Bis vor kurzem dachte ich, es wäre nur so ein flaues Gefühl. Kann ja gar nicht so schlimm sein, wie ich vermute. Doch zufällig stolperte ich über ein Zitate- Ranking und das offenbarte das Schlamassel in seiner ganzen Dimension. Die Relevanz ehemals renommierter Magazine ist im steilen Abwärtsflug.

2.855 Mal wurde „Der Spiegel“ 2011 zitiert. 2019 kam er nur noch auf 1.275 Zitate. Also mehr als halbiert. Tendenz: weiter fallend. Trotzdem reicht es für die Spitzenposition der meist zitierten Medien in Deutschland (Quelle: PMG Presse Monitor, Mediatenor). Stern und Focus, die beiden anderen aus dem wöchentlichen Dreigestirn, verkümmern mittlerweile auf den hinteren Rängen. Deren paar Rest-Zitate resultieren wohl eher aus alter Verbundenheit oder Zufall.

Zitiert wird man, wenn man Dinge früher meldet als andere. Dafür ist eine wöchentliche Erscheinungsweise viel zu langsam im Jahre 2020. Bis das gedruckte Produkt auf dem Küchentisch liegt, wurde jedes Thema dieser Welt schon mit Trilliarden von Tweets, Posts und Streams durchgenudelt: von der Trainerentlassung bis zur Wahlniederlage. Dass ein Printtitel in dieser Geschwindigkeitsschlacht noch etwas nachliefern kann, was unbedingt zitiert werden muss, mutiert in dieser Speed-Landschaft zum Glücktreffer.

Zitiert wird man auch, wenn man Dinge exklusiv oder besser weiß als andere. Dieser Trumpf wird in Redaktionen, die immer mehr auf Kosten und immer weniger auf Qualität getrimmt werden, von Monat zu Monat schwächer. „Der Spiegel“ liegt noch vorne liegt im Zitate-Ranking, weil in der Redaktionsarbeit noch auf Qualität geachtet wird. Dass der Stern und Focus kaum mehr zitiert werden, ist Zeichen dafür, dass deren Content Qualität für die meisten nicht mehr erwähnenswert ist. Das sind natürliche Folgeerscheinungen von geschrumpften Teams, gepoolten Ressorts, eingedampften Kosten und Recherche via Suchmaschinen.

Die Erkenntnis heute lautet: Über die sogenannten Nachrichtenmagazine und deren Inhalte spricht man immer seltener. Sie haben ihre Funktion verloren in einer gehetzten Medienlandschaft. Ob sie erscheinen oder nicht, hat auf die Meinungsbildung in Deutschland keinen spürbaren Einfluss mehr. Hätten sie keine Online Plattformen als Lautsprecher in die neue Welt, würden sie gar kein Gehör mehr finden.

Die Zukunft ist digital und das Verlangen nach guten, verlässlichen journalistischen Angeboten ist heute größer denn je. Es gäbe so viele ungelöste Fragen, brisante Themen und Wahrheiten aufzudecken wie nie zuvor. Aber halt nicht nur montags oder donnerstags, sondern rund um die Uhr. Und nicht im Abo-Modell, sondern im Amazon-Modus: nur das, was ich will, und das sofort und bequem.

Besser wäre es, die Leidenschaft für Journalismus, Wissen, Geld und Zeit in neue Produkte, Kanäle und Angebotsformen fließen zu lassen.

Digitalstratege und Ex-Verlagsfachmann Thomas Bily schreibt regelmäßig für Clap. Mehr über ihn erfahren Sie auf seiner Webseite digital-age.marketing
 
Foto: Alexander von Spreti