Jeder Journalist wünscht sich oft, im Zentrum des Geschehens zu sein. Das war „Playboy“-Chefredakteur Florian Boitin beim EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich auf jeden Fall. Nur ahnte er bei dem heran nahenden Gleitschirmflieger zunächst nicht, in welcher Gefahrensituation er war, als er seine Handykamera einschaltete. Er dachte erst an einen ungeplanten Zwischenfall, als der Flieger nur um Haaresbreite an ihm vorbeiflog. Seine Erlebnisse schildert er hier:

„Am Dienstag startete die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Weltmeister Frankreich ins EM-Turnier. Zum Spiel in die Münchner Arena waren rund 14.5000 Zuschauer gekommen. Das letzte Mal, dass Menschen an diesem Ort ein Fußballspiel live mitverfolgen konnten, lag exakt ein Jahr und 99 Tage zurück. Ich war auf Einladung eines Sponsors da, ironischerweise der Partner übrigens, gegen den sich die Aktion richtete, die Minuten vor Beginn der Partie für einen gewaltigen Schreckmoment sorgen sollte. Kurz: Ich war also einer der glücklichen, die das Auftaktmatch der DFB-Elf live erleben durften.

Glück war an dem sommerlichen Abend aber auch in anderer Hinsicht vonnöten. Kurz vor 21 Uhr, nur wenige Sekunden vor dem Anpfiff, sah ich wie über mir – etwa auf Höhe des Stadiondachs – ein Gleitschirmsegler seine Bahnen zog. Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt nicht von einem ungeplanten Zwischenfall ausging, sondern eine einstudierte Showeinlage des Veranstalter hinter der Aktion vermutete, hielt ich den Flug des Piloten mit meiner Handy-Kamera fest. Die Szenerie war ja an und für sich spektakulär. Wollte offenbar ein Stuntman einen gelben Ball per Luftpost zum Anstoßpunkt bringen. Tolle Idee.

Durch die Linse konnte ich dann verfolgen, wie der am Himmel kreisende Gleitschirmflieger sich in einem der Drahtseile, die über dem Spielfeld für Kameras gespannt sind, verhedderte. Nach einem kurzen Trudeln schien der Gleitschirmpilot die Kontrolle über sein Fluggerät allerdings wieder erlangt zu haben – und setzte mit einem großen Schwenk über das Stadionrund zum Landeanflug an. Dann ging alles blitzschnell. Der Pilot verlor stark an Höhe und rauschte mit großer Geschwindigkeit nur wenige Meter an uns vorbei. Wie knapp und gefährlich die Situation war, merkte ich aber erst in dem Moment, als der Flieger mit seinem am Rücken befestigten Rotor – und mit lautem Krachen – Kamera- und Licht-Equipment der am Spielfeldrand platzierten Pressevertreter abrasierte. Tatsächlich nur ein paar Armlängen rechts von uns.

Kurz darauf landete der Bruchpilot etwas unsanft, aber nahezu unverletzt, auf dem grünen Rasen. Deutsche Spieler kamen dem Verunglückten aufzuhelfen. Von Ordnern wurde der Mann freundlich Richtung Ausgang geleitet. Noch immer war niemanden um uns herum gewahr, dass es sich – wie sich dann ja sehr bald herausstellte – um eine irrwitzige Guerilla-Protestaktion eines Greenpeace-Aktivisten handelte (und für zwei Menschen mit einem Krankenhausaufenthalt endete). Ungläubig guckte ich mir das Landemanöver, dass um ein Haar in einer Tragödie geendet hätte, nochmals auf meinem Smartphone an. Erst da wurde mir wirklich bewusst, in welch lebensbedrohliche Situation dieser Mann sich und andere gebracht hatte.“

Kurz darauf lud ich das 13-sekündige Video bei Instagram hoch. Und nur wenige Minuten später bekam ich bereits den ersten Anruf. Focus Online wollte noch in der Halbzeitpause von mir aus erster Hand wissen, was da gerade passiert war – was aber in den Fernsehbildern nicht zu sehen war. Anschließend stand, wie man so schön sagt, das Telefon nicht mehr still. Bild, Sat.1, NTV, Reuters und so weiter. Plötzlich wurde mir klar: Ich war offenbar der einzige, der die Fast-Katastrophe aus nächster Nähe erlebt und auf Video gebannt hatte. Inzwischen wird das Video auf Nachrichtenseiten in der ganzen Welt geteilt. Das Fußballspiel? Wurde durch eine unglückliche Aktion des Spielers Hummels entschieden. Zum Glück gibt es allerdings wichtigeres, als ein siegreich gestaltetes Fußballspiel.“

Text+Fotos: Florian Boitin