In dieser Woche brachte der Journalist Christian Kallenberg die Jugendzeitschrift „Pop/Rocky“ zurück an den Kiosk. Zumindest als einmalige Sonderausgabe. Ein Highlight darin ist ein Beitrag des TV-Managers Kai Blasberg. Er erzählt unter anderem, warum die TV-Serie „Dallas“ ihn heute an eine „Pornoproduktion auf Klassenfahrt“ erinnert. Die Geschichte lesen Sie hier ungekürzt. Und weiter unten gibt es noch einen interessanten „Pop/Rocky“-Podcast-Link…

„Um über das Fernsehen der 80er zu schreiben, muss ich im September 2002 anfan- gen: Es waren mehr als 700 Zuschauer an diesem Spätsommernachmittag in den Düsseldorfer Messehallen. Werbeagenturmitarbeiter, Medienvertreter, Marketingleute von großen Konzernen, Journalisten. Sie alle waren zur Telemesse gekommen. Eine Saisonvorschau der Branche für die, die das Programm bezahlen oder darüber berichten sollten. Der Comedian Olli Dittrich stand einen Stetson-Hut tragend und launig moderierend auf der Bühne, als ein silberdistelfarbener 1979er Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 in Schrittgeschwindigkeit aus dem Backstagebe- reich zur Bühnenmitte rollte. Der neben mir sitzende Besucher stubste mich an und sagte: „Mensch, das ist echt ein geiles Double.“ Und meinte den Mann, der von unten beleuchtet hinten rechts in der Limousine saß. Als dieser Mann kurz darauf aus dem Fond der Luxuskarosse stieg, merkte mein Sitznachbar: Er ist es wirklich – JR Ewing himself, Larry Hagman. Ich wusste es schon vorher. Denn ich hatte das große Glück, damals mit Mitte 30 als Marketingchef des Privat- senders Kabel 1 das Idol meiner Jugend, den Serienhelden der wohl berühmtesten Fernsehserie der 80er, anlässlich des Starts der Wiederholung von „Dallas“ bei unserem Sender zu dieser Messe ein- zuladen.

JR PRÄGTE MICH

John-Ross Ewing Jr. hatte mich wahr- scheinlich mehr geprägt als mein Vater. 1981 startete die schon seit 1978 in den USA produzierte Familiensaga in der ARD, wobei dort ernsthaft diskutiert wurde, ob man eine Serie mit einem moralisch derart verrotteten Hauptdarsteller überhaupt im deutschen Fernsehen zeigen könne.

DIESES DIABOLISCHE LACHEN

„Tschei-Ahr“, wie er in der deutschen Synchro hieß, soff morgens um 9 Bourbon-Whiskey, wenn sich das Kartell in seinem Büro zur 90-sekündigen Sitzung traf, um in der Mittagspause seine Sekretärin zu vernaschen (für Kenner: Establishment-Shot „Hochhaus“) und nachmittags Geschäftspartner über den computerlosen Tisch zu ziehen. Geschäfte waren traditionell krumm, und Larry Hagman, in Deutschland schon bekannt als Major Nelson aus der „Bezaubernden Jeannie“ der späten 60er, schloss praktisch jede Szene, in der er Mieses tat, mit seinem weltberühmt ge- wordenen diabolischen Lachen ab.

Seine Mutter Miss Ellie schämte sich für ihn, seine Frau Sue Ellen trieb er erst in den Alkohol, dann in einen permanent drohenden Selbstmordversuch und schließlich in die Arme anderer Männer, die sich aber natürlich auch nur als unterlegene Pfeifen entpuppten.

Sein Bruder Bobby, als das Gegenteil von JR ein Ausbund an Tugend und Moral, hatte nie auch nur die Spur einer Chance gegen seinen Ekel-Bruder. Ganz zu schweigen von Cliff Barnes, den Bruder von Bobbys Frau Pam und Sohn des Altrivalen Digger von JR‘s und Bobbys Vater Jock. JR hinterging alles und jeden, stiftete überall Unheil, und in einer Epi- sode gab es wegen ihm in Lateinamerika sogar Krieg.

DER LOSER FUHR NUR BMW

Dabei fuhr man mitten in Texas die Spitzenprodukte von Mercedes (S-Klasse JR, Cabrio Bobby und deren Frauen Coupé), der ewige Verlierer Cliff aber fuhr nur BMW. Alkohol floss zu jeder Tages- und Nachtzeit, geraucht wurde aber nie. Die Sexualmoral glich einer Pornoproduktion auf Klassenfahrt. Frauen hatten ih- ren Platz als Mutter, Köchin und Opfer, Männer waren knallhart, gefühllos und gossen viel Kummer mit noch viel mehr Bourbon weg.

Die ersten 254 Folgen von den fast 360 in 14 Staffeln, die zwischen 1981 und 1992 in Deutschland ausgestrahlt wur- den, habe ich alle gesehen. Ohne auch nur eine (!) auszulassen. „Bingen“ (nicht der Ort, sondern ausgesprochen „binschen“) heißt das heute. Damals dauerte so was fünfeinhalb Jahre.

DAS FERNSEHJAHR 1981

Ja, es gab auch „Denver“. Mittwochs im ZDF. Ja, hat man auch gesehen. Ja, war auch fies (eine Frau) und viel glamouröser. Aber wenn es damals schon Zielgruppenansprache seitens der Programmmacher gab, dann war „Dallas“ eine Männerserie und „Denver“ war eher für Frauen. Denn da spielte sogar schon ein Schwuler mit. Der wäre in „Dallas“ angezündet worden.

Bald nach dem Abspann von „Dallas“ endete das Programm meist gegen Mit- ternacht. Dann sendeten ARD und ZDF, die Dritten sowieso, ein Testbild. Privat- sender gab es zu Anfang des Jahrzehnts noch nicht. 1981, das Jahr des Starts von „Dallas“, war übrigens ein besonderes Fernsehjahr: Der „Tatort“ schmückte sich erstmals mit einem Kommissar aus Duisburg namens Horst Schimanski und Frank Elstner präsentierte seine Idee von „Wetten, dass..?“, „Das Traumschiff“ legte zur Jungfernfahrt ab und erzielte unfassbare Einschaltquotenrekorde.

Die ganze Geschichte steht im Heft…
Text: Kai Blasberg

 

Und wer noch hinter die Kulissen des Comebacks von Pop/Rocky blicken möchte, findet hier das Interview von „Clap“-Chefredakteur Daniel Häuser mit Christian „Kalle“ Kallenberg. Die Themen waren natürlich Abba, Queen und Samantha Fox…

Foto: Twitter, Pop/Rocky