Olaf Scholz wurde in dieser Woche mal wieder als Fehlervermeider im Ukraine-Krieg verschmäht, unter anderem als „Kühlschrank-Kanzler“. Wir baten Mr. Media, Thomas Koch, um seine Meinung zum aktuellen Thema, weil er Scholz im letzten Jahr bei der Kampagne zur Bundestagswahl erfolgreich unterstützte. Wir sprachen mit Koch aber nicht nur über den Bundeskanzler, sondern auch über die Rolle von Google im Ukraine-Konflikt, über den umstrittenen russischen Außenminister Sergej Wiktorowitsch Lawrow und die positiven Aspekte der kürzlich beendeten Stop-Funding-Hate-Now-Kampagne.

Scholz befindet sich unversehens auch in der Rolle eines Kriegskrisenmanagers wieder. In dieser Woche hielt er eine staatstragende, aber nicht besonders lebhafte Rede im Bundestag. Auch dafür wurde er kritisiert. Würden Sie sich wünschen, dass er in dieser Situation ein wenig mitreißender ist?

Koch: Persönlich würde ich mir von Olaf schon mehr „mitreißen“ wünschen. Aber so ist er nicht. Er ist ein Arbeiter, der die Ziele verfolgt, die er und seine Regierungskoalition für unser Land für richtig hält. Er ist ein Arbeitstier, aber eben kein großer Redenschwinger. Außerdem lässt er sich nicht verbiegen. Darüber sollten wir uns freuen, statt ihn ändern zu wollen. Wir können froh sein, einen Menschen mit großer Sachkenntnis an der Spitze unseres Landes zu wissen.

Kritisiert wird unter anderem auch, dass er seine vielen Telefonate mit Wladimir Putin zu wenig vermarktet, die Öffentlichkeit bekommt über die Inhalte wenig mit. Was würden Sie ihm raten?

Koch: Tatsächlich erwarten wir von Politikern eine „Vermarktung“ ihrer Politik. Zu recht, finde ich. Mit einer Einschränkung: wenn es um Diplomatie geht, die aus guten Gründen nicht an die Öffentlichkeit geraten darf. Es geht bei politischer Kommunikation über ein „Tue Gutes und rede darüber“ hinaus. Die Menschen möchten wissen, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Sie hoffen in schwierigen Situationen natürlich auf eine Besserung der Lage. Olaf und sein Team sollten deshalb daran arbeiten, kommunikativer zu werden.

Es wurde viel geschrieben über die Abschaltung des russischen Senders RT Deutsch. Apps und Livestream sind mittlerweile untersagt. Andere Propagandamedien aus Russland sind aber nach wie vor über die Google-Suche einfach zu erreichen. Die große Boulevardzeitung, die Komsomolkskaja Pravda, listet Google nach Stichworteingabe beispielsweise ganz oben auf. Erstaunliche Titelstory bei KP.ru in dieser Woche: „Selenskyi verzögert die Zeit vor der bevorstehenden Kapitulation“. Müsste der Suchmaschinenriese da nicht eingreifen und die Website „auslisten“?

Koch: Selbstverständlich muss Google eingreifen. Sie tun es nicht, weil sie um keinen Preis als „Medium“ gelten wollen, welches dann Verantwortung für die Nachrichten übernehmen muss, die sie verbreiten. Sie wollen ein Präjudiz vermeiden. Dennoch nützt es nichts, sich aus allem herauszuhalten. Sie werden sich eines baldigen Tages unseren Mediengesetzen unterwerfen müssen.

Natürlich haben im Vorfeld des Krieges alle möglichen Medien über den Russland-Ukraine-Konflikt berichtet. Aber der analytische Blick schien doch eher nach Westen gerichtet zu sein. Die Clap-Online-Geschichte „Zu wenig Putin, zu viel Trump“ fand in der letzten Woche viel Beachtung. Letztendlich schien die deutsche Presse in Teilen vom Angriffskrieg zu überrascht zu sein. Warum hatte die Ukraine-Berichterstattung in den letzten Jahren keine Durchschlagskraft?

