sogar fördern. Ein CEO wird schnell gefeuert, wenn er nicht entsprechende Gewinnmargen präsentiert.

Die Entscheidung von SAP war richtig. Vielleicht sogar überfällig. Dasselbe gilt für VW, wenn sie in Elektroautos investieren – mit dem Risiko, dass es doch nicht die richtige Technik ist. Im Moment sieht es aber eher danach aus, als ob VW sich damit die Zukunftsfähigkeit sichert.

Martin Dachselt ist Gründer und Chef von Bayes Esports und war bereits in den Gründungsteams mehrerer Startups tätig, unter anderem bei Click&Buy, Lieferheld und Smartfrog. Der studierte Mathematiker und Computerwissenschaftler kennt sich bestens in der Welt von Daten, IOT und Digitalisierung aus. Für Clap kommentiert er erstmals das Marktgeschehen.

Dachselt, oben rechts im Bild, mit seinem Team

Fotos: Bayes Esports