Für die Nachfolge des scheidenden ZDF-Intendanten Thomas Bellut stellen sich mit Norbert Himmler, Programmdirektor des Senders, und Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, zwei Kandidaten zur Wahl. Ein klarer Favorit ist nicht auszumachen, gegen beide gibt es intern durchaus Vorbehalte. Und so könnte sich der ZDF-Fernsehrat als verantwortliches Gremium am Ende auf eine Alternative verständigen.

Im Frühjahr hatte Thomas Bellut verlauten lassen, am 15. März 2022 werde es für ihn „nach 40 spannenden Jahren im Mediengeschäft Zeit für einen neuen Lebensabschnitt“. Eine dritte Amtszeit als ZDF-Intendant strebe er nicht an. Damit war das Rennen um die Nachfolge eröffnet – ein Rennen, das gelaufen schien, bevor es begann: Wie schon 2012 als Programmdirektor des Senders, sollte Norbert Himmler seinen Chef einmal mehr im Amt beerben. Himmlers Wahl zum ZDF-Intendanten durch den 60-köpfigen Fernsehrat galt als eine Formalie, gab es doch keinen Gegenkandidaten. Jedenfalls bis Ende Mai.

Dann warf Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, ihren Hut in den Ring, sehr zum Erstaunen – andere behaupten: zur Verärgerung – vieler im ZDF-Zentrum in Mainz-Lerchenberg. Offiziell wird eine Lagerbildung dementiert. Doch bekannt ist, dass Hassel wohl auf Vorschlag von zwei Fernsehratsmitgliedern zur Intendantenwahl antritt, die dem „roten Freundeskreis“ zuzurechnen sind. Himmler indes sei der Favorit des „schwarzen Freundeskreises“. Beide Kreise wären jeweils auf Stimmen aus dem gegnerischen Lager angewiesen, um die für die Wahl nötigen 36 Stimmen für „ihren“ Kandidaten zu sichern.

Himmlers Verdienste im und für das ZDF sind unbestritten. Der gebürtige Mainzer begann seine Karriere im Sender als studentische Aushilfskraft. Er gilt als Miterfinder von ZDF neo und Förderer von Jan Böhmermann. Nicht nur damit, sondern auch über den Ausbau des Bereichs Fiktionales/Unterhaltung hat Himmler den Sender deutlich verjüngt und das ZDF in den Mainstream geführt. Branchenpolitische Themen – Hauptagenda eines Intendanten – zählten bisher nicht zum Brevier des 50-Jährigen, weshalb ihn manche für das künftige Amt nur in Teilen geeignet halten. Aber auch Gegenspielerin Hassel steht im Feuer.

Zwar wird der 57-jährigen Kölnerin zugute gehalten, dass sie mit ihrer sehr nachrichtlichen Ausrichtung die Andienung des ZDF an den Mainstream bremsen könnte. Doch innerhalb des Senders – auf den ARD-Fluren ist Ähnliches zu vernehmen – sind Hassels Handwerk und Auftreten nicht unumstritten. Selbst Fans irritiert, dass sich die Journalistin öffentlich nicht mehr Neutralität auferlegt. So jubelte Hassel Anfang 2018 der neu gewählten grünen Doppelspitze per Twitter zu. Und trotz Ringen um die ZDF-Intendanz befragte sie Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock am 10. Juni noch im ARD-Format „farbe bekennen“.

Vor allem jedoch nehmen es ihr ZDF-Getreue übel, dass sich Hassel aufdrängt, nachdem sie selbst sich eigens nicht um die Intendanz beworben hatten, um im Personalplan des Senders mitzuspielen. Sei’s drum: „Als Personalausschuss wird das Erweiterte Präsidium zu seiner Sitzung am 15. Juni 2021 Tina Hassel und Dr. Norbert Himmler einladen“, heißt es seitens des ZDF. Dabei werde auch geklärt, ob die Corona-Pandemie eine Wahl in der Fernsehratssitzung (die müsste in Präsenz durchgeführt werden) am 2. Juli 2021 erlaube.

Wie immer der Termin liegt, es könnte noch spannend werden, passen doch auch andere – vielleicht sogar besser als die offiziellen Kandidaten – zum Anforderungsprofil des ZDF für die künftige Intendanz: persönliche Unabhängigkeit, ausgeprägte Werteorientierung, strategische Kompetenz. Bettina Schausten etwa, derzeit Vize unter ZDF-Chefredakteur Peter Frey. Sie war als dessen Nachfolgerin im Herbst 2022 im Prinzip gesetzt.

Text: Bijan Peymani

Foto: Jana Kay