Koch: Wir staunen ebenso darüber, in welchem Umfang wir in vielen Wirtschaftsbereichen von ukrainischen Importen abhängig sind. Natürlich sind solche Fakten zugänglich, aber nicht die erste Meldung auf Seite 1. Seien wir ehrlich: es hat Journalisten und Öffentlichkeit nicht die Bohne interessiert. Das dürfte sich nunmehr geändert haben und wird sich ganz sicher in der künftigen Berichterstattung über den gesamten osteuropäischen Raum abbilden. Bis wir in die nächste Fehleinschätzungs-Falle hineintappen.

Viele Medien berichten live aus der Ukraine. Welt TV, ntv, Bild TV, und Tagesschau24 sind vorne dabei. Überall fliegen Drohnen herum, die HD-Bildqualität von Explosionen in die deutschen Wohnzimmer liefern. Manchmal erinnert das an Computerspiele wie Call of Duty. Beobachten Sie insgesamt eine neue Qualität in der Kriegsberichterstattung?

Koch: Es ist der erste Krieg, der sich tagtäglich und gefühlt ununterbrochen an unseren Smartphones, unseren Rechnern bei der Arbeit und in unseren Wohnzimmern rund um die Uhr „live“ abspielt. Das hat eine neue Qualität aber auch eine schwindelerregende Quantität, die Menschen depressiv machen kann. Wir müssen erst lernen, Nachrichten, auf die wir persönlich keinen Einfluss haben, selektiver zu konsumieren. Sonst sind die Psychiater nicht mehr auf Monate ausgebucht (dank Corona), sondern bald auf Jahre.

Stellen Sie sich vor, Sie würden Russlands Außenminister Sergej Lawrow begegnen, der früher mal als weltgewandter Diplomat gegolten hat. In dieser Woche sieht ihn die „Neue Zürcher Zeitung“ in einem lesenswerten Portrait als „Aristokrat der Apokalypse“. Was würden Sie ihm sagen?

Koch: Bevor ich ihm etwas sagen würde, würde ich ihm (Entschuldigung) die Fresse polieren. Ich glaube nicht, dass ich – sonst ein zahmer Zeitgenosse – mich zurückhalten könnte. Dann würde ich ihm sagen, dass er ein Kriegsverbrecher und Mörder ist. Und ihn höchstpersönlich vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zerren. Fragen hätte ich keine an ihn. Doch eine: Wann genau, Herr Lawrow, ist das Menschsein aus Ihnen entwichen?

Anderes Thema: Sie haben vor ein paar Tagen Ihre Stop-Funding-Hate-Now-Kampagne gestoppt, bei der sie auf fehlgeleitete Werbung auf Fake-News- und Hass-Plattformen aufmerksam gemacht haben. Manche Unternehmen haben ihre Hinweise einfach ignoriert. Mal andersherum gefragt: Welche Medienhäuser haben denn sofort und vielleicht sogar erschrocken auf ihre Recherche reagiert?

Koch: Hervorheben muss ich die „Süddeutsche Zeitung“, deren Kampagne wir als eine der Ersten entdeckten. Ihre glaubhaft erschrockene Reaktionszeit lag unter 24 Stunden. Unterboten wurde das nur von Super RTL: ihr Geschäftsführer Claude Schmit brauchte keine Stunde, um auf meine LinkedIn-Nachricht zu antworten. Besonders heftig im positiven Sinne war die Reaktion bei ProSiebenSat.1, die über ihre fehlgeleitete Werbung mehr als nur erschrocken waren: sie waren regelrecht wütend. Gruner+Jahr zählte ebenfalls zur positiven, schnellen und erfolgreichen Eingreiftruppe. Leider kann man das nicht von allen 70 Medien behaupten, deren Werbung wir entdeckten – bei den meisten warten wir noch heute auf Antwort.

Interview: dh

Foto: Alexander von Spreti, CTBTO